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Tschüss, Schutzgeld: Eine Gruppe von Unerschrockenen wagt in Palermo den Aufstand –und findet immer mehr Anhänger Nicht mehr allein gegen die Mafia


Palermo. Zuerst hielt sie es für einen geschmacklosen Scherz. „Ein ganzes Volk, das Schutzgeld zahlt, ist ein Volk ohne Würde“: Überall war dieser Spruch zu lesen, auf kleinen Aufklebern, die jemand auf Straßenlaternen, Mülleimern und Hauswänden verteilt hatte. Francesca Vannini Parenti rätselte wie alle anderen Menschen in Palermo. Sie ahnten nicht, dass dieser Satz nur der Anfang war. Der Anfang von etwas nie Dagewesenem: Ganz normale Bürger wagen den Aufstand gegen die Mafia.

Das war im Juni 2004. Gut sieben Jahre später sitzt Francesca Vannini Parenti im Büro der Organisation Addiopizzo – auf Deutsch heißt das „Tschüss, Schutzgeld“. Sie erzählt davon, wie sie begriff, dass der Spruch kein schlechter Scherz war. Wie der nächste folgte: „Ein ganzes Volk, das kein Schutzgeld zahlt, ist ein freies Volk.“ Die Aufkleber waren unübersehbar, und plötzlich war es in Palermo nicht mehr so einfach, über den Alltag mit der Mafia zu schweigen.

Die meisten Geschäftsleute – kleine Tabakhändler ebenso wie edle Juweliere – zahlen Schutzgeld, auf Italienisch „pizzo“. Handlanger der sizilianischen Mafia „Cosa Nostra“ treiben es ein. Das bringt der Verbrecherorganisation enorm viel Geld – und die Kontrolle über das jeweilige Viertel. Geld und Kontrolle, darauf ist die Mafia aufgebaut, und so kann sie wie ein „Staat im Staat“ nach eigenen Gesetzen operieren. Jeder auf Sizilien weiß das, aber niemand hat offen darüber geredet. Bis 2004.

Francesca war 24, und das Problem mit der Mafia beschäftigte sie in Gedanken schon seit Jahren. Wie die meisten in ihrer Generation hatte sie das große Trauma der Stadt als Kind verinnerlicht: die Mafia-Morde an Giovanni Falcone und Paolo Borsellino im Jahr 1992. Die berühmten Richter waren erfolgreich im Kampf gegen die Cosa Nostra – Hunderte Mitglieder brachten sie ins Gefängnis. Als sie getötet wurden, merkten die Kinder Palermos an dem Schock, der die Stadt lahmlegte, welche Bedrohung die Mafia war.

„Aber in meinem Alltag habe ich gedacht: Ich kann nichts tun, ich bin machtlos“, sagt die jetzt 31-jährige Francesca mit funkelnden Augen. Sie ist glücklich darüber, dass sie einen Weg gegen die Mafia gefunden hat. Und dass sie damit nicht allein ist.

Im Oktober 2004 erfuhr sie, wer hinter den aufrüttelnden Sprüchen steckte: Francescas Schwester traf abends in einem Pub auf ihren Vertretungslehrer, den Philosophiestudenten Vittorio Greco – er hatte die Sätze geschrieben und mit einer Gruppe von Freunden in der Stadt verteilt. Eigentlich wollten der Student und seine Mitstreiter nur eine Kneipe eröffnen. Aber als sie merkten, dass sie dabei waren, das Schutzgeld in ihre Kalkulationen einzuberechnen, ging ihnen ein Licht auf: Nein. Sie wollten es nicht bezahlen. Und anstatt einen Pub zu eröffnen, gründeten sie Addiopizzo.

