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31.08.2018, 18:05 Uhr KOLUMNE

Erfahrungsbericht aus Chemnitz: Allein bei verbalen Angriffen blieb es nicht

Von Tobias Bosse

Reporter Tobias Bosse an der Protestkundgebung der rechtspopulistischen Bewegung Pro Chemnitz. Foto: Tobias BosseReporter Tobias Bosse an der Protestkundgebung der rechtspopulistischen Bewegung Pro Chemnitz. Foto: Tobias Bosse

Chemnitz. Rund 900 Demonstranten von "Pro Chemnitz" demonstrierten am Donnerstagabend in der Stadt. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort. Ein Bericht von den Ereignissen rund um die Demo der rechten Bürgerbewegung.

Schäumende Wut und blanker Hass von allen Seiten prasseln auf sie ein. Vor lauter Aufregung fliegen der Frau nicht nur Beleidigungen und Verachtung ins Gesicht, sondern auch Spucke und Zeigefinger. Die Augen sind geweitet, die Stirn in pulsierende Adern gelegt und der Hals zum Bersten gespannt. Sie solle endlich aufwachen, schallt es immer wieder. Wie blind man denn sein müsse, um nicht zu erkennen, dass das Land aufgrund der Migranten mit dem Rücken zur Wand stehe. 

Unter der gebetsmühlenartigen Behauptung "ehrwürdige Bürger" zu sein sowie dem Wiederkäuen von Gerüchten, die irgendwo im Internet aufgeschnappt worden sind, und den Bekundungen vor Angst nicht mehr auf die Straße gehen zu können, entlädt sich der gesamte Hass der Demonstranten des rechtspopulistischen Bündnisses "Pro Chemnitz" gegenüber einer Frau, die alleine zur Gegendemonstration vor dem Stadion des Chemnitzer FC erschienen ist und ein Plakat hoch hält, auf dem steht: "Gegen Hass und Hetze! Chemnitz Nazi-frei".  


Angefangen hatte das Streitgespräch am Rande der Demonstration mit zwei Frauen, die mit Tränen in den Augen von ihren Ängsten berichten. Der Ton gleicht jedoch eher einer Militärübung als einem sachlichen Meinungsaustausch. Tatsächlich wird schnell klar, diese Diskussion ist eine Einbahnstraße und die Frau mit dem Transparent gegen Nazis wurde zum Prügelknaben auserkoren. Denn jeder Versuch, die pauschalisierenden Äußerungen ihrer Gesprächspartner gegenüber Migranten gesellschaftlich einzuordnen, wird mit Häme, Spott oder lautstarkem ins Wort fallen quittiert. Trotzdem bliebt diese Frau stehen und hält den Hass aus.

Es wirkt fast so, als sehe sie es als ihre Pflicht, sich der Situation sowie diesen besorgten Menschen zu stellen und wenigstens zu versuchen, ihnen eine neue Perspektive aufzuzeigen, eine andere Sichtweise über den Tellerrand hinaus. Doch das diese mutige Frau mit diesem Unterfangen erfolglos bleiben wird, ist spätestens dann klar, als sich die Traube um sie herum stetig vergrößert und aus einem ohnehin schon polemischen Geschrei nun völliges Chaos wird. Und dennoch bleibt die Frau stehen. Ruhig erträgt sie die undifferenzierte Wut. Diese Haltung und Standhaftigkeit für seine Überzeugung einzutreten nötigte nicht wenigen Anwesenden Respekt ab. Die Demonstranten ließen sich davon jedoch nicht beeindrucken.

Sollte diese Szene symbolisch für die Ausweglosigkeit des Klischees stehen, man könne mit Rechten nicht diskutieren? Schwer zu sagen, aber ernüchternd wirkt es auf jeden Fall. Ebenso wie der Hass, dem Pressevertreter während der Demonstration ausgesetzt sind. Von Polizeischutz kann keine Rede sein. Viele Journalisten sind deshalb auch mit eigenen Personenschützern vor Ort. Angestachelt von der Rede des Vorsitzender der Pro-Chemnitz-Fraktion im Chemnitzer Stadtrat, Martin Kohlmann, wird immer wieder "Lügenpresse, Lügenpresse, Lügenpresse" skandiert.

