Was wird aus Lulu und Nana? Über Risiken und Chancen der Gen-Schere Crispr/Cas9

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Der moderne Frankenstein? Der chinesische Forscher He Jiankui hat die Geburt von Babys mit verändertem Erbgut verkündet.
Foto: dpa/AP/Merk SchiefelbeinDer moderne Frankenstein? Der chinesische Forscher He Jiankui hat die Geburt von Babys mit verändertem Erbgut verkündet. Foto: dpa/AP/Merk Schiefelbein

Berlin. "Auch in Deutschland wird vielerorts mit der Gen-Schere gearbeitet", schildert Jens Reich, Molekularbiologe und früherer Bundespräsidenten-Kandidat, den Forscher-Alltag. "Das ist begeisternd und faszinierend, denn in der Theorie gibt es schier unbegrenzte Heilungsmöglichkeiten", sagt er unserer Redaktion.

Der entscheidende Unterschied: Hierzulande wird die molekulare Such- und Schneidemaschine, mit der Gene eingefügt, entfernt oder ausgeschaltet werden können, in Tierversuchen und an einzelnen Zellen ausprobiert. Experimente oder gar Anwendungen an Embryonen sind verboten.

So ist es zwar auch in China, wo ebenfalls strenge ethische Regeln gelten. "Aber dass die Polizei dort neben dem Labor steht und kontrolliert, ist natürlich illusorisch", sagt Reich. Gibt es keine Überwachung, können Ruhmsucht und finanzielle Verlockungen über ethische und rechtliche Grenzen obsiegen. 

Bei Lulu und Nana wird es daher kaum bleiben. He Jiankui könnte Nachahmer finden, weitere "Design-Babys" dürften zur Welt kommen. Schon heute werden Embryonen schließlich bei künstlichen Befruchtungen vor der Einpflanzung untersucht. "Es drängt sich geradezu auf, anhand der Crispr-Methode die Embryonen zu manipulieren, also Erbschäden zu beseitigen", sagt Reich, Professor am Berliner Max-Delbrück-Centrum.

Die Französin Emmanuelle Charpentier gilt als Erfinderin der Gen-Schere. 2012 veröffentlichte sie die bahnbrechenden Grundlagen und ist seitdem ein Star. Seit 2015 forscht die 49-Jährige am Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie. 

Was hält Madame Charpentier von den Nachrichten aus Shenzhen? Auf Nachfrage hält sie sich bedeckt, will erst den Forschungsbericht zu Lulu und Nana abwarten. Aber die Gefahren, die in ihrer Entdeckung stecken, waren ihr von Beginn an bewusst. "Manche Leute wären bereit, an jeder noch so riskanten Studie teilzunehmen, wenn es nur einen Schimmer Hoffnung für sie gäbe", sagte sie kürzlich in einem Interview. Und ja, dank der Methode ließen sich "jetzt ganz einfach" Defekte im genetischen Code von Menschen reparieren. Aber in der Praxis schon die Gen-Schere ansetzen, um die Eintrittspforten des Aids-Virus zu verschließen? "Das wäre ein gefährlicher Eingriff in die Keimbahn des Menschen", warnte Charpentier.

Gefährlich aus mehreren Gründen: Die Methode kann selbst Krebs verursachen. Sie kann die Bildung von Antikörpern provozieren, sodass die erzielte Wirkung gar nicht eintritt. Und völlig unerforscht ist überdies, was für ein Erbgut Menschen ihren Kindern weitergeben, wenn ihr eigenes Erbgut verändert worden ist.

All das hat He Jiankui offenbar ignoriert. Nicht nur, was mit Lulu und Nana passieren wird, ist ungewiss. Auch die Folgen für die Forschungskultur sind nicht abzusehen. Bislang galt die Wissenschaftsgemeinde trotz des enormen Konkurrenzdrucks als zurückhaltend und transparent. Auch damit hat Chinas "Frankenstein" jetzt gebrochen.

"Die Menschheit muss dafür sorgen, dass die Technik sinnvoll eingesetzt wird und keine frankensteinschen Monster entstehen", warnt Mikrobiologe Reich. "Und wir müssen noch viel gründlicher über die ethischen Fragen nachdenken, bevor wir es einfach machen.“ Davon werde es letztlich abhängen, ob die Crispr-Methode zum Segen oder zum Fluch werde.


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