zuletzt aktualisiert vor

Neue Untersuchung zu Überdüngung aus Hessen Phosphor in Flüssen: Die Bauern sind schuld - oder doch nicht?

Meine Nachrichten

Um das Thema Politik Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Wer sorgt für den Phosphor-Eintrag? Montage: Lager; Fotos: Michael Muench/Michael Gründel/dpa/Philipp SchulzeWer sorgt für den Phosphor-Eintrag? Montage: Lager; Fotos: Michael Muench/Michael Gründel/dpa/Philipp Schulze

Osnabrück. In deutschen Gewässern landet zu viel Phosphor. Er schädigt die empfindlichen Ökosysteme, weil er Algenwachstum fördert. Als Hauptschuldige galten bislang die Landwirte. Untersuchungen aus Hessen legen jetzt aber nahe, dass es auch ganz anders sein könnte.

Die Ergebnisse machen bereits seit einigen Tagen die Runde. Die „Stuttgarter Zeitung“ hatte zunächst darüber berichtet. Bauernverbände wie der in Schleswig-Holstein griffen den Bericht auf und verbreiteten die Kernaussage in sozialen Netzwerken: Landwirte sind nicht schuld an der Überdüngung der Gewässer, es sind die Kläranlagen! Hauptsächlich Bauern drücken seitdem auf „Gefällt mir“ und teilen die Ergebnisse, die immer weitere Kreise ziehen.

Sie scheinen der bislang gängigen These zu widersprechen, dass Kläranlagen und Landwirtschaft in etwa gleichermaßen an der Überdüngung mit Phosphor schuld sind. Und stellen damit auch die Sinnhaftigkeit strenger Gewässerschutz-Regeln für Landwirte in Frage. Deutschland hat sich verpflichtet, bis 2030 einen Phosphor-Grenzwert in seinen Gewässern einzuhalten, sonst droht Ärger. Erst kürzlich war Deutschland vom Europäischen Gerichtshof verurteilt worden, weil Nitrat-Grenzwerte im Grundwasser nicht eingehalten worden waren. Hauptverursacher: die Landwirtschaft. (Weiterlesen: Nitrate im Grundwasser: Europäischer Gerichtshof verurteilt Deutschland)

Was bei Nitrat unstrittig ist, scheint mit den neuen Ergebnissen für Phosphor plötzlich gar nicht mehr so sicher. Hinter den Untersuchungen stecken Peter Seel und sein Team vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. Sie haben die gängige Aussage überprüft, die aus komplizierten Berechnungen abgeleitet wird. Die Erkenntnisse aus Hessen stellen die Ergebnisse der Rechenmodelle nun in Frage. Seel und die Mitarbeiter des Landesamtes haben an mehreren hessischen Flüssen und über 300 Bächen sehr genau nachgemessen und die Ergebnisse mit den bislang gültigen Modellrechnungen abgeglichen.

Sie fanden heraus,

  • dass die Modelle deutlich höhere Phosphor-Jahresmengen prognostizieren als tatsächlich in den Flüssen zu messen ist. Bei Kläranlagen ist der Beitrag indes sehr gut bekannt. Wenn insgesamt weniger Phospor nachzuweisen ist, muss ihr Anteil also prozentual größer sein.   
  • dass bislang Phosphor-Verbindungen im Ackerboden in den Modellen eingerechnet werden, die aufgrund ihrer chemischen Beschaffenheit nicht für eine Überdüngung sorgen. Algen können sie schlicht nicht verarbeiten. 
  • - dass sich die Phosphorkonzentration in den Flüssen bei starken Regenfällen nicht sonderlich erhöhen, obwohl mehr Phosphor von Ackerflächen in die Gewässer gelangt. Weil die Flüsse dann aber insgesamt mehr Wasser führen, wird dieses verdünnt. Zumindest für die Fließgewässer ist dies also kein Problem, wohl aber für Nord- und Ostsee, wo sich das Phosphor später ablagert  (Weiterlesen: Deutsche Flüsse tragen weiter viele Nährstoffe in Ostsee)

Unter Berücksichtigung der drei Faktoren kommt das Team Seel bei den Flüssen Fulda, Lahn, Main, Nidda und Kinzig zu dem Schluss: „Der Anteil der Phosphor-Jahresfracht aus kommunalen Kläranlagen liegt bei diesen fünf Flüssen zwischen 50 und 80 Prozent.“ Die Einträge aus der Landwirtschaft seien hingegen in der Vergangenheit deutlich überschätzt worden.

