Analyse Moorbrand: Eine Reihe von Fehlern und eine Frage

Meine Nachrichten

Um das Thema Politik Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Moorbrand von oben: Das Bild machte NOZ-Reporterin Stefanie Witte am 19. September aus dem Flugzeug heraus.Moorbrand von oben: Das Bild machte NOZ-Reporterin Stefanie Witte am 19. September aus dem Flugzeug heraus.

Osnabrück. Nein, wegen des Moorbrandes werden die Emsländer jetzt nicht scharenweise an Krebs sterben. Aber während der Einschätzung der Gefahren sind mehrfach Entscheidungen getroffen worden, die unklug waren und noch Folgen haben könnten. Eine Analyse.

Der erste Fehler war, den Brand als Bundeswehr so spät zu melden. Der zweite, so spät zu messen, der dritte, den Rat der Feuerwehr zu weiteren Messungen abzulehnen. Dann schließlich, die Werte über lange Zeit nicht zu kommunizieren, der fünfte, dass der Landkreis zu spät eigene Werte nehmen ließ, und der sechste, die – geringen – Überschreitungen und die Umstände ihrer Entstehung kleinzureden. 

Über allem anderen steht weiterhin die Frage, wie klug es war, nach einem Dürresommer mit Raketen ins trockene Moor zu schießen. Und ohnehin gilt: Einem Qualm, wie hier über Tage und Wochen geschehen, sollte niemand ausgesetzt sein, schon gar nicht unfreiwillig.

Teil der Region

Die Emsländer leben seit 142 Jahren mit der Wehrtechnischen Dienststelle 91 (WTD). Sie sind sie gewöhnt, sie haben nichts gegen sie, manche sind stolz auf sie. Aber das befreit die Bundeswehr nicht von der Verpflichtung, sich mit dem einzigartigen und für sie so wichtigen Standort auch selbst als Teil der Region zu verstehen und einen engagierten Austausch mit Behörden und Bevölkerung zu pflegen. Dazu würde gehören, ihnen Wertschätzung entgegen zu bringen – frühzeitig und offen zu informieren etwa, oder Hinweise der Feuerwehr nicht in den Wind zu schlagen.

Politisch unklug

Wenn die Entscheidungen, so wie sie waren, nun dazu geführt haben, dass – so geschehen in Stavern – kleine Kinder 100 Meter neben einem Ort schlafen, an dem sich THW-Profis wegen des Qualms nicht über Nacht aufhalten mögen, sollte jeder Soldat und Beamte mit Prinzipienstreiterei vorsichtig sein; wenn schon nicht aus empathischen Gründen, so wenigstens aus politischer Klugheit heraus. Vielleicht spendieren Bundeswehr und Kreisverwaltung den Familien ja mal ein Wochenende bei guter Nordseeluft auf Borkum? Vielleicht prüft der Kreis auch noch einmal nach, welche Messkompetenz in einer Region sinnvoll wäre, in der ein militärisches Testgelände, ein Atomkraftwerk, eine Brennelementefabrik, landwirtschaftliche Großanlagen und eine Raffinerie betrieben werden?

Letztlich lenkte das Hickhack um die Werte von einer ganz anderen und gravierenden Frage ab. Einer Bundeswehr, die so agiert wie in diesem Fall, und die neben Massen von Qualm und Kohlendioxid mit begrenztem Schuldbewusstsein mal eben einen Millionenschaden verursacht, der mangelt es nicht primär an Geld, sondern an bürgerfreundlicher Einstellung, kompetentem Personal und einer zeitgemäßen Struktur hier speziell ihrer zivilen Verwaltung.

Einige Defizite der übergeordneten Behörde, des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr in Koblenz, sind längst bekannt. Weitere wurden nun offenkundig. Wenn etwa der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständige Offizier auf die Frage, wer die Dienststelle in Meppen gegenwärtig überhaupt genau leitet, nach 60 Stunden mit einer bürokratischen Vernebelungsphrase antwortet, spricht das Bände. Wenn selbst Anfragen des Innenministeriums an ein anderes, aber ebenfalls irgendwie zuständiges Bundesamt der Bundeswehr in Bonn ohne Antwort bleiben, fragt sich, in welchem Geist und unter welcher Aufsicht die Arbeit auf der WTD geschieht, wenn gerade keiner mit Nachdruck auf Aufklärung pocht.

Was noch sonst?

Die Vermutung liegt nahe, dass Dinge dann erst recht im Verborgenen bleiben. Macht die Bundeswehr so weiter, könnte daraus in der Zukunft einmal die Frage erwachsen, ob eine Anlage wie die WTD mit ihren fast 1000 Beschäftigten überhaupt noch weiter betrieben werden sollte, auf der keiner genau weiß, wo potenziell gefährliche Trümmer aus anderthalb Jahrhunderten militärischer Versuche liegen, und wo eine überforderte Führung nur dann kooperiert und kommuniziert, wenn es gar nicht mehr anders geht. Dann hätten die Bundeswehr und das Emsland einen gemeinsamen Schaden, gegen den der Brand sich klein ausnimmt.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN