Analyse zu Tierrechtlern und der Gesellschaft Das Fleisch und die Empörung: Warum Peta und Co so erfolgreich sind

Osnabrück. Seit Jahrtausenden nutzen Menschen Tiere. Tierrechtsaktivisten wollen das ändern. Ihr stärkster Verbündeter: das schlechte Gewissen.

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Tierrechtler setzen auf öffentlichkeitswirksame Aktionen. Immer wieder schockieren sie auch mit heimlich erstellten Aufnahmen aus Ställen oder Schlachthöfen. Montage: Nabrotzky/Fotos: Peta, Soko TierschutzTierrechtler setzen auf öffentlichkeitswirksame Aktionen. Immer wieder schockieren sie auch mit heimlich erstellten Aufnahmen aus Ställen oder Schlachthöfen. Montage: Nabrotzky/Fotos: Peta, Soko Tierschutz

Mit Schock-Bildern aus Ställen und Schlachthöfen, mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen treiben Tierrechtler die Agrarbranche vor sich her. Die Gesellschaft empört sich über mutmaßliche und tatsächliche Missstände im Umgang mit Tieren - und isst doch weiter Fleisch. Wie passt das alles zusammen? Ein Annäherungsversuch.


1. Die Ideologie

Es beginnt eigentlich schon mit diesem einen, großen Missverständnis, das immer wieder auftaucht: Tierrechtler sind keine Tierschützer. Sie setzen sich nicht dafür ein, dass das Schwein mehr Platz im Stall hat, ein bisschen mehr Tageslicht, ein bisschen mehr Frischluft bekommt. Sie setzen sich nicht dafür ein, dass die Gesellschaft mehr Geld für Fleisch aus guten Haltungsbedingungen ausgibt.

Foto: Gert Westdörp

Nein. Tierrechtler lehnen das komplette System der Tierhaltung ab. Sie wollen Mensch und Tier rechtlich gleichstellen. Wer ein Tier tötet, der begeht nach ihrer Ansicht also Mord. Tierrechtler werfen der Mehrheitsgesellschaft – in Anlehnung an Rassismus – „Speziesismus“ vor. Das Tier Mensch stellt sich folglich über die anderen Tiere, diskriminiert und beutet diese aus.

Es ist eine Auffassung, für die Platz ist in unserem demokratischen Meinungsspektrum. Aber dennoch rüttelt sie an den Fundamenten unserer Gesellschaft. Als „kulturelles Erbe“ bezeichnete Hubertus Paetow, Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft, kürzlich die Nutztierhaltung. Das klingt zwar pathetisch, ist aber doch richtig.

Alle großen Kulturen machten sich die Tiere zum Untertan, nutzten sie als Arbeitskräfte, als Fleisch- und Milchlieferanten. Das Tier war und ist eine Ressource.


2. Der Kampf

Die Aktivisten stellen sich gegen diesen Wertekonsens. Für ihre Ziele – beziehungsweise in ihren Augen: die Ziele der Tiere – kämpfen sie unterschiedlich resolut. In Frankreich beispielsweise machten zuletzt Berichte von Tierrechtlern die Runde, die Metzgereien stürmten. In Deutschland forderten Tierrechtler die Todesstrafe für Beamte, die den Kampfhund Chico einschläfern ließen. Der hatte zuvor seine Besitzer totgebissen. In Hannover wurde für das Tier demonstriert.

Foto: dpa/Steffen

Derart militante Tierrechtler sind innerhalb der Szene in der Minderzahl. Den Konsens der Nutztierhaltung fordern sie aber alle heraus. „Es gibt keinen Kompromiss zwischen Töten und Nicht-Töten“ von Tieren, so ein Aktivist.  

