Immer wieder Arbeitsniederlegungen So schlimm sind die Arbeitsbedingungen bei Ryanair

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Versteckt hinter Masken und Schildern protestieren Mitarbeiter der Billigfluglinie Ryanair gegen widrige Arbeits- und Lohnbedingungen. Foto: dpa/Silas SteinVersteckt hinter Masken und Schildern protestieren Mitarbeiter der Billigfluglinie Ryanair gegen widrige Arbeits- und Lohnbedingungen. Foto: dpa/Silas Stein

Osnabrück. Seit einem Jahr tobt der Arbeitskampf bei der Billigfluggesellschaft Ryanair. Piloten und Flugbegleiter kämpfen gegen schlechte Arbeitsbedingungen und unfaire Löhne. Doch wie werden die Mitarbeiter beim irischen Unternehmen eigentlich behandelt?

London, Paris, Athen. Arbeiten, wo andere Urlaub machen. Das Leben als Flugbegleiter oder Pilot klingt auf den ersten Blick nach einem Glücksgriff. Doch das Ganze hat seinen Preis. Flüge für 12,73 Euro nach Glasgow und für ein paar Euro mehr nach Riga – damit wirbt die Billigfluggesellschaft Ryanair. Die Angebote klingen verlockend, doch die Leittragenden sind die Menschen, die für das irische Unternehmen arbeiten. Seit Jahren klagen sie über schlechte Arbeitsbedingungen. Geändert hat sich bislang nur wenig, selbst als im Dezember 2017 erstmals Gewerkschaften in der 30-jährigen Unternehmensgeschichte der irischen Fluggesellschaft zugelassen wurden. (Weiterlesen: Streik bei Ryanair: Flüge im Norden betroffen)

Mit den heute beginnenden Streiks in Belgien, Italien, Spanien, Portugal und den Niederlanden soll nun vieles besser werden. Endlich. So zumindest lautet die Hoffnung der Gewerkschaften, die in den betroffenen Ländern um die Rechte der Ryanair-Mitarbeiter kämpfen. Auch Kollegen aus Deutschland sind aufgerufen, sich an den Streiks zu beteiligen. Sie fordern höhere Löhne, geregelte Arbeitszeiten und eine Abkehr vom irischen Arbeitsrecht.

Denn laut der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi besitzen die rund 8000 Flugbegleiter, die Ryanair europaweit beschäftigt, Arbeitsverträge, die nicht den Rechtsanforderungen der jeweiligen Herkunftsländer entsprechen. Kündigungsschutz, unbefristete Verträge, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall? Für viele Beschäftigte nur Wunschdenken.

Pseudo-Gesellschaften und „Pay-to-Fly“-Prinzip

Arbeitsstandards und Verantwortung für Mitarbeiter haben bei Ryanair keinen Platz. Das zeigt das Beispiel der Piloten, die seit Jahren nicht direkt bei der Fluglinie angestellt sind. Stattdessen müssen sie Ein-Mann-Firmen in Irland gründen. Diese Pseudo-Gesellschaften binden sich vertraglich an Personaldienstleister, die wiederum Ryanair das Personal vermieten. So wird aus einem Piloten, der in Deutschland wohnt, ein freier irischer Unternehmer, für den weder deutsches Arbeitsrecht noch anstehende Krankenkassen- und Sozialabgaben gelten.

Für angehende Piloten kommt es häufig noch schlimmer. Da Ryanair selbst keine Piloten ausbildet, müssen sie ihre Ausbildung bei einer anderen Airline machen oder selbst für die Kosten aufkommen. Für 60.000 Euro oder mehr. Viele angehende Piloten nehmen einen Kredit auf, um das zu finanzieren. Das Einstiegsgehalt bei Ryanair reicht kaum aus, um die Raten abzustottern. Die Piloten gründen sogar Wohngemeinschaften, um sich über Wasser zu halten. Doch statt die Nachwuchspiloten anständig zu bezahlen, herrscht bei Ryanair das Prinzip „Pay-to-Fly“. Junge Piloten müssen tief in die Tasche greifen, um im Cockpit Platz nehmen zu dürfen. Bezahlung? Fehlanzeige. Es herrscht schließlich Mangel an erfahrenen Piloten.

Leiharbeit und schlechte Bezahlung

Ein weiteres Beispiel: Von den 1000 Flugbegleitern in Deutschland sind nach Angaben von Verdi rund 70 Prozent Leiharbeiter. Entsandt werden sie von zwei Firmen, die ausschließlich mit Ryanair zusammenarbeiten – Crewlink und Workforce. Beide genießen in der Branche einen zweifelhaften Ruf. Die Verträge der Leiharbeiter sind in der Regel befristet, auf maximal zwei Jahre. Doch nicht selten kommt es zu sogenannten Kettenbefristungen von bis zu acht Jahren. Die Mehrheit der Leiharbeiter bekommt kein Grundgehalt und wird nach Anzahl der Flugstunden vergütet. Für Arbeiten außerhalb der Flugzeit, etwa für das Reinigen der Maschinen oder für Wartezeiten, erhalten sie kein Geld.

