Prozess um Ex-Krankenpfleger Niels Högel Morde in Delmenhorst: Patientenschützer fordern mehr Sicherheit in Kliniken

Von afp

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Der Haupteingang vom Klinikum Oldenburg. Wegen des Todes von 99 Patienten muss sich der Ex-Krankenpfleger Niels Högel vom 30.10.2018 an vor dem Landgericht Oldenburg verantworten. Foto: Ingo Wagner/dpaDer Haupteingang vom Klinikum Oldenburg. Wegen des Todes von 99 Patienten muss sich der Ex-Krankenpfleger Niels Högel vom 30.10.2018 an vor dem Landgericht Oldenburg verantworten. Foto: Ingo Wagner/dpa

Dortmund. Angesichts der beispiellosen Mordserie des ehemaligen Krankenpflegers Niels Högel haben Patientenschützer Konsequenzen für die Sicherheit der Kliniken in ganz Deutschland gefordert.

„Insellösungen in einzelnen Bundesländern reichen nicht aus“, sagte Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, der Nachrichtenagentur AFP. Bund und Länder müssten für einheitliche Regelungen für die rund 2000 Krankenhäuser sorgen.

Anonyme Hinweisgeber brauchen eine Anlaufstelle

Die Einführung von Stationsapothekern und internen Fehlermeldesystemen, wie sie zuletzt in Niedersachsen beschlossen wurden, reichen nach Ansicht von Brysch nicht aus. Nötig sei „eine unabhängige und externe Anlaufstelle für anonyme Hinweisgeber“. Dies könne ein Anwalt oder Seelsorger sein. „So wird die ohnehin hohe Hemmschwelle gesenkt, um verdächtige Vorkommnisse zu melden“, sagte Brysch.

Zudem sei „eine lückenlose, standardisierte und elektronische Kontrolle“ der Medikamentenabgabe in allen Krankenhäusern notwendig. Sowohl die Entnahme und Zusammensetzung der Medikamente auf der Station als auch die Zuteilung an die Patienten müssten digital erfasst und überprüft werden, forderte Brysch. (Weiterlesen: Kathrin Lohmann brachte Aufklärung im Fall Högel ins Rollen)

Mammutprozess in Oldenburg beginnt Dienstag

Der bereits wegen Mordes und anderer Delikte zu lebenslanger Haft rechtskräftig verurteilte frühere Krankenpfleger Niels Högel soll über Jahre hinweg Intensivpatienten in zwei Krankenhäusern in Oldenburg und Delmenhorst getötet haben, ohne dass ihn jemand aufhielt. Nach Erkenntnissen der Ermittler verabreichte er ihnen zwischen 2000 und 2005 eigenmächtig Medikamente, um Herz-Kreislauf-Stillstände auszulösen und sie anschließend wiederzubeleben. Viele starben. (Weiterlesen: Niels Högel: Chronologie des Schreckens im Oldenburger Land)

Am kommenden Dienstag beginnt im niedersächsischen Oldenburg ein Mammutprozess gegen den ehemaligen Krankenpfleger, dem 99 weitere Taten vorgeworfen werden. Ein 100. mutmaßlicher Mord wurde angeklagt und könnte später in den Prozess eingebunden werden. (Weiterlesen: Gericht will Angehörige während des Högel-Prozess schonen)

Gespür für Gewalt gegen Patienten entwickeln

Der niedersächsische Landtag verschärfte vor wenigen Tagen das Krankenhausgesetz. Kliniken im Land müssen künftig anonyme Meldesysteme einführen und Stationsapotheker beschäftigten, um eine bessere Kontrolle über die Ausgabe von Medikamenten zu haben. Brysch nannte es „überfällig, dass endlich Konsequenzen aus den Krankenhausmorden gezogen werden“ und sprach von einem ersten Schritt. Nötig sei auch „eine offene Kultur des Hinschauens“. „Tötungsfälle in Krankenhäusern und Pflegeheimen sind Ausnahmen.“

„Dennoch ist es nirgendwo so einfach zu morden wie hier“, sagte Brysch. Es gelte daher, ein Gespür für die Gewalt gegen Patienten und Pflegebedürftige zu entwickeln. „Eine offene Fehlerkultur schafft kein Misstrauen, sondern sensibilisiert und stärkt das Team.“


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