Bouffier, Al-Wazir oder "TSG"? Hessen-Wahl: Die wichtigsten Köpfe, die Macht-Optionen

Tobias Schmidt und Beate Tenfelde

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Muss um sein Amt bangen: Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) Foto: dpaMuss um sein Amt bangen: Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) Foto: dpa

Berlin. "Tarek statt GroKo" - mit dem Slogan bringt sich Al-Wazir für den Ministerpräsidentenposten in Hessen in Stellung. Die bundesweite Erfolgswelle hat den Grünen-Spitzenkandidaten weit nach vorn getragen. Ob das reicht, um Amtsinhaber Bouffier (CDU) zu stürzen? Oder gelingt SPD-Mann Schäfer-Gümbel der Überraschungscoup?

Hochspannung vor der Hessen-Wahl: Die Abstimmung am Sonntag kann die Kräfteverhältnisse an Rhein und Main auf den Kopf stellen. Letzte Umfragen prognostizieren den GroKo-Parteien eine neue Tracht prügel vom Wähler, allerdings dürfte es nicht ganz so schmerzhaft werden wie bei der Bayern-Wahl vor anderthalb Wochen. Klar scheint: Die Schwarz-Grüne Landesregierung wird keine Mehrheit zustande bringen, das gilt auch für das "Schreckgespenst" Schwarz-Rot.

Wer wird der nächste Ministerpräsident in Wiesbaden? Von welchen Parteien wird das fünftgrößte Bundesland regiert? Die mächtigsten Politiker und die Koalitionsoptionen im Überblick:

Der Amtsinhaber: Ministerpräsident Volker Bouffier (66) galt lange Zeit als "Schwarzer Sheriff", der die Grünen bestenfalls für Körnerfresser, schlimmstenfalls für potenzielle Staatsfeinde hielt. Dann vollzog er eine erstaunliche Wende, weil er nach der Wahl vor fünf Jahren auf einen Partner angewiesen war. Bouffier, ein etwas behäbiger Notar aus Gießen, zeigte sich geschmeidig und ging auf die Grünen zu. Die schwarz-grüne "Hessen-Koalition" funktionierte geräuschlos.

Laut wurde der passionierte Kartenspieler mit Vorliebe für Goldkettchen im Wahlkampf-Endspurt. Mit Empörung warf der CDU-Bundesvize der CSU wegen des Asyl-Dauerstreits vor, für den Einbruch seiner Partei gesorgt zu haben. Gleichzeitig baute der Hesse Horrorszenarien wegen "linker Experimente" auf. Zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel ( CDU) warnte er vor Rot-Rot-Grün. Für Hessen als "wirtschaftsstarkes Land" wäre eine solche Koalition eine "Katastrophe". Tausende Arbeitsplätze würden vernichtet, Investitionen würden zurückgefahren. Im Saarland hatte diese Strategie genützt. Ob es in Hessen hilft?

Der ewige Herausforderer: "TSG" wird SPD-Mann Thorsten Schäfer-Gümbel genannt. Der 49-Jährige vom linken Parteiflügel hat die Hessen-SPD nach dem Ypsilanti-Crash vor zehn Jahren wieder zusammengekittet. Er versucht jetzt im dritten Anlauf die Macht in Wiesbaden für die Sozialdemokraten zu erobern.

Sein größtes Handicap: Als SPD-Vize trägt "TSG" das desaströse Erscheinungsbild der Bundespartei wie einen Rucksack voll Blei. Angebote von Parteichefin Andrea Nahles auf gemeinsame Wahlkampfauftritte lehnte er dankend ab. "Es geht um Hessen", lautete sein Mantra. Mit Sachthemen wie dem Kampf gegen die Wohnungsnot und mit Attacken auf die schwarz-grüne Koalition hat er es zwar geschafft, sich vom Negativtrend der Bundes-SPD abzukoppeln und saß der Hessen-CDU zwischenzeitlich dicht im Nacken. Der Höhenflug der Grünen hat ihm dann Wind aus den Segeln genommen.

Weil "TSG" nach außen stets besonnen und sachlich auftritt, haftet ihm der Ruf eines Langeweilers an. Ministerpräsident könnte er nur werden, wenn die SPD die Nase vor den Grünen hätte - was von Tag zu Tag unwahrscheinlicher wird.

Der grüne Hoffnungsträger: Tarek Al-Wazir, 47-jähriger Sohn einer deutschen Lehrerin und eines jemenitischen Ex-Diplomaten, wurde schon als Junge von seiner Mutter zu Demonstrationen gegen die Startbahn West bei Frankfurt mitgenommen. Er war auf diese Weise früh politisiert. Der Mann mit der runden Brille und dem Bürstenhaarschnitt, der wegen seiner geschliffenen Reden  oft als arrogant herüberkam, ist immer in Bewegung. Er treibt an und wirkt manchmal selbst wie ein Getriebener. 

Im Wahlkampf schaffte es Al-Wazir erfolgreich, die Grünen als Bollwerk gegen die AfD in Szene zu setzen. Er brachte die Grünen zudem als  Anti-GroKo-Partei in Stellung. Nach den jüngsten Umfragen könnte auch Grün-Rot-Rot möglich sein. Al-Wazir wäre dann Ministerpräsident. Welch ein Aufstieg!

Die Koalitionsoptionen: Die CDU bleibt letzten Umfragen zufolge mit 26 Prozent trotz herber Verluste stärkste Kraft. Grüne und SPD liefern sich ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen um Platz zwei, liegen je bei 20 bis 22 Prozent, gefolgt von der AfD mit 13 bis 14 Prozent. FDP und Linkspartei werden 7 bis 8 Prozent vorausgesagt. Mit Blick auf die möglichen Koalition gilt dann: Für zwei Parteien alleine wird es nicht reichen - und an den Grünen kommt niemand vorbei.

Jamaika: Bouffier bleibt Ministerpräsident, holt aber die FDP mit ins Boot und schmiedet ein schwarz-grün-gelbes Bündnis: Das wäre mit mehr als 60 von 110 Sitzen voraussichtlich die stabilste Koalition. Schleswig-Holstein wird als Modell genannt, wie es klappen könnte. Prognose: Sehr wahrscheinlich.

Grün-Rot-Rot oder Rot-Rot-Grün: Laut INSA hätten die drei Parteien eine hauchdünne Mehrheit. Die Entscheidung läge letztlich bei den Grünen, die das wackelige Links-Bündnis einer stabileren Jamaika-Koalition vorziehen müssten. Wäre Grünen-Frontmann Al-Wazir dazu bereit, wenn für ihn der Posten des Ministerpräsidenten heraus spränge? Dann hieße es zwar "Tarek statt GroKo", Bouffier würde gestürzt. Zugleich wäre das Risiko enorm, als machtgeil abgestempelt zu werden. Prognose: Eher unwahrscheinlich.

Ampel: Ein rot-gelb-grünes Bündnis könnte den Umfragen zufolge auf eine hauchdünne Mehrheit kommen - aber wohl nur rechnerisch. Denn die FDP will in einer Ampel  keinen Grünen zum Ministerpräsidenten machen. Prognose: Nahezu ausgeschlossen.


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