Internationale Medien über Merkels Rückzug "Chance eines glanzvollen Abgangs endgültig verpasst"

Von dpa

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Der Rückzug von Bundeskanzlerin Angela Merkel von der CSU-Spitze ist auch im Ausland ein viel diskutiertes Thema. Foto: Kay Nietfeld/dpaDer Rückzug von Bundeskanzlerin Angela Merkel von der CSU-Spitze ist auch im Ausland ein viel diskutiertes Thema. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Berlin. Angela Merkel hat ihren Rückzug von der CDU-Spitze angekündigt – das Thema wird international kontrovers diskutiert.

Nicht nur in Deutschland, sonder auch international stößt der angekündigte Rückzug Angelas Merkels auf breites Interesse. Während Schweizer Kommentatoren den Rückzug als "verpasste Chance für einen glanzvollen Abgang" bewerten, vermuten Russen einen "notwendigen Kompromiss".  

  • Die "Neue Zürcher Zeitung" bewertet Merkels schrittweisen Rückzug als verpasste Chance für einen glanzvollen Abgang: 

"Die Kanzlerin hat mit ihrem Entscheid, weiterhin am Kanzleramt festzuhalten, die Chance eines glanzvollen Abgangs endgültig verpasst. Stattdessen muten ihre Ankündigungen eher als ein Manöver an, das die verbliebene Macht noch so lange wie möglich in die Zukunft hinüberretten soll. Der Verzicht auf das Parteiamt ist ein Blitzableiter. An der neuen Person an der Parteispitze und an den Kämpfen um die nächste Kanzlerkandidatur sollen sich in den kommenden Jahren die Medien und die politische Konkurrenz innerhalb und außerhalb der Partei abarbeiten, während die Grand Old Lady im Kanzleramt noch drei Jahre lang weiter die Fäden zieht. Das ist ganz nach dem Geschmack der legendären Zauderin, die sich stets durch ihre Meisterschaft ausgezeichnet hat, politische Krisen auszusitzen und ihre Kritiker ins Leere laufen zu lassen.»

  • Anders fällt die Bewertung des Schweizer "Tages-Anzeiger" aus:

"Es war ein Befreiungsschlag in letzter Minute. Der Unmut, der ihr aus ihrer eigenen Partei entgegen schlug, hat nach den herben Verlusten von CSU und CDU in Bayern und in Hessen nochmals zugenommen. Angela Merkel, während Jahren unverzichtbar in der Union, wurde zur Getriebenen. (...)

Merkel hatte sich vorgenommen, ihre Ämter "in Würde zu tragen und auch zu verlassen", wie sie am Montag in Berlin bekannte. Während ihr Ersteres stets leicht zu fallen schien, könnte ihr ein ehrenhafter Abgang nun gerade noch so gelingen. Es war die wohl letzte Gelegenheit, bevor ihre Kritiker beim Parteitag Anfang Dezember vielleicht zum Sturz des Denkmals aufgerufen hätten. Anders als Konrad Adenauer und vor allem Helmut Kohl kam Merkel damit einem demütigenden politischen Ende knapp zuvor."

  • Die Londoner "Times" beschwört eine Periode der Instabilität in Deutschland herauf. 

"Ihr langer Abschied – angekündigt, nachdem ihre Partei in landesweiten Umfragen abgesackt ist und bei den Wahlen in Hessen Prügel bezogen hat – läutet eine Periode der Instabilität in der größten Volkswirtschaft Europas ein. (...) Der Machtkampf um ihre Nachfolge als Parteivorsitzende – sowie als Regierungschef – wird wahrscheinlich chaotisch. Innerhalb von wenigen Minuten nach ihrer Erklärung meldeten sich bereits drei Anwärter. Doch wie auch immer: Merkel hat gesagt, sie wolle die restlichen drei Jahre Bundeskanzlerin bleiben, falls sie nicht im Falle vorgezogener Neuwahlen abtreten sollte. Die könnte es bereits im kommenden Jahr geben, sollte ihre große Koalition zerbrechen. Merkel weigerte sich, einen Kandidaten öffentlich zu unterstützen, das Wettrennen um ihre Nachfolge an der Führungsspitze dürfte heftig werden."

  • "Traumatisch" ist der Rückzugs Merkels laut Londoner "Guardian"

"Merkel hat die deutsche Politik so lange dominiert, dass ihr Abgang zwangsläufig traumatisch sein muss. Sie hat sich konsequent für das deutsche Model der sozialen Marktwirtschaft eingesetzt – zu einer Zeit, da deren zwei Säulen, soziale Gerechtigkeit und solide Finanzen, herausgefordert wurden. Die wirtschaftliche Stärke ihres Landes hat vielen Deutschen Belastungen erspart, unter denen andere Nationen zu leiden hatten. Doch die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 – zu der sie eine liberale und pragmatische Haltung einnahm – brachte Konsequenzen mit sich, die sie nicht gemeistert hat. Ihr Nachfolger wird bei der bedeutenden Aufgabe, unserem verängstigten Kontinent wieder Zuversicht zu geben, aus ihren Stärken ebenso wie aus ihren Schwächen lernen müssen."

