CDU-Chefin will aussteigen Seehofer kann es nicht fassen: Schade, schade, schade

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Sie tritt nicht wieder an: Kanzlerin  Angela Merkel  verzichtet auf eine erneute Kandidatur für den CDU-Vorsitz. Foto:dpaSie tritt nicht wieder an: Kanzlerin Angela Merkel verzichtet auf eine erneute Kandidatur für den CDU-Vorsitz. Foto:dpa

Berlin. Ein Hauch von Geschichte weht durch das Foyer der CDU-Zentrale:Angela Merkel geht als Parteichefin, bleibt aber Kanzlerin.

Damit hat erstmals eine CDU-Vorsitzende ein detailliertes Ausstiegsszenario vorgestellt. Merkel hat nach eigenen Worten von langer Hand geplant, im nächsten Dezember nicht mehr für den CDU-Vorsitz anzutreten. „Schon in der Sommerpause habe ich mich so entschieden“, sagte die 64-Jährige gestern in Berlin. Der Grund: „Ich möchte, dass meiner Partei den nötigen Freiraum bekommt, die Zukunft zu gestalten“. Für sie sei dieser Beschluss das Ergebnis „eines ganz persönlichen Innehaltens“. 

Es ist ein bewegender Moment für viele Christdemokraten, die sich nach der Hessenwahl im Adenauer-Haus drängen. Hessens gerupfter Wahlsieger Volker Bouffier spricht mit rauer Stimme von einer „noblen, starken, richtigen Geste“. Ob auch Merkel innerlich aufgewühlt ist? Wenn ja, weiß sie es gut zu verbergen. Ursprünglich habe sie diesen Schritt erst nächsten Sonntag auf einer CDU-Vorstandsklausur ankündigen wollen. Jetzt aber zähle „jeder Tag zur Klärung der Dinge“, teilt Merkel in festem Ton mit.

AKK nicht eigeweiht

Die für die Union verheerenden Wahlergebnisse in Bayern und Hessen, der Asyl-Dauerstreit des letzten Sommers , die schwierigen Koalitionsverhandlungen in diesem Frühjahr, der inakzeptable Auftritt der Regierung - all dies sei eingeflossen in ihre Betrachtungen. „Ich trage qua Amt Verantwortung dafür“, sagt die 64-Jährige. Sie will erkennbar nichts beschönigen.

Ihre Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) hatte sie nicht eingeweiht. Die 56-Jährige saß am Vorabend ahnungslos bei „Anne Will“ im Fernseh-Talk. Es gebe manche Entscheidungen, da „hilft man niemandem, wenn man es zu vielen Menschen vorher sagt - das gehört dazu“, sagte Merkel. Vor ihrer Ankündigung habe sie aber die Parteivorsitzenden der Koalitionspartner, Andrea Nahles (SPD) und Horst Seehofer (CSU), über ihren Schritt in Kenntnis gesetzt. Sie habe sich „gewünscht, das Parteiamt in Würde zu tragen und in Würde zu verlassen“.

Ist Merkel jetzt eine „lame duck“? Immerhin will sie noch bis 2021 Kanzlerin bleiben. Die Physikerin winkt ab. „Das entspricht internationalen Gepflogenheiten“, sagt Merkel. Sie ist seit 13 Jahren Kanzlerin und seit 18 Jahren CDU-Chefin .Bisher hatte sie immer betont, dass für sie Parteivorsitz und Kanzlerschaft zusammengehören. Jetzt aber hält sie - wohl angesichts verheerender Unions-Umfragewerte - für „eine begrenze Zeit“ die Ämterteilung für vertretbar.

Geht auch Seehofer?

Einer tut sich schwer mit der Bewertung dieses Vorgangs: Horst Seehofer. „Es ist schade“ , sagt der Bundesinnenminister und CSU-Chef gleich drei Mal hintereinander. Dann nennt er Merkels geplanten Amtsverzicht eine „Zäsur“ und bringt den mühevoll gedrechselten Satz hervor: „Im Moment steht bei mir das Bedauern im Vordergrund.“Ist dies derselbe Seehofer, der seit Jahren Merkel massiv gepiesackt hat, speziell wegen ihrer Flüchtlingspolitik? Ja, er ist es. Das Triezen scheint er im Moment vergessen zu haben. Fast 30 Jahre habe er mit Merkel „fruchtbar zusammengearbeitet“, findet der 69-jährige plötzlich. Ahnt er, dass es jetzt auch mit ihm als Parteichef ganz schnell zu Ende gehen könnte?

Auf andere wirkt der Schnitt, den Merkel vollziehen will, wie eine Einladung zur Abrechnung. Von jetzt an ist die 64-Jährige definitiv nicht mehr unberührbar. Klar, dass vor allem die AfD sich zu fast triumphaler Reaktion berufen fühlt, weil die seit Jahren angefeindete CDU-Chefin („Merkel muss weg“) den Spitzenposten aufgibt. Als „gute Nachricht“ wertet dies Parteichef Jörg Meuthen. Für ihn ist dann naheliegend, „ dass sie auch ihre Kanzlerschaft in Kürze abgibt“. Merkel selbst habe doch mehrfach den Parteivorsitz und die Rolle der Kanzlerschaft miteinander verknüpft. Der Ko-Vorsitzende Alexander Gauland klopft sich selbst auf die Schulter: „Das hat sehr viel mit uns zu tun“, frohlockt Gauland, der bei seinem Antritt vor einem Jahr erklärt hatte: „Wir werden sie jagen“.

Mit einem Hauch von Bitterkeit dürfte Merkel zur Kenntnis nehmen, dass ihr angekündigter Abschied in der CDU Respekt, aber keinen Aufschrei auslöst. Auch von Appellen, sie möge doch bitte bleiben, war gestern nichts zu hören. Fakt ist: Die Kanzlerin hat speziell in der Staatsschuldenkrise 2008 und in den damit einher gehenden EU-Verhandlungen national und international hohes Ansehen erworben. Sie galt - und gilt zu Teilen noch - als mächtigste Frau der Welt.


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