Einkommen in Deutschland Mehr Reiche, aber auch mehr Arme

Wer verdient wieviel? Die Einkommen in Deutschland sind ungleich verteilt. 

            
Foto: Imago Christian OhdeWer verdient wieviel? Die Einkommen in Deutschland sind ungleich verteilt. Foto: Imago Christian Ohde

Osnabrück. Wer ist arm und wer reich? Und welche Bewegungen gibt es zwischen den verschiedenen Gruppen? Ein neuer Verteilungsbericht gibt Auskunft. Ergebnis: Armut und Reichtum in Deutschland haben sich zuletzt weiter verfestigt. Die Gruppe der Menschen mit mittleren Einkommen schrumpft.

Forscher des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigen sich besorgt. „Nicht nur geht die Einkommensschere auf, auch die Lebenswelten von Armen, Mittelschicht und Reichen fallen immer weiter auseinander“, analysiert Studien-Autorin Dorothea Spannagal. Die Wissenschaftlerin warnt, dieser Prozess beschleunige sich, wenn die soziale Mobilität weiter sinke, weil auf die Dauer etwa die soziale Mischung von Wohnvierteln abnehme. „Nur, wenn es gelingt, verfestigte Armut aufzubrechen und zu verhindern, dass sich die Reichen von der Gesellschaft absetzen, gelingt es auch, jene gut integrierte gesellschaftliche Mitte zu erhalten und zu stärken, auf der die Stabilität unserer Demokratie beruht.“

Wie definiert man Armut und Reichtum?

Das WSI wendet die Regeln an, die auch für den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung gelten: Als arm gilt demnach ein Haushalt, der weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. 2015 lag die Armutsgrenze bei einem Netto-Jahreseinkommen von weniger als 12192 Euro für einen Singlehaushalt. Als reich werden Haushalte eingestuft, die mindestens das Doppelte des mittleren Einkommens erzielen. Das galt 2015 für einen Alleinstehenden, der im Jahr mindestens über 40639 Euro netto verfügen konnte. Basis ist dabei das reale verfügbare Haushaltseinkommen, also die Bezüge nach Abzug von Steuern, und Sozialbeiträgen, aber inklusive aller Sozialtransfers wie Kindergeld.

Wer hat besonders wenig?

Die Forscher registrieren „bei der Armut einen markanten, weitgehend kontinuierlichen Anstieg“. Galten in den 1990er-Jahren rund elf Prozent der Menschen in Deutschland als einkommensarm, so stieg die Quote bis zum Jahr 2015 auf 16,8 Prozent. Zuletzt ging der Anstieg vor allem auf Flüchtlinge zurück: „Die Armutsquote unter in Deutschland geborenen blieb stabil.“ Als besonders problematisch bewerten die Wissenschaftler den Anteil der Menschen, die dauerhaft – länger als fünf Jahre – unter der Armutsgrenze leben. Im Zeitraum 2011 bis 2016 waren das 5,46 Prozent.

Wer hat besonders viel?

Der Anteil der Bevölkerung in einkommensreichen Haushalten stieg von 5,6 Prozent Anfang der 1990er-Jahre auf knapp 7,5 Prozent im Jahr 2015. Den bisherigen Höchststand gab es mit knapp 8,3Prozent im Jahr 2014.

Wie sind die Unterschiede zwischen Ost und West?

95 Prozent der dauerhaft Einkommensreichen leben in West-, nur fünf Prozent in Ostdeutschland. „Hingegen leben knapp 62 Prozent der dauerhaft Armen in den neuen Ländern, obwohl dort nur ein Fünftel der Gesamtbevölkerung ansässig ist.“

Um die Diskrepanzen beim Einkommen zu reduzieren, empfiehlt Spannagel, die Lohnungleichheiten zwischen Ost- und Westdeutschland zu verringern. Außerdem „müssten von frühester Kindheit an Kinder aus benachteiligten Familien gezielt gefördert werden“. Schließlich gelte es, die Langzeitarbeitslosigkeit abzubauen.


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