Dicke Luft in Oldenburg Oldenburger Messstation misst Rekordwerte – ohne Autos

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Sie gleichen sich und sind doch unterschiedlich: Messstationen, die die Schadstoffbelastung in unseren Städten messen. Immer wieder gibt es Streit darum, wie aussagekräftig die Werte sind. In Oldenburg gibt es eine Station, deren Messergebnisse Rätsel aufgeben. Foto: Rolf Vennenbernd/dpaSie gleichen sich und sind doch unterschiedlich: Messstationen, die die Schadstoffbelastung in unseren Städten messen. Immer wieder gibt es Streit darum, wie aussagekräftig die Werte sind. In Oldenburg gibt es eine Station, deren Messergebnisse Rätsel aufgeben. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Oldenburg. Seit Monaten streitet die Politik über schlechte Luft in Städten und Diesel-Fahrverbote. Doch was wäre, wenn die Messwerte falsch interpretiert werden? Eine Station in Oldenburg jedenfalls meldet Werte, die Rätsel aufgeben. Ein Einzelfall? Ja. Doch dahinter lauert ein riesiges Problem, das ganz Deutschland betrifft.

Was ist los mit DENI143? Diese seltsame Frage beschäftigt derzeit die Menschen in Oldenburg, die sich vor drohenden Diesel-Fahrverboten in ihrer Stadt fürchten. Und diese Frage beschäftigt auch den Umweltminister in Hannover und indirekt seine 15 Länderkollegen bei ihrem aktuellen Treffen in Bremen. Dort geht es unter anderem um die knifflige Aufgabe, wie es gelingen kann, bundesweit zuverlässige, aussagekräftige und vergleichbare Messwerte für Schadstoffe in der Luft zu erhalten. Helfen sollte dabei eigentlich DENI143, eine von insgesamt 250 sogenannten „verkehrsnahen“ Messstationen, die das Bundesamt für Deutschland auflistet und deren Messergebnisse ausschlaggebend sein können für mögliche Fahrverbote. Doch DENI143, die Messstation für Stickstoffdioxid (NO2) am Heiligengeistwall in Oldenburg, versagt: Am 21. Oktober dieses Jahres, einem Sonntag, meldete die Station einen alarmierenden Tageshöchstwert von 54 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft – und das, obwohl an diesem Tag wegen eines Marathonlaufs stundenlang überhaupt kein Auto dort vorbeifuhr.

Ein rätselhafter Wert – viele mögliche Erklärungen

Der Grenzwert von 40 Mikrogramm wird an dieser Messstelle in der Oldenburger Innenstadt zwar regelmäßig überschritten, in der Liste des Umweltbundesamts taucht für 2017 zum Beispiel ein Jahresmittelwert von 49 auf. Doch wie kann es sein, dass dort auch dann derart hohe Stickstoffdioxidwerte gemessen werden, obwohl über Stunden kein Autoverkehr da ist? Dass die Marathonläufer, deretwegen die Innenstadt an diesem Tag für den Verkehr gesperrt war, schuld sein könnten, ist vermutlich eher unwahrscheinlich. Eine Erklärungsmöglichkeit wäre, dass Blockheizkraftwerke zweier in der Nähe liegenden Krankenhäuser möglicherweise etwas mit den hohen Werten zu tun haben könnten. Auch grundsätzlich schlechte Belüftungsverhältnisse an diesem Ort könnten hineinspielen. Auch eine wie auch immer geartete Grundbelastung mit Stickstoffdioxid wird als ein mögliches Erklärmuster genannt. Wie auch immer: Der am Marathon-Tag gemessene Wert gibt Rätsel auf. Auch der Mittelwert des fraglichen Sonntags, immerhin 37 Mikrogramm pro Kubikmeter und damit nur knapp unter dem Grenzwert, überrascht. Was also ist da los?

Auch in Oldenburg drohen Fahrverbote

Diese Frage ist von zentraler Bedeutung für die 165.000 Einwohner der Stadt Oldenburg, die mit mehr als 350.000 Übernachtungen pro Jahr auch bei Touristen sehr beliebt ist. Schließlich schwebt über ihnen allen das Damoklesschwert drohender Diesel-Fahrverbote. Denn auch Oldenburg wird derzeit von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) verklagt mit dem Ziel, Fahrverbote durchzusetzen, weil die zulässigen Grenzwerte, etwa für Stickstoffdioxid, regelmäßig überschritten würden. Die niedersächsische Stadt vor den Toren Bremens teilt damit das Schicksal von knapp 40 Städten in ganz Deutschland, die aktuell auf der Klage-Liste der DUH stehen und denen Fahrverbote drohen.

