Mehrere Zeitzonen für Europa? Offenbar breite Mehrheit gegen die Uhrenumstellung

Von Detlef Drewes

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In Düsseldorf zeigen die Uhren der Installation „Zeitfeld“ von Klaus Rinke die Zeit an. Symbolfoto: Federico Gambarini/dpaIn Düsseldorf zeigen die Uhren der Installation „Zeitfeld“ von Klaus Rinke die Zeit an. Symbolfoto: Federico Gambarini/dpa

Brüssel Sommerzeit oder Winterzeit, in welchem Takt sollen Europas Bürger künftig leben? Diese Frage hatte die EU ihren Bürgern im Juli gestellt. Jetzt gibt es die ersten Ergebnisse. Wie sie einzuordnen sind, und wie es jetzt weitergeht, erfahren Sie in unseren Fragen und Antworten.

Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer will nicht länger zwei Mal im Jahr die Uhren umstellen. Doch die entscheidenden Fragen sind noch offen.

Was hat die Abstimmung der Europäischen Kommission ergeben? Bisher steht Folgendes fest: Rund 4,6 Millionen Bürger aus den Mitgliedstaaten haben sich im Juli und August an dem Votum beteiligt. Es gab offenbar rund drei Millionen Stimmen aus Deutschland. Ersten Berichten zufolge sprachen sich gut 80 Prozent derer, die sich beteiligten, für eine Abschaffung der Uhrenumstellung zwei Mal im Jahr aus.

Für welche Zeit hat sich die Mehrheit ausgesprochen? Über das Ergebnis herrscht Stillschweigen. Die EU-Kommission wird auch alles daran setzen, dass es bis zum 12. September keine weiteren undichten Stellen gibt. Der Grund: An diesem Tag hält Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker die diesjährige Rede „Zur Lage der EU“im Europäischen Parlament. Es wird seine letzte programmatische Ansprache in diesem Amt sein. Ein Kommissionssprecher sagte gestern, dass dann alles Weitere folgen wird.

Mehrere Zeitzonen denkbar

In welche Richtung wird Juncker argumentieren? Das ist unsicher. Allerdings geht man in Brüssel derzeit davon aus, dass Juncker vorschlägt, die Umstellung der Uhren abzuschaffen, es aber den Mitgliedstaaten überlassen könnte, welche Zeit sie dann einführen. „Wir haben in der EU verschiedene Zeitzonen“, sagte der EU-Abgeordnete Peter Liese gestern. „Portugal hat eine andere Zeit als Spanien und Finnland eine andere als Schweden.“ Es könnte also durchaus denkbar sein, dass es in der EU künftig Länder mit der heutigen winterlichen Normalzeit gibt und andere mit der derzeitigen Sommerzeit – aber eben dauerhaft. Nur die Umstellung der Uhren würde entfallen.

Müssen sich Kommission und Mitgliedstaaten denn nicht an das Ergebnis der Befragung halten? Die Befragung war freiwillig und die EU-Verwaltung hat stets betont, dass das Ergebnis zur Meinungsbildung beitragen soll. Rechtsverbindlich ist es nicht. Allerdings rechnet niemand damit, dass die EU und die Mitgliedstaaten sich einfach über ein solches Votum von 4,6 Millionen Bürgern hinwegsetzen können oder wollen.

Umstellung frühestens 2020

Wie geht es denn jetzt konkret weiter? Es ist wohl davon auszugehen, dass der Kommissionschef in seiner Rede nicht nur ein Ergebnis bekannt gibt, sondern auch klar sagt, was seine Behörde anschließend vorschlägt. Dieser formelle Vorstoß dürfte wenige Wochen später präsentiert werden. Dann muss das Europäische Parlament zustimmen. Im Anschluss daran werden die Mitgliedstaaten beteiligt und müssen sich festlegen. Erst nach diesem Verfahren tritt eine Übergangsphase in Kraft, so dass mit einem Abschaffen der Uhrenumstellung frühestens 2020 zu rechnen ist.

Auf welcher Grundlage wird die Kommission sich für den Weg entscheiden den sie dann vorgibt? Das Ergebnis der Befragung spielt eine wichtige Rolle. Aber die Kommission wird auch die zahlreichen Studien zurate ziehen, die inzwischen über die Auswirkungen der Uhrenumstellung vorliegen. Und da gibt es wichtige Hinweise darauf, dass Menschen und Tiere unter dem zwei Mal jährlichen neuen Rhythmus leiden. Und sei es nur in den ersten Tagen nach dem Beginn der Normal- oder Sommerzeit.

Deutschland gibt sich abwartend

Hat sich die Bundesregierung bereits zu dieser Frage geäußert? In Berlin hieß es bisher stets, dass man die Befragung der Bürger und dann den Kommissionsvorschlag abwarten wolle. Allerdings hat die Bundesregierung immer deutlich gemacht, dass sie auf eine einheitliche Lösung für den Binnenmarkt drängen wird. Es soll kein europäisches Flickwerk entstehen, wenn jedes Land eine eigene Zeit einführen würde.


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