  • Die belgische Zeitung "De Standaard" geht davon aus, dass die Kritik innerhalb der Partei nicht plötzlich aufhört.

"Es ist fraglich, ob Merkel all die Probleme lediglich mit Übergabe des Parteivorsitzes plötzlich lösen kann und dann damit anfängt, "tatkräftig" zu regieren. Die Kritik innerhalb der Partei wird nicht plötzlich aufhören, nur weil ein neuer Vorsitzender gewählt wird. Die Koalition mit einer SPD, die vielleicht noch schlechter dasteht als CDU und CSU, ist brüchig. Es ist noch nicht auszuschließen, dass die Sozialdemokraten durch den Druck vieler Mitglieder die Regierung platzen lassen. Und wenn Merkel als CDU-Vorsitzende zurücktritt, sollte nicht auch Horst Seehofer das in der bayerischen CSU tun? Es ist also keineswegs sicher, dass sich die deutsche Politik bald wieder in ruhigerem Fahrwasser befindet und Merkel, wie sie hofft, noch drei Jahre Kanzlerin bleiben kann."

  • "Mutti" Merkel hält ihr Kinder nun für erwachsen genug, um über die Zukunft der Partei bestimmen, meint die niederländische Zeitung "de Volkskrant"

"Merkel hat die Macht aus der Hand gegeben, zum ersten Mal seit 18 Jahren. Die Frau, für die der Machterhalt zum Markenzeichen wurde, lässt von nun an andere über ihr Schicksal entscheiden. Das ist eine Zäsur in der deutschen Politik. (...) Die CDU ist eine gespaltene Partei, die geplagt wird durch aufeinanderfolgende Wahlniederlagen. Merkel gibt den Parteivorsitz bestimmt nicht aus freien Stücken ab. Aber ihre Entscheidung ist keine Panikreaktion. Es ist ein letzter Versuch, nach vorn zu schauen und ihrer Partei den erforderlichen Freiraum für eventuelle vorgezogene Neuwahlen zu verschaffen. Nach 18 Jahren hält die angeschlagene "Mutti" Merkel ihre Kinder für erwachsen genug, um über die Zukunft der Partei zu bestimmen – und sie nimmt in Kauf, dass sich dabei eines ihrer Kinder als Muttermörder entpuppen könnte."

  • "Angela Merkel hätte besser bei Angela Merkel nachgelesen" kommentiert die Wiener Zeitung "Die Presse"

"Die Trennung von Kanzlerschaft und Parteivorsitz ist ein fataler Fehler. Sie bedeutet einen "Autoritätsverlust auf ganzer Linie" und den "Anfang vom Ende" einer Kanzlerschaft. Es ist eine brutale Analyse. Sie stammt von Angela Merkel, aus dem Jahr 2004. Parteivorsitz und Kanzlerschaft gehören zusammen: Das war ein ehernes Prinzip der deutschen Regierungschefin. Sie wiederholte es immer wieder. Bis gestern, als die mächtigste Frau Europas ihre Grundsätze brach und nach 18 Jahren an der Spitze der CDU ihren Verzicht auf das Amt des Parteichefs kundtat. Im Angesicht von Umfragetiefs und Wahlpleiten räumte Merkel auch ein zweites ihrer Machtprinzipien ab: Nenne kein Ablaufdatum! "Die vierte Amtszeit ist meine letzte", sprach die Kanzlerin. Angela Merkel hätte besser bei Angela Merkel nachgelesen."

  • Als notwendigen Kompromiss, um ihre Kanzlerschaft zu sichern, bewertet die russische Tageszeitung "Iswestija" Merkels Rückzug: 

"Was Merkel anbetrifft, ist die Entscheidung wohl der notwendige Kompromiss, um ihr für die kommenden Jahre den Posten der Kanzlerin zu sichern. Denn es folgte sogleich die Ankündigung, dass sie bei der Wahl 2021 nicht mehr kandidieren wird. Mit anderen Worten, Merkel hat ihr Angebot in einem politischen Handel gemacht: Sie gibt die Parteiführung ab und tritt bei der Wahl nicht mehr an und bekommt dafür, dass sie die Wahlperiode als Kanzlerin beenden darf."

  • Merkels Rückzug hängt für die "New York Times" damit zusammen, dass Deutschland nicht "immun gegen Kräften, die die Politik auf dem Kontinent neu geordnet haben", sei.

Angela Merkel sei Europas mächtigste Anführerin gewesen, samt "einer Ausstrahlung so gleichbedeutend mit Stabilität, dass die Deutschen sie Mutti nennen", schreiben die Kommentatorinnen Katrin Bennhold und Melissa Eddy. Merkels Rückzug mache nun deutlich, "dass weder sie noch ihr Land immun gegenüber den Kräften sind, die die Politik auf dem Kontinent neu geordnet haben". Es sei auch jetzt schon klar, dass "Deutschland seinen kleineren Nachbarn ähnlicher geworden ist, die eine ähnliche politische Zersplitterung erlebt haben – darunter Spanien, Italien und die Niederlande."


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