Ihre Idee: Wenn sie das Problem in die Öffentlichkeit zwingen und sich gemeinsam wehren, werden immer mehr Geschäftsleute stark genug, um „Nein“ zu sagen. Und wenn sie bekannt machen, wer kein Schutzgeld zahlt, können die Menschen durch ihr Konsumverhalten diese Nein-Sager unterstützen. Heute, sieben Jahre später, kennt jeder in Palermo Addiopizzo. 700 Geschäfte stehen auf der Liste der Bewegung: Sie zahlen kein Schutzgeld und zeigen dies öffentlich, mit einem Zeichen an ihrer Tür. Ihre Namen sind auf eigenen Stadtplänen und Flyern zu finden.

Und die Zahl wächst kontinuierlich. Seit Anfang dieses Jahres ist auch Elena Lo Cicero dabei. Die 31-jährige Palermitanerin betreibt das Bed&Breakfast „L’Olivello“ in der Nähe des berühmten Teatro Massimo. „Es ist einfach das Richtige“, sagt sie. „Es ist ethisch richtig, und man kann im Kleinen etwas ändern in dieser Stadt.“ Die zierliche Sizilianerin wusste nach der Eröffnung ihrer Pension bald, dass sie den Weg von Addiopizzo mitgehen wollte. „Es erfordert schon eine Form von Mut“, räumt sie ein, „aber es ist ja eine Gemeinschaft von vielen, wir sind nicht allein.“ Bei ihr hat es die Cosa Nostra noch nicht versucht. „Aber sollte einer kommen, würde ich ihn sofort anzeigen“, sagt sie mit fester Stimme. Sie weiß ja die Gemeinschaft hinter sich.

„Zeigen wir sie gemeinsam an“: Auch das ist ein Spruch von Addiopizzo. 100 der derzeit 700 Geschäfte auf der „Pizzofree“-Liste haben früher Schutzgeld gezahlt. Berühmtheit erlangte Vincenzo Conticello, Besitzer der „Antica Focacceria San Francesco“: Er brachte seine Erpresser vor Gericht. Heute klebt das Zeichen von Addiopizzo an seiner Tür. Der Laden in Palermos Altstadt ist voller Touristen – die vor dem Haus einen großen dunklen Wagen mit Blaulicht auf dem Dach sehen können: Polizeischutz. Conticello wurde bedroht. Er macht trotzdem weiter.

Einem weiteren Aussteiger wurde der Laden angezündet. Aber danach war der Protest ungewöhnlich groß, die Menschen in Palermo zeigten ihre Wut erstmals öffentlich – und die Stadt stellte dem Mann ein neues Lokal zur Verfügung, sodass auch er weitermachen konnte. Das waren die einzigen gefährlichen Reaktionen der Mafia, erzählt Francesca Vannini Parenti. Sie selbst hat keine Angst. „Von uns in der Organisation ist nie einer bedroht worden“, sagt sie. Und auch die anderen Geschäfte nicht. Die Leute von der Bewegung begründen dies mit ihrem Konzept: Gemeinschaft und Öffentlichkeit.

Sie sind stolz darauf, dass es funktioniert. Nino di Gregorio zum Beispiel. Der 22-Jährige kam vor drei Jahren dazu – nach einem Unterrichtsbesuch von Addiopizzo in seiner Schule. Die Jugendlichen zu informieren ist Teil des Programms. Nino hatte wie alle Palermitaner schon von den Aktionen der Gruppe gehört – heute steht der Jura-Student selbst in Schulklassen und spricht darüber.

„Ein Kronzeuge hat ausgesagt, dass die Mafia um Läden, an deren Tür unser Zeichen klebt, einen Bogen macht“, erzählt er zufrieden. Er geht davon aus, dass die Mafia lieber auf das Geld verzichtet, als den Ärger zu riskieren. Ob die Bosse der Cosa Nostra tatsächlich Angst vor Addiopizzo haben? So weit würde Nino nicht gehen, aber er ist sich sicher, dass ihre Gruppe die Mafiosi richtig stört. Das wäre kein Wunder. Sie residiert ja sogar in ehemaligem Mafia-Besitz: Das Addiopizzo-Büro an der Via Lincoln in Palermo gehörte früher einem der Bosse, der jetzt im Gefängnis sitzt. Die Kommune hat ihn enteignet und die großzügigen Räume zur Verfügung gestellt.

