Streitgespräch in Chemnitz

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Am Rande der Demonstrationen in Chemnitz ereignete sich ein Streitgespräch zwischen Demonstranten des rechten Lagers und einer weiblichen Gegendemonstratin. Fotos: dpa

Gespaltene Nation: Wenn Angst zu Hass wird

Chemnitz. Ein Streit zwischen Demonstranten erhitzt nicht nur die Gemüter vor Ort. Das Video spaltet auch tausende Twitter-Nutzer im In- sowie Ausland und wirft essentielle Fragen auf.


Dieses Video habe ich in Chemnitz aufgezeichnet. Dort habe ich beobachtet, wie dieser Mann - unter der Behauptung ein "ehrwürdiger Bürger" zu sein - brüllt, dass er vor Angst nicht mehr  auf die Straße gehen könne. "Arabische Bürger" würden ihn und seine Kinder bedrohen, sagt er.

Die einzige Gegendemonstrantin

So entlädt sich die gesamte Wut dieses Demonstranten des rechtspopulistischen Bündnisses "Pro Chemnitz" gegenüber einer Frau, die alleine zur Gegendemonstration vor dem Stadion des Chemnitzer FC erschienen ist und friedlich ein Plakat hoch hält, auf dem steht: "Gegen Hass und Hetze! Chemnitz Nazi-frei". 



Der Ton dieses Streitgesprächs gleicht jedoch eher einer Militärübung als einem sachlichen Meinungsaustausch. Tatsächlich wird schnell klar, diese Diskussion ist eine Einbahnstraße. Und die Frau mit dem Transparent gegen Nazis wurde zum Prügelknaben auserkoren. 

Denn jeder Versuch, ihren Standpunkt zu erklären oder die pauschalisierenden Äußerungen ihrer Gesprächspartner gegenüber Migranten gesellschaftlich einzuordnen, wird mit Häme, Spott oder lautstarkem ins Wort fallen quittiert. Trotzdem bleibt die Frau stehen und hält den Hass aus. 

Tausende streiten auf Twitter

Vor Ort bildet sich schnell eine Menschentraube um die Szenerie. Auch auf Twitter wird das Video stark kontrovers diskutiert. So streiten Tausende unter dem Video über die Art und Weise der Diskussionführung sowie über dessen Inhalt. 

Viele Twitter-Nutzer fühlen sich den Kommentaren nach zu urteilen in ihrer Meinung bestätigt, dass es nicht möglich sei, mit rechten Demonstranten sachlich zu diskutieren. Bei ihnen habe eine Abkopplung vom demokratischen Diskurs stattgefunden, lautet der allgemeine Tenor.

Video wird zu Fake-News im Ausland

Nachdem das Video in Deutschland viral ging, schwappte es nach Frankreich über. Allerdings wurde es dort nicht mit den korrekten Fakten dargestellt. Ein Rechtspopulist lud das Video von meinem Twitter-Account, der die Ursprungsquelle ist, runter und auf seinem eigenen Profil wieder hoch. Jedoch mit falschem Kontext. 

Denn in Frankreich wurde behauptet, die Gegendemonstrantin sei eine links-extreme Journalistin, die das Streitgespräch provoziert habe. Das ist nicht korrekt. Das Video mit den Fake-News wurde allerdings mehr als 5000 Mal in Frankreich geteilt. Deshalb entschied sich der französische TV-Sender Arte dazu, einen Faktencheck zu machen und mich, die Ursprungsquelle, dazu zu interviewen, um die Sache richtigzustellen.



Experte sieht Ablehnung

Um dieser vielfachen Meinung nachzugehen, wollte ich eine fachliche Einschätzung zu der Körpersprache der Diskutanten im Video hören. Deshalb zeigte ich dem führenden Experten für Mimik und Körpersprache im deutschsprachigen Raum, Dirk Eilert, dieses Video. Er bewertet diese Situation grundsätzlich als sehr spannend und aufgewühlt. 

Der Hass resultiert aus Angst und Verzweiflung. Dieser Mann hat das Gefühl, ihm hört keiner zu. Dirk Eilert, Experte für Körpersprache

Um noch genauere Aussagen über den Ursprung des Hasses treffen zu können, hat Dirk Eilert sich das Video mehrfach angesehen.Dabei hat er detaillierte Bemerkungen zu den einzelnen Gesichtsausdrücken des stark verärgerten Mannes mit Brille gemacht. 

Seine Beobachtungen haben wir anhand von Screenshots in einem Video zusammengefasst. Dabei hat er besonderes Augenmerk darauf gelegt, ob eine sachliche Diskussion mit diesem Mann überhaupt möglich gewesen wäre. Seine Meinung diesbezüglich ist eindeutig. 

Deutschland ist so sicher wie lange nicht

Doch nicht nur die Art und Weise dieses Steitgespräch muss im Hinblick auf eine Verbesserung der Situation genauer betrachtet werden. Auch die inhaltlichen Behauptungen der Pro-Chemnitz-Demonstranten bedürfen eines Faktenchecks:

In den vergangenen Jahren werden immer wieder Stimmen lauter, die rufen: Deutschland ist unsicher geworden. Doch das stimmt nicht. Anders als oft behauptet, ist die Bundesrepublik so sicher wie lange nicht:

Kann man in Sachsen wirklich nicht mehr auf die Straße gehen?

Tatsächlich ist die Zahl der Straftaten in den vergangenen Jahr leicht gesunken. Die Zahlen der Gewaltkriminalität in dem östlichen Bundesland sind 2017 gegenüber dem Vorjahr um 8,5 Prozent zurückgegangen. Politisch motivierte Straftaten haben leicht abgenommen: 2017 wurden 3259 Fälle erfasst. Davon werden 2024 Straftaten als "rechts" und 667 Taten als "links" eingeordnet. 

Ein leichter Anstieg lässt sich bei der Kriminalität durch Zuwanderer verzeichnen, sie ist um 5 Prozent gestiegen. Zum Hintergrund: In Sachsen wurden im Vorjahr insgesamt 52.918 Zuwanderer gezählt, 2016 fielen 63.425 Personen unter den Zuwanderer-Status. Die Anzahl der durch Zuwanderer verübten Straftaten stieg dennoch leicht um 941 auf 19.769 Fälle. Jedoch geht mehr als jede dritte durch Zuwanderer ausgeübte Straftat auf das Konto einer kleinen Gruppe von Mehrfach- bzw. Intensivstraftätern.

Es geht nicht um Fakten, sondern um Gefühle

Angst, Hass, Wut: Die aktuelle Debatte ist von vielen Gefühlen geprägt. Am Mittwoch bezog Angela Merkel während der Generalaussprache über die Regierungspolitik Position. “Juden und Muslime gehören genauso wie Christen und Atheisten zu unserer Gesellschaft”, sagte Merkel im Bundestag. Der Konsens darüber entscheide über den gesellschaftlichen Zusammenhalt:



Mitarbeit: Kira Oster


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