Interne Untersuchung ergab keine Fehler

Ausschlaggebend für Oldenburg sind die Messwerte, die das zuständige Staatliche Gewerbeaufsichtsamt Hildesheim erhebt, und zwar mit eben jener Station namens DENI143. Doch was, wenn diese Messstation Mist misst? Zumal eine Handvoll sogenannte Passivsammler, aufgestellt von der Stadt Oldenburg, während normaler Verkehrszeiten in der Innenstadt Stickstoffdioxidmengen zwischen 13 und knapp 23 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gemessen haben. Werte also, die weit entfernt liegen vom festgesetzten Grenzwert. Werte aber, die mit Blick auf mögliche Fahrverbote keine Wirkung haben. Um der Zuverlässigkeit – oder vielleicht Unzuverlässigkeit? – der Station am Heiligengeistwall auf den Grund zu gehen, wurde das Gewerbeaufsichtsamt Hildesheim tätig. Mit erstaunlichem Ergebnis: „Eine interne Untersuchung des Gewerbeaufsichtsamts Hildesheim hat keine Fehler bei der Aufstellung der Messstationen festgestellt“, teilte Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) am 26. Oktober, fünf Tage nach dem Tag des Oldenburger Marathons, mit.

Streitfrage: Welcher Standort ist der richtige?

Allerdings weiß auch Lies, dass damit die Sache nicht vom Tisch ist, im Gegenteil. DENI143 ist zwar ein besonders skurriler Einzelfall. Dennoch lauert dahinter ein viel größeres und komplexeres Problem, das ganz Deutschland betrifft: die Frage nach dem richtigen Standort der Messstationen. Bisher werden diese in den Städten gezielt dort aufgestellt, wo mutmaßlich die höchsten Schadstoffwerte zu erwarten sind. Besonders hohe Werte kommen etwa zustande, wenn die Station an engen Straßen mit viel Verkehr steht. Oder sehr nah an hohen Häuserwänden. Oder kurz vor oder nach einem viel befahrenen Tunnel. Oder an einer Ampel, wo Stop-and-Go-Verkehr herrscht. An solchen Orten der Stadt sind die gemessenen Stickstoffdioxidwerte logischerweise höher als beispielsweise an luftigen, weiten Orten ohne enge Bebauung oder an ampelfreien Straßen, auf denen der Verkehr flüssig rollt. Verschiebt man die Messstation nur um wenige Meter, können leicht ganz andere, niedrigere Werte gemessen werden.

FDP fordert Umsetzen der Messstationen

Das alles wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wie viel Aussagekraft haben diese aktuell in unseren Städten gemessenen Extremwerte tatsächlich? Darf eine einzelne Station tatsächlich über Wohl und Wehe der Dieselfahrer entscheiden? Nicht nur die FDP in Niedersachsen sieht das kritisch und forderte Ende Oktober in einem Antrag an die Landesregierung ein Umsetzen der Stationen im Land. Die EU gebe dafür einen weiten Spielraum, argumentierten die Liberalen.

Wie viel Spielraum gibt es?

Das ist nicht ganz falsch, aber nur ein Teil der Wahrheit. Wo genau die Messstationen zu stehen haben, regelt in Deutschland die 39. Verordnung zum Bundesimmissionsschutzgesetz, mit der hierzulande eine EU-Richtlinie umgesetzt wird. Diese erlaubt in der Tat einen gewissen Spielraum, so dürften theoretisch die Messcontainer bis zu zehn Meter von der Straße entfernt aufgestellt werden. Auch die Höhe, in der gemessen wird, ist variabel, hier sieht die EU einen Korridor von bis zu vier Metern Höhe vor. Allerdings: EU-Richtlinien sind durch nationales Recht durchzusetzen, wodurch sich die Bedingungen ändern können. Die in Deutschland geltende Verordnung verlangt, dass der genaue Messpunkt so gewählt sein muss, dass die höchsten Werte ermittelt werden. „Die Messungen mit Verkehrsbezug erfolgen also im Rahmen der praktischen örtlichen Möglichkeiten so nah an der Straße wie möglich und erlaubt bzw. von der Verordnung verlangt“, heißt es dazu aus dem Umweltministerium in Hannover. Einfach gesagt: Kurzerhand die Messstationen ein bisschen von der Straße wegschieben, um Fahrverbote zu vermeiden, geht nicht.