Die größte Aufmerksamkeit bekommen die Vereine immer dann, wenn sie wieder einmal Schockbilder aus Ställen oder Schlachthöfen veröffentlichen. Eher unterschwellig vermitteln sie so ihre Botschaft von der ungerechten Behandlung der Tiere, vom veganen Leben als einzig richtige Alternative. Mehr als 80 Prozent der Bundesbürger halten solche Aufnahmen für gerechtfertigt, auch wenn die Aktivisten dafür Hausfriedensbruch begehen. Das ergab eine repräsentative Umfrage im Auftrag mehrerer Tierrechtsorganisationen.

Wie viele der Befragten auch Fleisch essen, wurde nicht gefragt. Fakt aber ist, dass es keine vegane Massenbewegung gibt. 60 Kilo Fleisch isst der durchschnittliche Deutsche im Jahr. Man kann also eine zumindest stillschweigende Zustimmung zur Art und Weise der Tierhaltung in Deutschland unterstellen.


3. Die Paralleljustiz

Dennoch sind Kampagnen der Tierrechtler wirkungsvoll. Ihnen ist es dabei gelungen, eine Art Paralleljustiz im Bereich Tierschutz zu etablieren. Tierrechtler klagen an. Die Gesellschaft urteilt. Beispiel Christina Schulze-Föcking: Als Bilder von Schweinen aus dem Stall der Familie der damaligen NRW-Landwirtschaftsministerin von Tierrechtlern veröffentlicht wurden, war das Urteil schnell gefällt: Tierquälerin. Auch gegen die CDU-Politikerin wurde demonstriert.

Foto: dpa/Berg

Dass eine Staatsanwaltschaft später sagte, die Tierhaltung stehe in Einklang mit den gesetzlichen Vorgaben, fand kaum Gehör. Nach einigen weiteren Pannen trat die Ministerin zurück. Politisch erledigt war sie bereits in dem Moment, als Tierrechtler die Bilder veröffentlichten. 

Beispiel Schlachthof Oldenburg: Tierrechtler vom Verein „Deutsches Tierschutzbüro“ veröffentlichten heimlich gedrehte Bilder aus dem Betrieb. Rinder wurden vor der Tötung mutmaßlich unzureichend betäubt. Selbst der Betreiber sprach von „schockierenden Bildern“. Die großen Handelsketten kündigten ihre Zusammenarbeit mit dem Schlachthof auf, obwohl die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft noch nicht abgeschlossen waren. Die Schlachthaken sind mittlerweile leer. Wann der Betrieb die Arbeit wieder aufnimmt, ist unklar.

Wer von Tierrechtlern angeklagt wird, der ist schuldig. Und die Strafe lautet immer: Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz. Aus Tierrechtler-Sicht ist das nur konsequent. Schließlich lehnen sie Tierhaltung ab.


4. Die Medien

Erfolgreich sind diese Kampagnen auch deswegen, weil TV- und Printmedien sie aufgreifen. Sie veröffentlichen die Schockbilder aus Ställen und Schlachthöfen, sie konfrontieren die Gesellschaft mit den tatsächlichen oder mutmaßlichen Missständen.

 Aber die gebotene Distanz wird dabei nicht immer gewahrt. Es beginnt damit, dass Tierschützer und Tierrechtler in Berichten nicht auseinander gehalten werden. Es endet damit, dass sich Journalisten selbst zum Teil der Inszenierung machen. Als das „Tierschutzbüro“ vor einigen Tagen die Videos aus dem Oldenburger Schlachthof veröffentlichten, luden die Aktivisten danach vor den Betrieb selbst.

Einziger Zweck: Bilder produzieren. Eine junge Aktivistin schlüpfte in ein Kuhkostüm, ein weiterer Aktivist tat so, als steche er sie mit einem Schaumstoffmesser ab. 

Foto: Dirk Fisser

Scheinschlachtung - Die Fotografen hielten drauf. „Halt das Messer noch einmal an den Hals“, rief ein Kameramann den Aktivisten zu. Der Wunsch war ihnen Befehl. Geduldig stach der junge Mann auf die falsche Kuh am Boden ein. Immer wieder. Bis die Bilder im Kasten waren. 

