Abschluss des umstrittenen Staatsbesuchs Versöhnliche Worte und Protestgeschrei – Erdogan eröffnet Kölner Moschee

Von dpa

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Vor einem dezimierten Publikum hat Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei, die Ditib-Zentralmoschee eröffnet. Foto: dpa/Henning KaiserVor einem dezimierten Publikum hat Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei, die Ditib-Zentralmoschee eröffnet. Foto: dpa/Henning Kaiser

Köln. Am letzten Tag seines Staatsbesuchs kann es dem türkischen Präsidenten Erdogan eigentlich nicht entgehen, dass er vielen in Deutschland nicht willkommen ist. Selbst der ihm ergebene Moscheeverband Ditib vermag das nicht zu ändern.

Die Türkisch-Islamische Union Ditib hat wirklich alles dafür getan, damit sich Recep Tayyip Erdogan in ihrem Moschee-Komplex in Köln-Ehrenfeld wie zuhause fühlen kann. Zu Beginn seines Auftritts wird Musik wie bei einer seiner Parteiveranstaltungen eingespielt, Applaus ertönt von einem handverlesenen Publikum. Und doch: Die offizielle Moschee-Eröffnung an diesem Samstagnachmittag ist wohl nicht ganz das, was sich die Veranstalter vorgestellt hatten.

Denn eigentlich hatte die Ditib vor dem Kuppelbau eine Fahnen schwenkende Menge vorgesehen. Wegen erheblicher Sicherheitsbedenken hat die Stadt Köln diese Außenveranstaltung jedoch abgesagt. Zwar sind Erdogans Anhänger dennoch zu Tausenden gekommen, aber man kann sie nur in der Ferne hören und nicht sehen. Die Straße vor der Moschee ist weitgehend leergefegt – bis auf Polizisten und Journalisten. Auf den Dächern stehen Scharfschützen.

Polizisten sichern das Gelände vor der Ditib-Zentralmoschee. Foto: dpa/Marius Becker

Dem türkischen Präsidenten kann an diesem letzten Tag seines frostig verlaufenen Staatsbesuchs eigentlich nicht entgehen, dass er vielen Menschen in Deutschland nicht willkommen ist. Seine Ankunft in Köln am Mittag fällt einigermaßen unglamourös aus. Gegen 14.15 Uhr setzt das Präsidenten-Flugzeug in einem abgeschirmten, militärischen Teil des Kölner Flughafens auf. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) begrüßt den Gast, zudem haben sich 20 Polizisten zu einem "Ehrenspalier" aufgestellt. Dann geht's weiter zu einem kurzen Gespräch.

Treffen im engen Zimmerlein statt im Schloss

Eigentlich hatten sich Laschet und Erdogan dafür auf das nahe Schloss Wahn zurückziehen wollen. Da die Schlossbesitzer Erdogan aber politisch ablehnen, verweigerten sie sich den Plänen. Folge: Die beiden Männer unterhalten sich im ausgesprochen engen "VIP-Raum 2" direkt im Flughafen. Statt eines Schlosses erlebt Erdogan die monumentale Nüchternheit eines deutschen Zweckbaus.

Deutscher Zweckbau hält her für ein kurzes Gespräch der Politiker. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Nach dem Gespräch – Erdogan ist schon weitergefahren – sagt Laschet: "Wir wollen, dass die Moschee zu einer Kölner Moschee wird und in Köln verankert ist." Auch die Ditib solle sich zu einer deutschen Institution entwickeln. "Die Muslime, die in diese Moschee gehen, sind auch Bürger unseres Landes. Und wir sind auch deren Ansprechpartner – und nicht der türkische Präsident."

Die Ditib

Einst wichtiger Dialog-Partner – heute in der Kritik
Die Ditib ist die größte Islam-Dachorganisation in Deutschland. Sie untersteht der Religionsbehörde Diyanet in Ankara, die alle Imame in die rund 900 Moscheegemeinden entsendet und bezahlt. Wegen ihrer großen Nähe zum türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist der Bundesverband mit Sitz in Köln in die Kritik geraten. Die Ditib - Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion - war lange wichtiger Ansprechpartner der deutschen Politik auch in Fragen der Integration. Das hat sich aber in den vergangenen Jahren deutlich geändert. 
Der Bund fördert keine Projekte in Ditib-Trägerschaft mehr. Die NRW-Landesregierung hat ihre Kooperation mit dem Bundesverband auf Eis gelegt. Ditib war unter Druck geraten, weil einige Imame im Auftrag der Regierung in Ankara Kritiker oder vermeintliche Gegner Erdogans bespitzelten. Zudem hatten Berichte für Unruhe gesorgt, nach denen in einigen Moscheegemeinden Kinder in Uniform und mit türkischen Fahnen Kriegsszenen nachspielen sollten. Das Bundesamt für Verfassungsschutz prüft nach Medienberichten eine Beobachtung der Ditib.
Experten zufolge hat der türkische Staat auf die Ditib über die Diyanet auf allen Ebenen direkten Zugriff. Erst seit dem Putschversuch in der Türkei vor zwei Jahren und dem rigiden Vorgehen Erdogans gegen Kritiker hat sich dieser Einfluss in der Wahrnehmung vieler Beobachter als Problem erwiesen. Die Ditib setze Erdogans Politik in Deutschland um, lautet der Vorwurf. Der Verband selbst bezeichnet sich als rein religiös. Freitagspredigten werden in der Regel auf Deutsch auf der Homepage veröffentlicht.