Allein bei verbalen Angriffen bleibt es aber nicht. Ich kann den Hass schmecken und spüren. Denn während meiner Aufnahmen mit dem Handy greift mir plötzlich von der Seite ein schwarzgekleideter Mann mit lichtem Haupthaar in den Arm und schlägt mein Handy runter. Ich dürfe ihn nicht filmen, sagt er, was ich im Übrigen auch nicht getan habe. Zu diesem Zeitpunkt halte ich mich vorschriftsmäßig im Pressebereich auf und filme mich selbst.

Unmittelbar neben mir stehen Polizisten, die dort auch zum Schutz der Journalisten postiert sind. Doch anstatt den Demonstranten, der verbotener Weise in den Pressebereich gekommen war, um mich zu bedrängen und von der Arbeit abzuhalten, des Platzes zu verweisen, werde ich der Situation verwiesen. Obwohl ich die betreffende Person nicht gefilmt habe, würde der Eindruck davon die Demonstranten provozieren und das möchte man nicht. Ich bin sprachlos. Diverse weitere Androhungen von Gewalt mir und anderen Pressevertretern gegenüber bleiben von der Polizei ebenfalls unkommentiert sowie ungeahndet. Unter Kontrolle ist die Situation im Pressebereich zu keinem Zeitpunkt. Dort regiert der Hass, nicht die Polizei.

In der Stadt Chemnitz zeichnet sich zuvor jedoch ein anderes Bild. Von Rechten oder gar Nazis keine Spur. Rund um die Trauerstelle des 35-Jährigen Opfers vom vergangenen Sonntag treffe ich diverse trauernde Menschen, die das Opfer teilweise sogar kannten. Sie verstehen nicht, weshalb Migranten, die bereits straffällig in Deutschland geworden sind, nicht abgeschoben werden. So wie es auch bei den mutmaßlichen Tätern der Messerattacke in Chemnitz der Fall zu sein scheint.  

Daher haben sie auch Verständnis dafür, wenn Menschen auf die Straße gehen, um gegen diese Zustände etwas zu unternehmen. Kein Verständnis zeigen sie hingegen für die Nazis, die sich am Montag unter die Trauergemeinde gemischt hätten, um dieses schreckliche Ereignisse für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Eine Frau, die ich an der Trauerstelle treffe, berichtet mit unter Tränen davon, dass sie das Opfer kannte. Ihr Sohn sei bis kurz vor dem Messerangriff auf den 35-Jährigen in der Nacht zu Sonntag mit dem Opfer unterwegs gewesen. Sein Hass auf die Täter sei riesig, sagt sie. Allerdings könne auch er sich nun nicht mehr sicher auf den Straßen Chemnitz fühlen, weil er, ähnlich wie das Opfer, zwar Deutscher ist, aber nicht deutsch aussieht. Eine beinahe absurde Situation, die aber verdeutlicht wie ambivalent die Stimmung in Chemnitz ist. 

Die Trauerstelle in Chemnitz. Foto: imago/photothek

Ein paar Meter weiter treffe ich eine Gruppe junger Syrer, die sich vor dem Karl-Marx-Monument aufhalten. Sie wollen sich aus Angst, anschließend ausfindig gemacht zu werden, nicht filmen lassen, zeigen mir aber ihre Wunden, Blutergüsse und blauen Augen, die von den Hetzjagden der vergangenen Tage zeugen sollen. Sie haben Angst, wollen sich aber nicht Zuhause verstecken. "Dort finden sie uns auch", sagen sie und berichte davon, dass sie nicht in Chemnitz bleiben wollen, weil sie sich nicht sicher fühlen, aber im gleichen Atemzug stellen sie klar, dass sie keine andere Wahl haben. "Wir müssen hier bleiben, unsere Wohnung ist hier." Alleine geht jedoch keiner mehr auf die Straße, erklären sie.  

Bei meinem Weg ins Hotel lasse ich die Eindrücke des Tages Revue passieren und komme zu dem Schluss, dass die bundesweite Verurteilung von Chemnitz oder gar ganz Sachsen als "rechtsversifft" nicht zulässig ist und genau den Vorwurf erfüllt, den die ganze Republik den Demonstranten von Pegida, AfD oder Pro Chemnitz macht - nämlich, zu verallgemeinern. Auch in Chemnitz lohnt, wie eigentlich immer, ein Blick ins Detail.


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