Zentralrat der Juden empört Amazon und Co liefern rassistische Literatur frei Haus

Hamburg. In den Tiefen des Internets lebt der Rassismus weiter. Rechtsextreme träumen von einem weißen Europa. Und Versandhändler wie Amazon liefern die passende pseudowissenschaftliche Literatur aus der Zeit des Nationalsozialismus frei Haus. Der Zentralrat der Juden kritisiert das.

Adolf Hitler bei einer Rede. Foto: dpaAdolf Hitler bei einer Rede. Foto: dpa

Von Dirk Fisser


Einmal angenommen, es hätte das Internet und Versandhändler wie Amazon bereits in den 1930er Jahren gegeben. Es hätte so oder so ähnlich aussehen können:

Screenshot: Fisser

Tatsächlich zeigt der Screenshot aber eine aktuelle Aufnahme aus dem Amazon-Shop. Auch bei Thalia und anderen Konkurrenten finden sich diese und ähnliche Beschreibungen. Beworben werden Bücher des Autoren Hans F. K. Günther (Foto). Zur Zeit des Nationalsozialismus auch Rasse-Papst oder Rasse-Günther bekannt. Seine Werke wie die „Kleine Rassenkunde des Deutschen Volkes“ oder „Rassenkunde des jüdischen Volkes“ waren Bestseller. Und das bereits in den 1920er Jahren. Günther war bekannt.

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-0912-500/Wikimedia Commons

Er sei als Rasseforscher „Vertreter eines wissenschaftlichen Randphänomens, einer Pseudowissenschaft“ gewesen, umschreibt der Osnabrücker Historiker Christoph Rass die Rolle Günthers. Jenes Randphänomen habe aber zunehmend in Deutschland und darüber hinaus Anhänger gefunden. Rassistische Menschen- und Weltbilder seien damals akzeptierter Teil des gesellschaftlichen und akademischen Spektrums gewesen, sagt Rass. Seinen Durchbruch habe Günther aber erst nach der Machtübernahme der Nazis im Jahr 1933 und dem Aufstieg Adolf Hitlers zum Alleinherrscher erfahren. 

Foto: imago/sepp spiegl

Historiker Rass sagt: „Der Nationalsozialismus machte eine rasante wissenschaftliche Karriere für Günther erst möglich.“ Damals sei die Rassenlehre  nicht mehr nur akzeptiert, sondern auch staatlich gefördert und ausgebaut worden. „Der Rassismus wurde zur einzig gültigen Interpretation der Welt“, so Rass. Mit fatalen Folgen gerade für Minderheiten wie Juden. Wer nicht ins rassistische Weltbild der Nazis passte, wurde in Konzentrationslager wie Buchenwald gesperrt oder direkt umgebracht.

Foto: dpa

Welchen Einfluss hatte der Pseudowissenschaftler Günther darauf? Die Frage lasse sich nur schwer beantworten, sagt Rass. „Man sollte die Wirkung weder verharmlosen, noch überschätzen. Den Holocaust hat nicht erst dieser 'theoretische' Überbau ermöglicht, er hat aber die Radikalisierung des Antisemitismus, der Eugenik und rassistischer Politik bis hin zum Genozid durchaus vorgedacht und legitimiert.“

Rassismus frei Haus

Und solche Vordenker wie Günther finden sich heute bei Amazon und Co. Für Kunden des Dienstes Prime versandkostenfrei und am Folgetag im Briefkasten, weil Amazon sie laut Eigenangaben auf Lager hat.

Der Zentralrat der Juden reagiert empört. Präsident Josef Schuster sagt:

Foto: dpa

Der Zentralrat erwarte von Unternehmen wie Amazon und den zuständigen Behörden, dass sie derartige Schriften prüfen, gegebenenfalls aus dem Verkehr ziehen und gegen die Verbreiter vorgehen. Schuster sagte: „Amazon trägt als eines der größten Unternehmen auf dem weltweiten Buchmarkt auch eine gesellschaftliche Verantwortung.“

Amazon schweigt

Amazon selbst äußert sich auf Anfrage nicht. „Leider kommentieren wir hier nicht“, erklärt ein Sprecher. Konkurrent Thalia ist auskunftsfreudiger. „Über Großhandelskataloge werden rund acht Millionen Artikel automatisch in unseren Online-Shop eingesteuert[…]“, sagt eine Sprecherin. Und:

„Eine individuelle Überprüfung aller Titel ist aufgrund der Vielzahl der Produkte nicht möglich.“Thalia-Sprecherin

Ein Brancheninsider vermutet, der Verlag selbst hat Werbetexte und Bilder in die Kataloge eingespielt, die dann automatisch ausgelesen werden. Sitz des Unternehmens ist London. Auf der Homepage werden weitere rassistische Werke angeboten wie „Der Untermensch“. Viele davon finden sich dann auch wieder bei Amazon.

Sollten derart historisch vorbelastete Werke frei verkauft werden?

Geschichtsprofessor Christoph Rass aus Osnabrück sagt, Bücher wie die von Günther seien eine historische Quelle, mit der sich die Gesellschaft auseinandersetzen können müsse. Historikern „würden dazu Bibliotheken genügen, wir müssen aber auch zähneknirschend hinnehmen, dass Geschäftsleute - nicht selten aus dem rechten beziehungsweise völkischen Spektrum - damit Geld verdienen.“

Screenshot: Fisser

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