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04.09.2018, 18:50 Uhr KOLUMNE

Erfahrungsbericht aus Chemnitz: Die Demokratie lebt noch

Von Tobias Bosse

Begeistertes Publikum während des Konzertes gegen Rechtsradikalismus und Fremdenhass in Chemnitz. Foto: imago/Star-MediaBegeistertes Publikum während des Konzertes gegen Rechtsradikalismus und Fremdenhass in Chemnitz. Foto: imago/Star-Media 

Chemnitz. 65.000 Menschen zeigen beim #Wirsindmehr-Konzert Flagge gegen Gewalt von rechts. Reporter Tobias Bosse war vor Ort und schildert seine Eindrücke.

Wo nur wenige Tage zuvor noch Hass und Fremdenfeindlichkeit die Szenerie beherrschten, liegt nun Liebe und Hoffnung in der Luft. Dieselben Straßen erscheinen in einem völlig anderen Licht. Es wirkt heller und wärmer. Ein kleines Mädchen sticht aus den schier endlos scheinenden Menschenmassen hervor. Sie streckt freudestrahlend ein Schild hoch. Darauf zu lesen steht mit bunten Farbtupfern verziert: "Wir sind mehr". 



Es sind mehr! Mehr Menschen, die am Montagabend in Chemnitz bei dem #Wirsindmehr-Konzert ein Zeichen gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt setzen. Mehr Menschen, die sich gleichzeitig für demokratische Werte, Vielfalt und Nächstenliebe einsetzen. Bei dieser Veranstaltung geht es nicht um linke oder rechte Gesinnung. Es geht um Menschlichkeit. Menschlichkeit, die für ein paar Tage in Chemnitz auf der Strecke blieb. Nicht bei den Menschen, die um den getöteten Daniel H. trauerten, sondern bei jenen, die seinen Tod für ihre Zwecke instrumentalisierten.



Und das ist nicht übertrieben oder tendenziös dargestellt, sondern schlichte Tatsache. Ich war, wie viele andere Kollegen auch, sowohl auf der Demonstration von Pro Chemnitz und wurde selbst beleidigt, bedroht und körperlich bedrängt, als auch auf dem #Wirsindmehr-Konzert. Das einzige, das mir dort ins Gesicht schlug, waren Lächeln und Freundlichkeit. 

Ich betrachte mich politisch weder als links noch als rechts. Ich bin deutscher Staatsbürger und habe einfach die demokratischen Werte unseres Landes verinnerlicht. Für mich war dieses Konzert ein Zeichen, dass die Demokratie in Deutschland noch lebt! Daran hatte ich aufgrund der vergangenen Monate arge Zweifel, was ein wirklich bedrückend-ängstigendes Gefühl ist. Viele werden wissen, wovon ich spreche. 

Und natürlich macht eine Schwalbe noch keinen Sommer. Natürlich ist nach diesem einen Konzert nicht alles eitel Sonnenschein. Nach wie vor sieht sich Deutschland sowie Europa einem starken Rechtsruck ausgesetzt. Das muss jedem klar sein. Aber 65.000 Menschen, die sich innerhalb einer Woche mobilisieren lassen, auf einem Montagabend den beschwerlichen Weg nach Chemnitz auf sich nehmen und dort zeigen, dass die schweigende Mehrheit auch mal laut sein kann, ist mehr als ein Fünkchen Euphorie wert. Das macht Hoffnung.

Campino von den Toten Hosen sang zum Abschluss des Konzerts gemeinsam mit dem gesamten Publikum: "Es kommt die Zeit, in der das Wünschen wieder hilft". An dieser Stelle muss ich, wenn auch mit größtem Respekt, widersprechen. In unserer Zeit wird "das Wünschen" allein nicht mehr helfen - was aber hilft, sind Konzerte wie #Wirsindmehr und die Menschen, die bei solchen Veranstaltungen politisches Engagement und Protest gemeinsam und friedlich zum Ausdruck bringen.



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