Erdogans Wagenkolonne rauscht durch gesperrte Kölner Straßen nach Ehrenfeld. Es ist das Viertel der Musikclubs, der Studentenkneipen und des TV-Studios von Jan Böhmermann, der den Präsidenten mit seinem Schmähgedicht schwer verärgert hatte. Die Türkisch-Islamische Union Ditib, die weithin als verlängerter Arm der Regierung in Ankara gilt, hat eben hier ihre Zentralmoschee errichtet. Doch der Eröffnung dürfen nach der ablehnenden Entscheidung der Stadt Köln nur ein paar hundert geladene Gäste im Innenhof beiwohnen.

Die Erdogan-Anhänger ein paar Straßenzüge weiter sind enttäuscht. Seit dem Vormittag schwenken sie ihre Fahnen mit dem türkischen Halbmond oder dem Gesicht Erdogans. Ein Verkäufer zwängt sich durch die Menge, preist seine Flaggen an: "Original Türkisch". Mit Erdogan-Konterfei 15 Euro, ohne 10 Euro.

Erdogan-Anhänger schwenken Fahnen und jubeln im Umfeld der Ditib-Zentralmoschee. Foto: dpa/Marius Becker

Ein Kölner Rentner ärgert sich über die Barrieren: "Überall Polizei, alles abgeriegelt, für so einen Verbrecher!" In einem türkischen Juwelierladen diskutieren Inhaberin und Kundin. "Die Moschee ist ja schon lange offen. Warum die Eröffnung jetzt durch Erdogan – macht das Sinn?", fragt die schon lange in Ehrenfeld lebende Juwelierin. Kundin Görmez B. bekennt: "Ich mag Deutschland, ich mag die Türkei. Aber wenn man all die türkischen Fahnen hier sieht, sind das Emotionen pur und das schöne Gefühl: Wir alle gehören zusammen."

Wichtige Köpfe aus Protest abwesend

Auf dem Innenhof der Moschee läuft die Eröffnungsfeier. Gesprochen wird in erster Linie Türkisch, der Ditib-Vorsitzende Nevzat Asikoglu redet allerdings auch auf Deutsch. Er dankt dem früheren Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) und dem Ehrenfelder Bezirksbürgermeister Josef Wirges (SPD), zwei Lokalpolitikern, die sich mit großem Engagement für den Bau der Moschee eingesetzt haben. An diesem wichtigen Tag fehlen sie – aus Protest, weil sie selbst nicht das Wort ergreifen durften. Das Gleiche gilt für den Architekten Paul Böhm.

Er hat die Moschee als Monument der Offenheit und Transparenz entworfen, deshalb das viele Glas unter den Betonschalen. Sie sollte auch ein Symbol für gelungene Integration werden. Die Feier an diesem Samstag vermittelt etwas anderes: Türken und Muslime bleiben weitgehend unter sich. Als Erdogan das Wort ergreift, schießen die Handys in die Höhe. 

Man muss kein Türkisch verstehen, um mitzubekommen, dass er ein Redner ist, der sein Publikum gefangen nehmen kann. Er spricht mal lauter, mal leiser. Mitunter wiederholt er einzelne Sätze oder Begriffe. An einigen Stellen ereifert er sich dermaßen, dass sich seine Stimme leicht überschlägt. Aus dem Publikum kommen Applaus und mitunter Rufe der Zustimmung.

Der Liveblog zum Erdogan-Besuch zum Nachlesen

Erdogan vertritt die Meinung, dass sein Deutschland-Besuch durchaus ein Erfolg gewesen ist. Auch auf den Fall Özil kommt er zu sprechen. Dass der Ex-Nationalspieler und sein Nationalmannschaftskollege Ilkay Gündogan "aus der Gesellschaft ausgegrenzt worden" seien, nur weil sie ein Foto mit ihm gemacht hätten, "dafür habe ich kein Verständnis".

Ganz am Ende der Zeremonie gibt es einen besonderen Moment: Die großen hölzernen Türen des Gotteshauses schwingen auf, dazu erklingt eine leise Melodie. An dieser Stelle bekommt man eine Ahnung davon, wie die Eröffnung der großen Ehrenfelder Moschee auch hätte verlaufen können.


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