Das ist vielleicht unprofessionell. Für den Vorwurf der Komplizenschaft von Tierrechtlern und Medien gibt es aber keine Belege. Die Agrarwirtschaft behauptet oft, die Aktivisten bekämen Geld für ihre heimlich gedrehten Bilder. TV-Sendungen profitierten durch höhere Einschaltquoten. Die erste Behauptung weisen sowohl Aktivisten als auch Journalisten zurück, und die zweite ist falsch. „Stern TV“ etwa verzeichnete keine ungewöhnlich hohen Quoten, als kürzlich von der "Soko Tierschutz" heimlich gedrehte Aufnahmen aus einem Schlachthof in Bad Iburg gezeigt wurden.


5. Die Kontrollen

Fakt aber ist: Diese Paralleljustiz funktioniert erstens nur, weil Medien die Bilder verbreiten. Und zweitens, weil es ganz offensichtlich Kontrolldefizite in der Tierhaltung gibt nebst einem entsprechenden Misstrauen in der Bevölkerung. Das Beispiel Bad Iburg machte es zuletzt mehr als deutlich. Wieder waren es Tierrechtler, die heimlich gedrehte Videos veröffentlichten. Bis zu 160 Kühe sollen darauf zu sehen sein, die binnen eines Monats per Seilwinde in den Schlachthof geschleift werden. Umgerechnet also etwa zwei durchschnittliche Milchkuhherden in Niedersachsen.

Foto: Soko Tierschutz

Das Ausmaß an Verrohung im Umgang mit den Tieren ist beispiellos. Offenbar steuerten einige Landwirte und Viehhändler diesen Schlachthof ganz bewusst an, um mit kranken und schwachen Tieren noch irgendwie Geld zu verdienen. Dass ihre Tiere mutmaßlich gequält wurden, nahmen sie wohl in Kauf. Veterinäre schauten offenbar weg. Aufgeflogen ist das alles nur, weil Tierrechtler heimlich filmten. Hätten sie das nicht getan, würden in dem Betrieb wohl immer noch Kühe leiden. Das staatliche Kontrollsystem hat komplett versagt. 

Mittlerweile scheint sich in der Politik die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass es hier Probleme gibt. Kontrollen sollen verschärft werden. Bevor es aber so weit war, schrieb die aktuell amtierende Große Koalition noch in ihren Koalitionsvertrag, dass „Stalleinbrüche“ von Tierrechtlern künftig härter bestraft werden sollen. 

Ein Erfolg der Agrarlobby, die dies schon lange fordert. Juristen aber warnen: Wird das Vorhaben so umgesetzt, dann wäre der Stall rechtlich besser geschützt als die Wohnung. Sollte es so kommen, sagte kürzlich ein Tierrechtsaktivist, schrecke ihn das keinesfalls ab. „Mir ist egal, wie lange ich ins Gefängnis gehe.“


6. Die Finanzen

Dieser Rigorosität, diesem Maß an Selbstaufopferung hat die Agrarlobby wenig entgegenzusetzen. Immer wieder behauptet sie, Tierrechtler würden sich an Spenden bereichern. Es ist der Versuch, am hohen moralischen Podest zu sägen, auf das sich die Tierrechtler selbst stellen. Eine PR-Agentur verschickt ein Dossier an Journalisten, in dem auf wirtschaftliche Verstrickungen führender Tierrechtler in Deutschland hingewiesen wird. In wessen Auftrag die Agentur handelt, ist unklar.

Nachweisen lassen sich die Unterstellungen bislang nicht. Aber es fällt auf, wie empfindlich manche Vertreter der Tierrechtsszene reagieren, wenn sie auf das Thema Finanzen angesprochen werden. Am lautesten wehrt sich Peta. Edmund Haferbeck (Foto), Leiter der Rechts- und Wissenschaftsabteilung bei Peta, bezeichnete entsprechende Bereicherungs-Vorwürfe im Interview mit unserer Redaktion als „Quatsch“ und legte das Gehaltsgefüge des Vereins offen: „Das Einstiegsgehalt bei Peta liegt bei 2200 bis 2500 Euro brutto, bei Führungskräften zwischen 3000 und 3400 Euro brutto.“

Foto: Marcel Schlegelmilch/Peta

In der freien Wirtschaft könnten viele Mitarbeiter deutlich mehr verdienen, betonte Haferbeck. 