Idee: Messstationen extern überprüfen lassen

Dennoch wollen die zuständigen Minister der Länder nicht klein beigeben. Nordrhein-Westfalen etwa lässt derzeit seine verkehrsnahen Messstationen durch eine externe Stelle überprüfen. Ein Weg, den Minister Lies für Niedersachsen ebenfalls einschlagen will: „Dabei könnte zum Beispiel untersucht werden, ob überhaupt alternative Standorte in Frage kommen, die ebenfalls die Vorgaben der 39. Bundesimmissionschutzverordnung erfüllen“, sagte Lies in Hannover. Wichtig sei es dabei zu klären, welche echte Aussagekraft derartige Messungen für das Verhängen von Fahrverboten haben, so der SPD-Minister weiter. In Zweifel ziehen will er allerdings weder die bisherigen Messwerte noch die Standorte, betonte Lies. „Dennoch bin ich für eine weitergehende Überprüfung durch eine externe Stelle. Denn die Messcontainer wurden vor vielen Jahren aufgestellt, um die Luftqualität in unseren Städten generell zu dokumentieren. Fraglich jedoch ist, ob die Messergebnisse tatsächlich herangezogen werden können, um Fahrverbote zu verhängen“, erklärte er mit Blick auf die große Bandbreite, die die Messungen aufgrund der architektonischen Gegebenheiten haben können. „Der Gedanke, wir sperren Diesel-Pkw aus der Stadt aus und alles ist gut, greift also zu kurz. Mir geht es um die Interpretation dieser Messergebnisse und deren Aussagekraft, wenn es um das Verhängen von Fahrverboten geht“, so Lies.

Nächste Streitfrage: Wie sinnvoll sind Grenzwerte?

Doch nicht nur an der Interpretation der Messergebnisse zweifeln so einige, sondern auch an den Grenzwerten selbst. So wundern sich durchaus nicht wenige darüber, dass in Deutschland auf der Straße ein Stickstoffdioxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter gilt, am Arbeitsplatz jedoch ein Maximalwert von 950 Mikrogramm herrschen darf. Auch die Tatsache, dass in hiesigen Städten die Stickstoffdioxidbelastung in den vergangenen Jahren fast überall abgenommen hat, bringt Kritiker der aktuellen Messpraxis mit Blick auf drohende Fahrverbote auf die Palme. Minister Lies betont diesen Effekt ebenfalls: „In Niedersachsen gibt es nur noch vier Städte, in denen punktuell der Stickstoffdioxidgrenzwert knapp überschritten wird. Hier sind Fahrverbote nicht verhältnismäßig und das falsche Mittel“, sagt er. Ziel sei, „die Luftqualität in den Städten nachhaltig zu verbessern“, sagt Lies. „Dazu brauchen wir einen konsequenten Ausbau des ÖPNV, umweltschonende Antriebe und kluge Verkehrskonzepte – keine Fahrverbote. Die verlagern nur das Problem und treffen die Falschen.“

Lernen von Griechenland?

Wer wissen will, wie man EU-Richtlinien auf die entspannte Tour umsetzen kann, könnte auch einen Blick nach Griechenland werfen: Dort gibt es nicht nur gerade mal neun verkehrsnahe Messstationen (bei uns sind es 250), sondern auch eine besonders flexible Interpretation der EU-Richtline zu Standort und Höhe. Die Station in Thessaloniki etwa, berühmt für ihren chaotischen und extrem dichten Verkehr, liegt in 35 Metern Höhe – auf dem Dach der Universität. Ihr Durchschnittswert: 38 Mikrogramm pro Kubikmeter – also knapp unter dem Grenzwert. Fahrverbote sind nicht in Sicht.

Weiterlesen: Die Baustellen der Dieselkrise: Fahrverbote, Nachrüst-Hürden, Grenzwert-Streit


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