Leiharbeiter kommen somit maximal auf rund 1500 Euro brutto. Häufig liegt das Monatseinkommen unter 1000 Euro – Vollzeit, versteht sich. Doch selbst Flugbegleiter, die direkt bei Ryanair beschäftigt sind, stehen mit 1800 Euro brutto nur unwesentlich besser dar. Im Vergleich zum Billigflugkonkurrenten Easy Jet verdienen sie rund 1000 weniger, jeden Monat. Für viele Arbeitnehmer sind die finanziellen Einbußen dabei nicht mal das Schlimmste. Nicht selten kommt es vor, dass Beschäftigte – trotz laufenden Vertrages – für mehrere Monate freigestellt werden, keine Lohnzahlungen erhalten und somit weder Sozial- noch Krankenversicherungsabgaben leisten können. Angestellte berichten sogar, dass sie Getränke an Bord selbst bezahlen oder eigens für die Anschaffung und Reinigung der Dienstkleidung aufkommen müssen.

Hinzu kommt der interne Druck, den Ryanair auf Mitarbeiter ausübt. Entfristung der Verträge, Disziplinarmaßnahmen bei zu geringen Verkaufszahlen, Versetzungen in ein anderes europäisches Land, Abmahnung oder die Androhung von Kündigungen etwa bei „zu vielen“ Krankheitstagen sind die Folge. Selbst auf Gespräche mit Journalisten werde konsequent mit möglichen Kündigungen gedroht, wie die Unabhängige Flugbegleiter Organisation (Ufo) oder auch Verdi unserer Redaktion bestätigen. Sprechen über die Bedingungen möchte von den Betroffenen niemand.

O‘Leary hält Forderungen für „aberwitzig“

Und Ryanair? Wie reagiert die Fluggesellschaft auf die Vorwürfe? Mit Unverständnis. Schon nach dem ganztägigen Streik vor rund zwei Wochen, bei dem deutschlandweit knapp 1000 Flugbegleiter und Piloten ihre Arbeit niederlegten, herrschte dicke Luft an der irischen Basis. Ryanair-Organisationschef Peter Bellew hatte unter anderem gedroht, Jobs zu streichen, sollten sich die Streiks weiter fortsetzen. Laut Verdi beauftragte Ryanair Führungskräfte, um die Streikenden zu fotografieren. Außerdem wurden sie mit dem Status „unerlaubter Entzug der Arbeitskraft“ versehen. Streikrecht für alle? Nicht mir Ryanair.

Unternehmenschef Michael O’Leary bezeichnete die Forderungen der Gewerkschaften als „aberwitzig“. Erst Tage später ruderten die Verantwortlichen zurück. Man wolle den Tarifstreik bis zum Ende des Jahres beenden, hieß es. „Das erwarte ich noch vor Weihnachten“, sagte Vertriebsvorstand Kenny Jacobs. Er sei zuversichtlich, dass bis dahin auch Ryanair-Piloten in Deutschland Verträge nach hiesigen Rechtsanforderungen bekommen hätten. Dennoch sprach Jacobs mit Blick auf die kommenden Arbeitsniederlegungen von „unnötigen Streiks“.

Wirklich vielversprechend klingen die Aussagen nicht. Zu groß ist der Preisdruck auf dem Markt für Flugtickets, auf dem die Iren in nur wenigen Jahren zur größten europäischen Fluglinie aufgestiegen sind. Alleine im Geschäftsjahr 2017/18 steigerte Ryanair den Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um acht Prozent auf 7,151 Milliarden Euro, den Gewinn sogar um 10 Prozent auf 1,45 Milliarden Euro. Nach eigenen Angaben transportierte das Unternehmen im gleichen Zeitraum 130,3 Millionen Passagiere. Eine Steigerung um neun Prozent. Beeindruckende Zahlen. Dazu passt auch das Ergebnis der Ryanair-Hauptversammlung aus der vergangenen Woche, bei der Unternehmenschef O’Leary mit 98,5 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt worden war.

Die Hoffnung ist groß

Und so überrascht es nicht, dass nach Ryanair-Angaben heute gerade einmal rund 200 der 2400 Flüge europaweit ausfallen werden. Dennoch ist die Hoffnung groß, dass sich Ryanair auf die Forderungen von Gewerkschaften und Arbeitnehmern einlässt. „Wir wollen eine Einigung. Das ist möglich“, erklärt Janis Georg Schmitt von der Piloten-Vereinigung Cockpit. Die Gewerkschaft Verdi geht sogar noch einen Schritt weiter und nimmt die Kunden in die Pflicht: „Jeder, der mit Ryanair fliegt, muss sich veranschaulichen, dass man bei solch niedrigen Preisen nicht fliegen und schon gar nicht Personal bezahlen kann“, so eine Sprecherin.

Druck bekommen die Iren auch vonseiten der EU. „Die Einhaltung von EU-Gesetzen ist nicht etwas, über das Angestellte verhandeln müssen, und es kann nicht von Land zu Land unterschiedlich gehandhabt werden“, sagte die für Beschäftigung zuständige EU-Kommissarin Marianne Thyssen nach einem Treffen mit O’Leary in Brüssel. Sie habe ihm klar gemacht, dass der „Binnenmarkt kein Dschungel“ sei. Auch nicht für Ryanair.


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