Eine Kleinstadt in Aufruhr Warum die Situation in Köthen eskalierte

Von Andre Pottebaum, 11.09.2018, 20:14 Uhr
Ein Meer aus Blumen und Lichtern ziert den Tatort in Köthen, der einige Tage nach dem Vorfall noch immer verwaist ist. Foto: dpa

Köthen. Seit dem Wochenende ist das beschauliche Köthen deutschlandweit in den Schlagzeilen. Der Tod eines 22-Jährigen, der nach einer Auseinandersetzung mit zwei Afghanen an den Folgen akuten Herzversagens starb, spaltet die Kleinstadt. Angst und Hass prägen seit Tagen das Stadtbild. Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? Ein Besuch vor Ort.

Montagabend, 18 Uhr, auf dem Holzmarkt im Zentrum von Köthen. Bernhard Träger, ein unscheinbarer, zierlicher Mann mit Vollbart und grau meliertem Haar, fährt mit seinem in die Jahre gekommenen Wagen vor. Seelenruhig öffnet er die Motorhaube, schließt über die Batterie einen Verstärker an und stellt in Hörweite zwei Lautsprecher auf. Sekunden später dröhnt es aus den Boxen: „Deutschland, Deutschland über alles.“ Einige der gut 200 anwesenden Zuhörer stimmen ein und applaudieren. (Zum Nachlesen: Die Kundgebung im Liveticker)

„Deutschland, Deutschland über alles" schallte es am Montagabend in Köthen aus Lautsprecherboxen. Foto: Andre Pottebaum

Ausschreitungen verhindern

Köthen ist in diesen Tagen im Ausnahmezustand. Viele Einwohner treibt es auf die Straße. Sie wollen sich Luft verschaffen und Ausschreitungen wie in Chemnitz verhindern. Doch schon zur Montagsdemo von Träger ist die Polizei mit einer Hundertschaft vor Ort. In der beschaulichen Kleinstadt, 70 Kilometer vor den Toren Leipzigs, kreisen Hubschrauber am Himmel, eine Reiterstaffel läuft vor der Jakobskirche Patrouille. Ein ungewöhnliches Bild in einer Stadt, in der noch heute kleine, fast malerisch wirkende Bauten aus der frühen Neuzeit den Kern der Altstadt zieren. Der Platz um die Stadtkirche St. Jakob mit Kopfsteinpflaster, urigem Café und Restaurant ist Anziehungspunkt für die Menschen aus der Umgebung. Eine kleine Allee am Fuße des Platzes mit Sitzbänken und Wasserspiel bietet an diesem Spätsommertag eine willkommene Pause.

Doch die Idylle der 26 000-Einwohner zählenden Stadt, die einst durch Johann Sebastian Bach zu Ruhm gelangte, trügt. Die Situation in Köthen ist aufgeheizt. Die AfD hat für eine Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz mobilisiert. Mehrere Hundert Teilnehmer sind gekommen, um im Anschluss an die Demo mit einem Trauermarsch dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen.

Trauermarsch in Köthen. Foto: Andre Pottebaum

Unter den Teilnehmern sind auch führende AfD-Politiker. Auf Spruchbändern ist „Wir trauern um einen Menschen“ zu lesen, ehe sich der Trauerzug in Bewegung setzt und am Ort des Geschehens einen Kranz niederlegt. Es bleibt ruhig an diesem Abend, auch weil linke Gegendemonstranten der Veranstaltung fernbleiben. Die Polizei ist zufrieden. Doch die Bedenken bleiben.  (Lesen Sie auch: Mehrere Hundert Menschen bei Kundgebung in Köthen)

In Köthen haben Trauernde Blumen, Kerzen und Teddybären niedergelegt. Foto: Andre Pottebaum

Vorkommnisse haben Spuren hinterlassen

Am Morgen danach wirkt der Tatort wie ausgestorben. Die am Stamm einer Linde abgelegten Blumen fangen an zu welken, während der beißende Geruch von Teer einer umliegenden Baustelle über den Platz weht. Nur langsam trauen sich die Köthener aus ihren Häusern, die sich in der aufgehenden Sonne ruhigeren Tagen entgegensehnen. Normalerweise, sagt Wolfgang Jänecke, der seit 1941 am Karlsplatz wohnt, sei das Viertel sehr ruhig und bunt. Doch die vergangenen Tage hätten bei den Anwohnern Spuren hinterlassen. „Es trifft einen schon sehr, dass dort jemand zu Tode gekommen ist. Auf dem Spielplatz gab es immer mal wieder Rangeleien, aber ob das Ganze auch so instrumentalisiert worden wäre, wenn ein Deutscher zugeschlagen hätte. Ich weiß es nicht“, sagt der Rentner sichtlich frustriert.

