Nach Geburt von Nana und Lulu "Tür zum Designer-Baby offen" - Kirchen warnen vor Selektion

Von Tobias Schmidt und Stefanie Witte

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Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der bayrische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, kritisiert die Genmanipulation an menschlichen Embryos
imago/epdDer Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der bayrische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, kritisiert die Genmanipulation an menschlichen Embryos imago/epd

Berlin/Osnabrück. Nach der Geburt der ersten mutmaßlich genveränderten Babys Lulu und Nana in China schlagen Deutschlands Kirchen Alarm. Das Experiment stehe "im Widerspruch zum christlichen Menschenverständnis", sagten Spitzenvertreter. Die FDP warnt vor zu starker Reglementierung.

Wenn die Angaben des Forschers He Jiankui zur Geburt von Lulu und Nana stimmen, "dann ist hier eine Grenze überschritten worden, die ethisch hochproblematisch ist“, beklagte Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), im Gespräch mit unserer Redaktion. "Genetische Eingriffe in die menschliche Keimbahn wirken sich auf alle Nachkommen aus. Damit öffnet sich die Tür für das gezielte Formen des Designs eines zukünftigen Menschen.“

Der chinesische Forscher He hatte auf YouTube verkündet, mit der Gen-Schere Crispr/Cas9 das Erbgut von Embryonen verändert zu haben. Vor kurzem sollen die Babys zur Welt gekommen sein. An diesem Mittwoch will He seine Ergebnisse auf einer Wissenschaftskonferenz in Hongkong präsentieren.

Ein solcher Eingriff in das menschliche Leben stehe im Widerspruch zum christlichen Verständnis des Menschen, das den Menschen als Bild Gottes sieht, sagte Bedford-Strohm. „Die wissenschafts- und forschungsethischen Fragen, die sich aus dem Genome Editing ergeben, bedürfen ebenso einer intensiven ethischen Besinnung in der Gemeinschaft der Forschenden wie einer breiten gesellschaftlichen und kirchlichen Diskussion", forderte der EKD-Ratsvorsitzende.

Die Katholische Kirche warnte vor einem Dammbruch: „Wenn sich dieser Vorgang bewahrheitet, dann verletzt er sämtliche wissenschaftlichen Regeln", sagte Weihbischof Anton Losinger von der Deutschen Bischofskonferenz im Gespräch mit unserer Redaktion. „Das wäre ein Menschenexperiment. Betroffen wären bei einem solchen Keimbahneingriff nicht nur die Kinder selbst, sondern auch alle ihre Nachkommen“, sagte Losinger, Mitglied der Sozialkomission der Deutschen Bischofskonferenz. Bei dem Embryonen-Experiment seien die Folgen der Technik nicht abzuschätzen. „Wir brauchen daher in der Biogenetik ähnliche Schutzstandards wie bei den Menschenrechten. Sonst stehen am Ende Perfektionierung und Selektion."

FDP-Gesundheitsexperte und Infektiologe Andrew Ullmann betonte gegenüber unserer Redaktion zwar die Chancen der Crispr/Cas9-Methode: Genetische Krankheiten könnten korrigiert und Immunzellen programmiert werden, etwa um Krebs zu bekämpfen. "Daher machen sich viele Menschen berechtigte Hoffnung", sagte der Bundestagsabgeordnete und Arzt aus Würzburg. "Aber die Wissenschaft ist längst nicht so weit, dies anzuwenden." Es brauche "eine ethische Kontrolle, eine wissenschaftliche Bewertung der Datenlage. Nur dann kann grünes Licht für die Anwendung am Menschen gegeben werden".

Ullmann forderte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Handeln auf. "Die WHO sollte hier eine wichtige Aufgabe übernehmen und sich dringend positionieren. Sie kann einen ethischen Rahmen mit globaler Gültigkeit setzen." Eine hundertprozentige Kontrolle werde es aber "niemals geben". 

Zugleich warnte der Experte, die Genforschung in Europa dürfe "nicht zu stark reglementiert werden. Wir brauchen ein gesundes Gleichgewicht zwischen technisch Machbarem und ethisch Vertretbarem". Europa dürfe "nicht Gefahr laufen, gegenüber den USA oder Asien abgehängt zu werden", sagte der Liberale.


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