Von hier aus organisiert die Gruppe ihre Arbeit. Hierher kommen Touristen, um sich einen Vortrag anzuhören und Wein und Käse aus schutzgeldfreien Betrieben zu kosten, von hier aus beraten sie Geschäfte, die auf die Liste wollen, sprechen mit Journalisten und bereiten Besuche in Schulen vor. Die meisten ehrenamtlich, einige machen hier ein freiwilliges soziales Jahr.

So wie Maddalena Antognioli. Sie kommt aus der Toskana und hat über die Bewegung ihre Abschlussarbeit an der Universität geschrieben. Jetzt ist die 26-Jährige für ein Jahr nach Palermo gekommen, um zu helfen. Und je länger sie dabei ist, desto mehr regt sie sich über berühmte Mafia-Filme wie „Der Pate“ auf. „Solche Filme helfen wirklich nicht sehr“, sagt sie, „die Jugendlichen bekommen ein viel zu positives Bild von der Mafia, als wäre das etwas Cooles.“

Die Mafia ist eine Tragödie: So nennt es Donatella Pucci. Die Signora besitzt in der Nähe von Cefalù, etwa 60 Kilometer östlich von Palermo, die Azienda Guarnera, wo sie auf acht Hektar Land Oliven, Limetten, Granatäpfel und andere Früchte anbaut. Zusätzlich führt sie hier eine Pension – und die steht natürlich auf der Liste schutzgeldfreier Betriebe. Signora Donatella ist besonders glücklich über das Engagement der jungen Leute. „Die Menschen verbinden Sizilien zwar mit schöner Natur, aber immer auch mit der Mafia“, sagt sie. Und diesem Bild setze Addiopizzo etwas entgegen. Die Signora hatte schon deutsche Gäste, die nie nach Sizilien gekommen wären, wenn sie nicht von der Bewegung gehört hätten.

Gerade solchen Reisenden mit Ängsten oder Skrupeln wegen der Cosa Nostra kann und will Addiopizzo helfen: Die Liste der schutzgeldfreien Betriebe umfasst Pensionen und Hotels ebenso wie Restaurants, Supermärkte, landwirtschaftliche Betriebe, Autowerkstätten, Juweliere, Buchläden und Cafés – wer möchte, kann zumindest in Palermo und Umgebung dafür sorgen, dass nichts von seinem Geld bei der Mafia landet.

Francesca glaubt zwar ebenso wenig wie Nino oder Maddalena, dass Addiopizzo in Kürze die Mafia abgeschafft haben wird. Aber das entmutigt sie nicht. Schließlich hat die Gruppe schon viel erreicht. Und ihre Ziele bleiben ehrgeizig: „Wir gehen davon aus, dass etwa 80 Prozent der Läden in Palermo Schutzgeld zahlen“, sagt Francesca. „Es wäre schön, dies umzudrehen: dass 80 Prozent der Läden schutzgeldfrei sind.“

Das würde bedeuten, dass die Mafia viel Geld und Einfluss verlöre. Und dass die Mehrheit der Menschen in Palermo frei wäre – lange eine Vorstellung, von der man hier buchstäblich nicht einmal zu träumen wagte. Aber es sieht so aus, als würde Addiopizzo recht behalten: Zur Veränderung führen kleine Schritte. Zuerst mussten die Menschen verstehen, dass sie um ihre Freiheit betrogen werden. Und dann müssen sie zu der Überzeugung gelangen, dass sie etwas dagegen tun können. Erst im Oktober dieses Jahres hat die Händlerorganisation „Confcommercio“ in Palermo neue ethische Leitlinien herausgegeben: Geschäfte, die Schutzgeld zahlen und nichts dagegen unternehmen, werden aus der Organisation ausgeschlossen. Es hat sich einiges verändert in Palermo.