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29.10.2018, 11:19 Uhr KOMMENTAR

Verzicht auf CDU-Vorsitz: Angela Merkel ist endlich aufgewacht

Kommentar von Beate Tenfelde

Angela Merkel, Bundeskanzlerin und Vorsitzende der CDU, will sich im Dezember nicht wieder für den Parteivorsitz bewerben. Foto: AFPAngela Merkel, Bundeskanzlerin und Vorsitzende der CDU, will sich im Dezember nicht wieder für den Parteivorsitz bewerben. Foto: AFP

Berlin. Nach der Ankündigung von Kanzlerin Merkel, nicht wieder als CDU-Chefin zu kandidieren, strebt auch der Ex-Chef der Unionsfraktion, Friedrich Merz, dieses Amt an. Ein Kommentar.

Endlich aufgewacht! Ein zweistelliger CDU-Verlust in Hessen hat die Chefin der Christdemokraten in die Realität zurückgeholt. Die Ankündigung, im Dezember nicht mehr für das höchste Parteiamt zu kandidieren, ist vor allem dies: Schadensbegrenzung und der Versuch, einen ordentlichen Abgang zu organisieren. Es wird höchste Zeit. Der Rückhalt für die Kanzlerin schwindet rapide, selbst in einst sehr Merkel-treuen Unions-Regionen wie Osnabrück-Emsland oder Baden-Württemberg. Will die 64-Jährige nicht aus dem Amt getrieben werden, muss sie jetzt handeln. Nötig wird nicht nur die Aufgabe des Parteivorsitzes sein, sondern auch ein klarer Fahrplan für die Übergabe der Kanzlerschaft. 

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Das Schicksal ihres Getreuen Volker Kauder, der handstreichartig abgelöst wurde, hat Merkel offenkundig als Warnung verstanden. Er hat – wie die Kanzlerin – versucht, die Problemthemen Migration und AfD durch Schweigen zu lösen. Das funktioniert nicht, wie auch Merkel spürt. Dazu kam der Asyl-Dauerstreit mit der CSU, der erst Unverständnis und zuletzt nur noch Abscheu auslöste. Das hat den Merkel-Frust noch gesteigert.

Friedrich Merz als Überraschungskandidat

Die CDU-Vorsitzende ist gut beraten, den Platz jetzt zügig frei zu machen für eine neue Kraft. Andernfalls würde sie zur „lame duck“, die nur noch blockiert. Mit Annegret Kramp-Karrenbauer, Jens Spahn, Armin Laschet und jetzt auch Überraschungskandidat Friedrich Merz steht eine bemerkenswerte Auswahl an Bewerbern bereit. Mit dem Antritt von Merz wird das Rennen noch spannender. Er soll enge Bindungen an den frisch gewählten Unions-Fraktionschef Ralph Brinkhaus haben. Da ist offenbar eine starke Achse zwischen den beiden Machtzentren der Union geplant.

Voreilig wäre es, diesem oder jenem Anwärter die Eignung abzusprechen, weil er zu jung ist zum Beispiel. Auch über Merkel hieß es beim Start ihrer unbestritten großen Karriere: „Sie kann es nicht.“ Sie widerlegte ihre Kritiker. Wenn Merkel es jetzt klug macht, wird sie auch durch einen starken Abgang beeindrucken.


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