Islaminstitut: „Schwarzer Tag für Muslime“ Scharfe Kritik nach niedersächsischen Ditib-Rücktritten

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Yilmaz Kilic, Ex-Ditib-Vorsitzender. Foto: Michael GründelYilmaz Kilic, Ex-Ditib-Vorsitzender. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Der niedersächsische Ditib-Vorstand ist wegen Einflussnahmen aus der Türkei zurückgetreten. Politiker sind entsetzt. Experten warnen vor gravierenden Folgen.

CDU und FDP fordern eine Überprüfung der Zusammenarbeit mit dem Moscheeverband Ditib. „Wir werden nicht akzeptieren, dass ein Verband, der die Inhalte des islamischen Religionsunterrichts in Niedersachsen maßgeblich mitgestaltet, von der türkischen Regierung kontrolliert und gesteuert wird“, sagte der Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion, Dirk Toepffer. „Alle Kooperationen der niedersächsischen Landesregierung mit Ditib gehören deshalb auf den Prüfstand.“

Wegen zunehmender Einflussnahme aus der Türkei hatten der langjährige Ditib-Vorsitzende in Niedersachsen, Yilmaz Kilic, und mit ihm der gesamte Vorstand das Amt niedergelegt. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) bezeichnete den Rücktritt als echten Rückschlag für die bisherigen Bemühungen. „Es ist zu befürchten, dass der niedersächsische Landesverband auf Linie gebracht worden ist. Die weitere Zusammenarbeit wird nun zu überprüfen sein.“ Ähnlich äußerte sich der FDP-Fraktionsvorsitzende Stefan Birkner. „Die Landesregierung muss jetzt intensiv prüfen, ob und inwieweit Ditib Niedersachsen noch als Partner für beispielsweise den islamischen Religionsunterricht oder auch die Gefängnisseelsorge geeignet ist.“

Der Grünen-Abgeordnete Belit Onay erklärte, es werde entscheidend sein, ob Ditib Niedersachsen nun vom bisherigen unabhängigen Kurs abweiche und sich zukünftig politisch an Ankara ausrichtet.

Der Leiter des Osnabrücker Instituts für Islamische Theologie, Bülent Ucar, sagte: „Das ist ein schwarzer Tag für die niedersächsischen Muslime.“ Ucar kritisierte, es gebe einen „zentralistisch organisierten und ferngesteuerten“ Islam in Deutschland.

Schura: Neuer Vorsitzender hat Landesverband mit aufgebaut

Der Vorsitzende des zweiten niedersächsischen Islamverbandes Schura drückte ebenfalls persönliches Bedauern über den Rückzug Kilics aus. Es sei aber nicht seine Aufgabe, Entwicklungen innerhalb der Ditib zu kommentieren, sagte Recep Bilgen. Der Schura-Vorsitzende warnte aber auch: „Die islamischen Religionsgemeinschaften in Niedersachen blicken auf jahrzehntealte Traditionen zurück und sind als Institutionen gefestigt, man darf die Zusammenarbeit mit diesen Institutionen nicht abhängig von den jeweiligen Personen machen.“ Der neue Vorsitzende habe den Landesverband der Ditib mit aufgebaut ebenso wie den islamischen Religionsunterricht in Niedersachsen.

Volker Beck, Lehrbeauftragter am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien der Ruhr-Uni Bochum und Grünen-Politiker, sagte unserer Redaktion, der Rücktritt habe ihn nicht überrascht. „Die Religionsattachés der Konsulate und die Religionsbehörde nehmen starken Einfluss auf Bundesverband, Landes- und Ortsverbände der Ditib – auch teilweise über das Satzungsrecht. Der Aufsichtsrat des Bundesverbandes entscheidet, wer kandidieren darf, und Entscheidungen der Ditib können von der Diyanet revidiert werden.“ Dazu kämen Besitz- und Arbeitsverhältnisse, die Ankara den Einfluss in den lokalen Ditib-Moschee-Vereinen sicherten. „Statt einer Öffnung hat man in den letzten Jahren hier die Sicherungen eher noch ausgebaut. Das ist eine Entwicklung in die ganz falsche Richtung. Ditib agiert als Agentur des türkischen Staates in Deutschland.“ Wo es um die einzelnen Muslime gehe, müssten aber Freiheitsrechte garantiert werden.

Auch der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, bedauerte den Rücktritt Kilics: „Er hat den Staatsvertrag auf muslimischer Seite maßgeblich mit vorbereitet und den Prozess über Jahre kompetent begleitet. Damit hat er den Muslimen auch bundesweit einen Dienst erwiesen, und dafür danke ich ihm.“ Mazyek fügte hinzu: „Ich wünsche mir, dass die Landesregierung das als Weckruf begreift und das ausgesetzte Projekt Staatsvertrag wieder aufnimmt. Das hätte auch Herr Kilic verdient.“ Die Ausssetzung des Staatsvertrages habe Kilic sicherlich auch in den eigenen Reihen geschwächt und Hardlinern Auftrieb gegeben. (Mit dpa, epd)


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