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20.08.2018, 18:18 Uhr KOMMENTAR

Die Türkei bleibt mit Vorsicht zu genießen

Kommentar von Thomas Ludwig

Die deutsche Journalistin Mesale Tolu nach ihrer Entlassung aus einer Polizeistation. Das war im Dezember 2017. Nun darf sie das Land verlassen. Foto: Lefteris Pitarakis/AP/dpaDie deutsche Journalistin Mesale Tolu nach ihrer Entlassung aus einer Polizeistation. Das war im Dezember 2017. Nun darf sie das Land verlassen. Foto: Lefteris Pitarakis/AP/dpa

Osnabrück. Die Willkür des Herrschers zeigt die Ohnmacht der Beherrschten. Dass die deutsche Journalistin Mesale Tolu aus der Türkei ausreisen darf, ist ein Akt von Erdogans Gnaden. Vor dem Besuch bei Kanzlerin Angela Merkel im September will der Präsident offenbar Schönwetter machen.

Offenbar bemüht sich der türkische Präsident, die angespannten Beziehungen zu den Partnern zumindest etwas aufzulockern. Das hat Gründe.

Wohin es führt, immer nur auf Eskalation zu setzen, spürt das Land im Streit mit den USA über inhaftierte Prediger: US-Strafzölle beschleunigen den wirtschaftlichen Absturz der Türkei. Da mag es Ankara ratsam erscheinen, es sich mit Deutschland und der EU nicht komplett zu verscherzen.

Politische Geiselnahme zur Erpressung

Vielleicht ist die Ausreisegenehmigung für Tolu aber auch nur ein Winkelzug auf dem Weg zu neuen Provokationen. Es ist kaum zu sagen, wie ernst es dem Herrscher am Bosporus tatsächlich mit politischem Entgegenkommen ist. Die Inhaftierung fremder Staatsbürger unter fadenscheinigen Begründungen ist und bleibt eine politisch motivierte Geiselnahme, um Regierungen – Verbündete zumal – zu erpressen.

Von Wirtschaftshilfen, wie sie die SPD für Ankara angesichts der Krise ins Spiel gebracht hat, sollte Deutschland deshalb absehen. Maximaler Druck bei sachdienlichem Entgegenkommen – ja. Aber bitte keine Freundlichkeit über Gebühr. Die Türkei bleibt ein heikler Partner.


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