Reich werden die Aktivisten und die Vereinsmitarbeiter wohl nicht. Richtig ist aber, dass sie ihre „Arbeit“ auch mit Spenden finanzieren und auch offensiv um diese werben. Bei einigen Vereinen haben die Summen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, liegen im sechsstelligen Bereich. Weil sie als gemeinnützig anerkannt sind, genießen die Tierrechtler besondere Steuervorteile. Die FDP wettert dagegen, hält das für ungerechtfertigt. Die dafür zuständigen Finanzämter haben aber wohl keine Bedenken.


7. Der Erfolg

Das Spendenaufkommen ist nur ein Gradmesser des Erfolgs. Der zweite wäre der Fleischkonsum. Wie geschrieben gibt es nach wie vor keine vegane Massenbewegung. Aber es hat sich doch etwas verändert beim Thema Tierhaltung:

Der Ethiker Martin Huth arbeitet am Messerli-Institut der veterinärmedizinischen Universität Wien und befasst sich von Berufs wegen mit der Beziehung von Mensch und Tier. Er sieht „eine klare Tendenz, dass Fleischkonsum rechtsfertigungsbedürftig ist.“ Der einst selbstverständliche Wertekonsens beginne zu bröckeln. Früher sei es allein darum gegangenen, die Bevölkerung zu ernähren. Heute hätten wir mehr Freiraum, über unsere Essgewohnheiten nachzudenken.

Das Ergebnis laut Huth: „Die Selbstverständlichkeit von Tierhaltung und Fleisch beginnt sich aufzulösen.“ Die Tierrechtler lieferten dafür mit ihren Schockbildern eine Grundlage für diese Entwicklung. Eine weitere die Wissenschaft, die immer wieder aufzeigt, dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier doch nicht so groß ist, wie lange gedacht.

Huth sagt zur Gesamtwirkung: „Die Mensch-Tier-Beziehung reduziert sich heutzutage auf Heimtiere. Unser Verhältnis zu Hund oder Katze übertragen wir auch auf Nutztiere. Und das passt natürlich nicht überein mit Massentierhaltung oder Schlachthof.“ Der Ethiker attestiert der Gesellschaft „ein kollektiv unterdrücktes schlechtes Gewissen beim Thema Fleisch.“Wo wird das hinführen? Zur fleischfreien Gesellschaft, wie sie Tierrechtler propagieren? Huth ist skeptisch. Dafür seien die kulturellen Verflechtungen zu stark. Er verweist auf den sprichwörtlichen Festtagsbraten.

Foto: Patrick Pleul/dpa

Die Aktivisten stört das nicht. Sie sind sich bewusst, dass sie ihre Ziele zu Lebzeiten nicht erreichen werden. „Die Idee, Tiere auszunutzen, ist Tausende Jahre alt. Gesellschaftliche Kämpfe waren noch nie kurz oder einfach“, sagte ein Tierrechtsaktivist vor einiger Zeit im Interview mit unserer Redaktion. 


Das Fazit

Wenn Ethiker Huth recht hat, ist dann der Aktionismus der Tierrechtler unsere unterbewusste Entschuldigung dafür, dass wir als Gesellschaft weiter Tiere nutzen und töten?

Jedenfalls findet eine ehrliche, kritische Auseinandersetzung mit unserem Fleischkonsum in der Breite nicht statt. Kein Nachdenken darüber, dass Fleisch so alltäglich und manchmal auch so billig ist wie Brot. Kein Hinterfragen der bloßen Menge, die wir essen. Die Konsumgesellschaft konsumiert Fleisch und empört sich. Sie schafft es aber nicht, das eine mit dem anderen zu verbinden. Vielleicht will sie es auch gar nicht?


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