Jänecke ist an diesem Tag einer der wenigen Passanten, die offen über die Geschehnisse in der Nachbarschaft sprechen. Namentlich genannt werden möchte eigentlich niemand. Zwei junge Frauen mit Hund wechseln gar die Straßenseite, um lästigen Fragen aus dem Weg zu gehen. Ganz im Gegensatz zu einem älteren Herrn, der mit seinem Fahrrad am Straßenrand hält und munter drauflosredet. „Wir hatten mal über 40 000 Einwohner, doch viele Geschäfte haben einfach geschlossen. Wenn dann Familien mit Kindern hierherkommen, tun sie mir schon leid. Aber die gehen einfach nicht arbeiten und lungern nur rum“, sagt der 77-Jährige voller Überzeugung, als im gleichen Atemzug ein junger Mann die Straße kreuzt. Sichtlich nervös und angespannt bleibt er stehen, während seine Blicke immer wieder zum Boden wandern. Aus Angst, nach draußen zu gehen, sei er in den vergangenen Tagen in seiner Wohnung geblieben, erklärt er. Vor zwei Jahren sei er aus Afrika ohne gültige Papiere nach Deutschland gekommen. „Hätte ich gewusst, wie es hier ist, wäre ich lieber in meiner Heimat geblieben“, sagt er niedergeschlagen. (Lesen Sie auch: Köthen: AfD-Demo beendet – Autobrände in der Innenstadt)

Aufklärung erforderlich

Doch nicht nur über die Tat an sich, auch über die Umstände wird in Köthen diskutiert. In einer Stadt, in der Linke und Rechte sich die Waage halten. Oder besser gesagt, in einer Stadt, in der die Wähler sowohl den Linken (26,5 Prozent) als auch der AfD (26,2 Prozent) bei der vergangenen Landtagswahl ihr Vertrauen schenkten. Bereits am Wochenende hatten Vertreter von Kirchen und Politik erklärt, die Aufklärung möglichst schnell voranzutreiben, nachdem in den sozialen Netzwerken zu Kundgebungen aufgerufen und Parallelen mit den Vorfällen in Chemnitz angesprochen wurden.

Am Karlsplatz wundert man sich hingegen über die „Verschlafenheit der Politik“. Vor allem, dass die beiden Afghanen, die während ihrer Zeit als unbegleitete minderjährige Ausländer (Uma) unter Betreuung der Kirche standen, bereits im Vorfeld strafrechtlich aufgefallen sind, stößt bei einer älteren Dame auf Unverständnis. „Hätte man die Tat dann nicht verhindern können?“, fragt sie im Vorbeigehen und lässt zwei sprachlose junge Männer verdutzt zurück.

Wer trägt die Verantwortung?

Die Frage nach der Verantwortung dürfte auch für die Hinterbliebenen des Opfers eine Rolle spielen. Während eine Verwandte sich nicht zu den Umständen äußern möchte, sitzt in einem Industriegebiet am Rande Köthens die Trauer tief. In der Werkstatt für behinderte Menschen der Lebenshilfe hatte der Verstorbene zuletzt gearbeitet. Ein Mitarbeiter beschreibt ihn als ruhigen, umgänglichen und unauffälligen Kollegen. „Wir sind alle niedergeschlagen und brauchen jetzt viel Ruhe“, sagt er.

Diese Ruhe wünschte ihnen gestern auch Kreisoberpfarrer Lothar Scholz, der im Beisein von Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) und Justizministerin Anne-Marie Keding (CDU) in der St.-Jakob-Kirche in Köthen ein Friedengebet abhielt. „Uns eint die Trauer um einen Toten in der Gemeinde“, sagte Scholz vor rund 100 Besuchern. „Wir sind entsetzt darüber, dass Gewalt so eskalieren konnte. Aber vor allem möchten wir weiterhin in Frieden in unserer Gemeinde leben“, so sein Wunsch.

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