Starker Mann am Spielfeldrand Gabriel: Die Deutschen müssen erwachsen werden

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Der frühere Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) bei einer Buchvorstellung in Berlin. Er mahnt, die Deutschen mit endlich „erwachsen werden“und eine geostrategische Debatte führen. Foto: dpaDer frühere Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) bei einer Buchvorstellung in Berlin. Er mahnt, die Deutschen mit endlich „erwachsen werden“und eine geostrategische Debatte führen. Foto: dpa

Berlin. Als Außenminister hat Sigmar Gabriel sehr offensiv getestet, ob und wie viele klare Ansagen er Diplomaten zumuten kann. Ein halbes Jahr nach seinem Abgang genießt es der frühere SPD-Chef, dass er völlig schnörkellos reden kann – so wie es ihm gefällt.

Der 58-Jährige stellte gestern in Berlin ein Buch mit dem Titel „Wir verstehen die Welt nicht mehr“ vor. Und er machte beiläufig klar: Er jedenfalls hat den Durchblick. Als „fast schon albern“ kritisierte der Ex-Minister die deutsche Debatte über den Staatsbesuch des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Deutschland sei kurz davor, am „moralischen Rigorismus zu ersticken“, befand Gabriel. Das habe sich etwa daran gezeigt, dass hierzulande darüber diskutiert worden sei, ob Erdogan militärische Ehren zustünden oder nicht. Natürlich sei es richtig, Erdogan am 28. September mit Wachbataillon und Staatsbankett zu empfangen, „weil sich das so gehört, weil er die Türkei repräsentiert“, sagte der Sozialdemokrat.

Mit Blick auf die aktuelle Krise nach dem Absturz der türkischen Lira warnte Gabriel vor gravierenden sicherheitspolitischen Risiken für Deutschland und Europa. „Wir müssen im eigenen Interesse alles tun, um die Türkei im Westen zu halten“, betonte Gabriel, der inzwischen einen Lehrauftrag an der Universität Bonn wahrnimmt. Anderenfalls drohe langfristig die atomare Bewaffnung einer politisch isolierten Türkei oder auch deren Flucht an die Seite Russlands. Allenfalls „Kreisklasse“ bescheinigte der frischgebackene Hochschullehrer zugleich dem außenpolitischen Diskurs in Deutschlands Medien. „Meinen Studenten sage ich immer“, ließ er wissen, dass sie sich in internationalen Blättern über Geostrategie informieren sollten.

Entfremdung?

Gabriel stellte zusammen mit dem Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, das Buch des „Tagesspiegel“-Journalisten Christoph von Marschall vor, das im Herder-Verlag erscheint. Es trägt den Untertitel: „Deutschlands Entfremdung von seinen Freunden“– was Gabriel nicht gelungen findet. In den transatlantischen Beziehungen sei es auch auf der Seite der USA zu einer Abkühlung gekommen. Die Amerikaner hätten 70 Jahre auf Europa und speziell auf die Deutschen aufgepasst, auch um einen neuen Krieg zu verhindern. Nun aber müssten die Deutschen „erwachsen werden“. Und das schnell.

Der Ex-Außenminister forderte wie Ischinger eine stärkere öffentliche geostrategische Debatte in Deutschland. Das Land dürfe sich hier nicht länger verweigern. China zum Beispiel sei geostrategisch inzwischen weit überlegen, mahnte Gabriel. Buchautor Marschall („Ich hatte Zugang zum Weißen Haus“) berichtete nach Recherchen in vielen anderen Ländern von der wenig schmeichelhaften Einschätzung, dass die Deutschen gerne anderen sagen, was sie von ihnen erwarten, umgekehrt aber nur selten fragen, was die anderen sich wünschen. Themen würden – auch in den Medien – oftmals emotional diskutiert, kritisierte auch Ischinger. Dabei müsse Außenpolitik zunächst einmal vernunftgesteuert sein.

Gabriel wiederum gab den starken Mann am Spielfeldrand, der markante Spüche rauslässt. Zum Beispiel: „Wir können nicht ohne Amerika und wir können nicht mit Trump.“ Wie einst Joschka Fischer ist der Niedersachse offenbar dabei, sich als Elder Statesman zu inszenieren. Mit gefurchter Stirn, leichtem Spott und immer auch einer Spur Herablassung verfolgte er die Diskussion zu Deutschlands Rolle auf internationalem Parkett. Auch er selbst will weiter eine Rolle spielen und mit einem eigenen Buch zur Schärfung der Debatte beitragen. Es wird September vorgestellt. Der Titel: „Zeitenwende in der Weltpolitik. Mehr Verantwortung in ungewissen Zeiten.“ Gabriel ist wieder da – auf der Metaebene sozusagen.


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