"Dann ist unsere Arbeit sinnlos" Agentur bricht nach Ausschreitungen in Chemnitz Imagekampagne ab

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Aufmarsch in Chemnitz: Das Image eines ganzen Bundeslandes wurde stark beeinträchtigt. Foto: Jan Woitas/dpaAufmarsch in Chemnitz: Das Image eines ganzen Bundeslandes wurde stark beeinträchtigt. Foto: Jan Woitas/dpa

Leipzig/Chemnitz. Nicht nur in Chemnitz, auch im Leipziger Raum bereiten Rechtsextreme Probleme. Die Werber von "wurzelschläger & friends" sehen sich nach den Krawallen außer Stande, für die Region zu werben.

Leipziger Werber setzen nach den Aufmärschen Rechtsextremer in Chemnitz ein Zeichen. Die Agentur "wurzelschläger & friends" bläst die Bewerbung für eine geplante Imagekampagne für die Leipziger Wirtschaftsregion ab. Das teilt die Agentur am Montag zunächst via Twitter mit.  

"Wir haben hier dasselbe Problem wie in Chemnitz", sagt Projektmanager Stefan Kurzawski gegenüber unserer Redaktion. Man habe sich deshalb entschieden, die Auftragsbemühungen für die Imagekampagne einzustellen. "Es ist ein Widerspruch, regionale Entwicklungskonzepte sowie Imagekampagnen herzustellen, um Wirtschaft anzusiedeln und die Politik lässt diesen pöbelnden Mob umherziehen. Dann ist unsere Arbeit sinnlos", sagt Kurzawski.

Die Agentur könne keine Imagekampagne mit weltoffenen Menschen machen, wenn es auf der anderen Seite ständig neue Bilder rechter Horden gebe. "Das passt nicht zusammen." Größere Unternehmen, die sich in der Region ansiedelten, brächten auch Ingenieure aus dem Ausland mit. "Doch wenn dann die Gefahr besteht, dass die Mitarbeiter Opfer solcher Hetzjagden werden können, nehmen die Unternehmen eher Abstand", sagt Kurzawski.  

"Jahrelange Verharmlosung von Rechtsextremismus und Rassismus"

Leipzig liegt etwa 90 Kilometer von Chemnitz entfernt, wo es nach dem Tod eines 35-Jährigen bei einem Volksfest am Sonntag und Montag Aufmärsche von Rechtsextremen und Anhängern der Hooligan-Szene gegeben hatte. Die gewalttätigen Demonstranten zogen durch die Innenstadt, sie verfolgten Ausländer, einige zeigten im Beisein der Polizei den Hitlergruß.

Demonstranten in Chemnitz: "Ständig neue Bilder rechter Horden" Foto: imago/Michael Trammer

"Sachsen hat ein Problem mit einer jahrelangen Verharmlosung von Rechtsextremismus und Rassismus", sagt Robert Lüdecke, Experte für Rechtsextremismus bei der Amadeu Antonio Stiftung. "Das Problem wurde jahrelang nicht ernst genommen und kleingeredet, vor allem von den politisch Verantwortlichen, aber leider auch von den Sicherheitsbehörden. Und das rächt sich nun." Zudem gebe es immer wieder Vorfälle, "wo sich die Polizei eher auf die Seite derjenigen stellt, die Flüchtlinge angreifen", und die rechte Szene gewähren lasse.

Das kritisieren auch die Werber aus Leipzig. In den mittelgroßen Städten rund um die sächsische Metropole wie etwa in Wurzen sei die rechte Szene sehr stark vertreten, sagt Kurzawski. Zwar stelle sich die Situation in Leipzig noch etwas anders dar. "Leipzig ist ein wenig wie das gallische Dorf in Sachsen, wo viel kreative und progressive Menschen unterkommen". Doch auch direkt vor der Haustür der Werber gab es schon derartige Vorfälle, etwa beim einem Angriff von mehr als 250 Rechtsextremen und Hooligans auf den links-alternativen Stadtteil Leipzig-Connewitz vor zweieinhalb Jahren. Es gäbe einen "festen Kern von Hooligans und Neonazis", die sehr stark miteinander vernetzt seien. "Sie treten eventmäßig in den Städten auf, wenn es einen Anlass gibt", meint Kurzawski.  

Werber fordern Politik zum Handeln auf

Diese Einschätzung teilt der Extremismus-Experte Lüdecke. Gerade die rechtsextreme Szene sei sehr gut vernetzt. "Sie haben inzwischen leider auch jahrelange Erfahrungen, wie sie schnell mobilisieren können." Soziale Netzwerke spielten dabei eine entscheidende Rolle, "um auch über den eigenen Dunstkreis hinaus Mitstreiter für Demonstrationen und andere Aktionen zu finden". In Chemnitz gebe es eine organisierte rechtsextreme Szene und "das klassische Pegida-Mitläufertum", unterstützt durch die Hooligan-Szene. "Wir haben auch vereinzelt lokale AfD-Kommunalpolitiker oder Abgeordnete, die in diese rassistische Stimmungsmache mit einsteigen."

Die Werbeagentur "wurzelschläger & friends", die in Leipzig 20 feste Mitarbeiter hat, steht für die Imagekampagne nun nicht mehr zur Verfügung. Es sei zwar eine "gute Einnahmesituation, wenn wir solche Projekte machen, aber wir müssen es nicht", sagt Kurzawski. Komplett zurückziehen aus der Region werde man sich aber nicht. Doch: "Die Politik muss endlich verstehen, dass aus Imagegründen Schaden im wirtschaftlichen Bereich entstehen kann. Die Verantwortlichen sollten das nicht nur aussitzen, sondern reagieren."

(mit dpa)


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