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26.09.2018, 18:31 Uhr BERICHT ZUR DEUTSCHEN EINHEIT

Warum wir intensiver nach Osten sehen sollten

Kommentar von Uwe Westdörp

Protestaktion gegen rechten Hass und Gewalt in Chemnitz. Vorfälle wie die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in der sächsischen Metropiole überschatten nach Auffassung des Ostbeauftragten der Bundesregierung positive Entwicklungen in Ostdeutschland.  Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpaProtestaktion gegen rechten Hass und Gewalt in Chemnitz. Vorfälle wie die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in der sächsischen Metropiole überschatten nach Auffassung des Ostbeauftragten der Bundesregierung positive Entwicklungen in Ostdeutschland. Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Osnabrück. Es geht um harte ökonomische und demografische Fakten, aber auch um Gemütslagen und Gefühle: Der Bericht zum Stand der deutschen Einheit hat viele Facetten – und er ist ein Appell, sich genauer mit dem Osten Deutschlands auseinanderzusetzen. Ein Kommentar.

Es ist eine bittere Bilanz nach 28 Jahren deutscher Einheit: Viele Bürger in den ostdeutschen Bundesländern sehen sich als Menschen zweiter Klasse, so der Ostbeauftragte der Regierung, Christian Hirte. Diesem Befund muss die Politik auf den Grund gehen.

Zu den Fakten: Zwar hinkt die ostdeutsche Wirtschaftskraft der westdeutschen weiter hinterher. Doch heißt das nicht, dass der Osten insgesamt rückständig wäre. Dagegen sprechen unter anderem Boomregionen wie Leipzig und Jena. Nachholbedarf besteht dagegen in den ländlichen Regionen, die unter anderem unter Stadtflucht und Überalterung leiden – allen Milliardentransfers zum Trotz.

Doch ist Geld, wie es scheint, ohnehin nicht alles. Vieles scheint auch eine Frage der Psychologie zu sein. Zahlreiche Menschen im Osten haben nach dem Zusammenbruch der DDR und dem Fall der Mauer tief gehende Umbrucherfahrungen gemacht. Soll heißen: Bevor mehr oder weniger blühende Landschaften entstehen konnten, hat es eine extrem harte Phase der Transformation gegeben – mit zeitweiliger Massenarbeitslosigkeit und dem Gefühl von Abhängigkeit und Bevormundung. Dieses Trauma sitzt offenbar tief: so tief, dass jede neue Veränderung als extrem bedrohlich empfunden wird.

In Zeiten von Globalisierung, Migration und populistischer Verführer ist das ein gefährlicher Hintergrund, weshalb Politiker aller Parteien dem Osten eine lautere Stimme geben sollten.


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