Sind die Ergebnisse übertragbar?

Seel kann belegen, dass er recht hat. Denn als Folge seiner Untersuchungen wurden Kläranlagen umgerüstet und die Betriebsweise optimiert, sodass sie Phosphor nun erheblich besser herausfiltern. Und siehe da: Seitdem nehmen die Phosphor-Konzentrationen in den Flüssen und Bächen tatsächlich deutlich ab. Grenzwerte werden plötzlich eingehalten, die zuvor noch unerreichbar schienen.

Was in Hessen funktioniert, sollte doch für ganz Deutschland gelten, sollte man meinen. Doch Seel schränkt selbst ein: „Die Ergebnisse sind wahrscheinlich auf andere Mittelgebirgsregionen übertragbar. Die Situation im norddeutschen Tiefland dagegen können wir von Wiesbaden aus nicht beurteilen. Das müssen die Behörden dort selbst prüfen“ Hier wird nämlich vielerorts auf alten, trockengelegten Moorböden Landwirtschaft betrieben, die nach wie vor große Mengen Phosphor freisetzen. Und es gilt laut Seel auch nicht für die Regionen, in denen besonders viel Vieh gehalten wird. Also beispielsweise in der Region Weser-Ems in West-Niedersachsen, wo mehr Tiere leben, als Fläche zum Ausbringen der Gülle vorhanden ist.

Eine Kläranlage in Hessen. Foto: dpa

„Zudem muss man auch immer berücksichtigen, wie die Kläranlagen in Sachen Phosphor aufgestellt sind. Da gibt es Bundesländer – etwa Schleswig-Holstein –, in denen schon vor Jahren entsprechende Umrüstungen stattgefunden haben“, sagt Seel. Mecklenburg-Vorpommern kündigte kürzlich ein entsprechendes Programm an. 

Während nun vor allem in Süd- und Mitteldeutschland Diskussionen um die Ergebnisse aus Hessen entbrannt sind, bleibt es in norddeutschen Behörden vergleichsweise ruhig. So hält beispielsweise der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz auf Nachfrage an seinen bisherigen Modellberechnungen fest. Für die Weser etwa bedeutet das: 49 Prozent der Phosphor-Einträge haben ihren Ursprung unmittelbar in der Landwirtschaft. 20 Prozent finden ihren Weg über das Grundwasser in die Weser. Davon stammt ein Anteil unbekannter Größe ebenfalls aus der Landwirtschaft. Kläranlagen hingegen machen nur elf Prozent aus.  (Weiterlesen: DBU nimmt Phosphor in den Fokus)

Die FDP im Landtag in Hannover will es trotzdem genau wissen. Agrarpolitiker Hermann Grupe hat eine entsprechende Anfrage an die Landesregierung eingereicht. Und Albert Stegemann, Agrar-Experte im Bundestag für die CDU, merkt an: Die Ergebnisse aus Hessen machten deutlich, dass man sehr genau hinschauen müsse beim Thema Phosphor. "Es wird deutlich, dass es am Problem vorbeigeht, wenn man die Landwirtschaft als alleiniger Verursacher brandmarkt", so der Parlamentarier.

Es gibt aber auch in Niedersachsen Orte, an denen ganz genau gemessen wurde. Beispielsweise am Problem-See Dümmer – ein großer aber sehr flacher See, der immer wieder mit Blaualgen-Wachstum zu kämpfen hat. Messungen haben gezeigt, dass hier weniger als zehn Prozent des Phosphors aus kommunalen Kläranlagen kommt. Der Hauptanteil stammt aus der Landwirtschaft.

Stinkende Blaualgen an der Slipanlage des Bootsverleihs am Dümmer See bei Lembruch (Kreis Diepholz). Foto: dpa



Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN