Gerüchte aus der Echokammer Die unglaubliche Mär von den 300 Millionen Afrikanern für Europa

Meine Nachrichten

Um das Thema Politik Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Auf dem Weg nach Europa abgefangen: Flüchtlinge auf einem Rettungsboot im Mittelmeer. Foto: Uncredited/Küstenwache Lybien/AP/dpaAuf dem Weg nach Europa abgefangen: Flüchtlinge auf einem Rettungsboot im Mittelmeer. Foto: Uncredited/Küstenwache Lybien/AP/dpa

Osnabrück. National gesinnte Populisten machen mit bewussten Verdrehungen im Internet Politik. Das zeigt ein Beispiel aus der Zuwanderungsdebatte. Anhänger von Verschwörungstheorien kommen voll auf ihre Kosten.

Wo Verunsicherung herrscht, schießen Spekulationen schnell ins Kraut. Zwar haben die Bürger heute über das Internet Zugang zu so viel Information wie nie zuvor. Doch sind sie deshalb auch gut informiert? Ein Beispiel aus der Debatte über Zuwanderung zeigt: Im Zweifel schenken Menschen einem Gerücht eher Glauben als Fakten, wenn es in ihr Weltbild passt. Um was geht es? (Experte im Interview: Jeder Dritte glaubt an Verschwörungstheorien)

Sie nennen sich „Fuck the EU“, „Mancinis Scharfblick“ oder „Islamnixgut“, einschlägige Internetseiten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Bürger aufzuklären, es dabei mit der Wahrheit aber nicht so genau nehmen. Sie behaupten, die EU habe heimlich beschlossen, die Tore für Migranten zu öffnen. Das gehe aus der „Erklärung von Marrakesch“ hervor.

„Wie aus der Vereinbarung zu entnehmen ist, soll die afrikanische Bevölkerung in Europa von derzeit neun Millionen im Jahr 2018 auf 200 bis 300 Millionen im Jahr 2065 erhöht werden“, schreibt die Webseite „Hessen-Depesche“. Dies, so die Sorge des Autors, führe zu dem Ergebnis, „dass die europäischen Bevölkerungen zu unterdrückten, verdrängten und rechtlosen Minderheiten in der eigenen Heimat werden“. Im Ernst? (Weiterlesen: Schöne schwarzweiße Welt – Mit Satire gegen Fake News)

Bundesregierung weist Spekulationen zurück

Nichts dran, sagt die Bundesregierung und weist Anwürfe zurück, wonach Berlin und die EU-Partner mit afrikanischen Staaten klammheimlich vereinbart hätten, Hunderte Millionen Afrikaner in den nächsten Jahrzehnten nach Europa zu holen. „Die genannten Zahlen und Verweise auf Beschlüsse zur Aufnahme von Personen entbehren jeglicher Grundlage“, heißt es im Auswärtigen Amt auf Anfrage unserer Redaktion.

Tatsächlich hat am 2. Mai in Marrakesch die fünfte Ministerkonferenz des „Rabat-Prozesses“ stattgefunden; stellvertretend für Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD), war der deutsche Botschafter in Marokko dabei. Ziel des 2006 ins Leben gerufenen internationalen Prozesses ist es, Mechanismen der Kooperation und des Dialogs zwischen Herkunfts-, Transit- und Zielländern von Flucht und Migration aus West- und Nordafrika herzustellen.

In der „Marrakesch-Erklärung“ samt dazugehörigem Aktionsplan haben 27 europäische und 28 afrikanische Staaten Maßnahmen zur Zusammenarbeit bei Flucht und Migration vereinbart. Zahlen zu möglicher Einwanderung nach Europa nennt das Dokument, das alles andere als geheim und von der EU-Kommission für die Öffentlichkeit abrufbar ins Internet gestellt worden ist, jedoch nicht. (Absurde Verschwörungstheorien: Und Hitler lebt hinter der Eis-Mauer bei den Reptiloiden)

Und das nicht ohne Grund: „Das deutsche und europäische Migrationsgeschehen sowie der Zu- und Fortzug von Ausländern nach Deutschland unterliegen einer Vielzahl von Einflussfaktoren“, erläutert ein Sprecher von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) auf Nachfrage. Deren zahlenmäßige Auswirkungen seien „gerade für einen derart langen Zeitraum nicht seriös prognostizierbar. Die Bundesregierung sieht von derartigen Prognosen daher grundsätzlich ab.“ Die Frage, von welchen Einwanderungszahlen man in Berlin für die nächsten Jahrzehnte bis 2050 ausgeht, bleibt also unbeantwortet – und lässt so Verschwörungstheoretikern und Rechtspopulisten Raum für eigene Wahrheiten.

Zu wenig Medienkompetenz

Besonders anfällig für solche Art der Desinformation in den Echokammern sozialer Netzwerke ist nach Ansicht des Kommunikationswissenschaftlers Wolfgang Schweiger die „politische Bildungsmitte“ – seiner Schätzung nach immerhin elf Millionen Menschen in Deutschland. Viele Mediennutzer brächten weder die politische Kompetenz noch die Medienkompetenz mit, die nötig seien, um die Fülle und Vielfalt an Informationen, die das Internet biete, wirklich beurteilen zu können, schreibt Schweiger in seinem Buch „Der (des)informierte Bürger im Netz. Wie soziale Medien die Meinungsbildung verändern“.

Während alternative Medien „gefühlte Wahrheiten, Hassbotschaften, Fälschungen und Gerüchte“ in die Welt setzten, seien die Menschen zunehmend überfordert, wenn es darum gehe, Fake News zu erkennen und komplexe Sachverhalte richtig einzuschätzen, warnt Schweiger. Bleibt der mündige Bürger also auf der Strecke?

Risikofaktoren Demografie und Klimawandel

Migration ist äußerst komplex. Dazu gehört auch die Tatsache, dass es sie weltweit zu jeder Zeit schon gegeben hat und immer geben wird. Es stellt sich aber die Frage: Wie geht Europas Gesellschaft damit um?

Der Druck aus Afrika auf Europa wird wachsen, so viel steht fest. Afrikas Bevölkerung wird sich in den nächsten Jahrzehnten auf rund zwei Milliarden Menschen in etwa verdoppeln. Alljährlich suchen 20 Millionen junge Afrikaner einen Job. Verbunden mit dem Klimawandel, kann das zu enormen Wanderungsbewegungen führen, wenn sich der Schwarze Kontinent nicht endlich entwickelt. Und was folgt daraus?

„Unsere Erfahrung zeigt, dass wir Fortschritte bei der Begrenzung irregulärer Migration und im Umgang mit Fluchtbewegungen, die in unser aller Interesse liegen, nur gemeinsam mit unseren Nachbarstaaten und Herkunfts- und Transitländern erreichen können“, begründet man im Auswärtigen Amt internationale Vereinbarungen zur Migration. Dazu gehört letztlich auch legale Einwanderung.

Steuerung von Zuwanderung durch Kontingente

„Legale Migration bedeutet Steuerung und Zuwanderung nach klaren Kriterien. Wir brauchen eine Balance zwischen der Integrationskraft der Gesellschaft, unserem Interesse an Zuwanderung, zwischen Humanität und Sicherheit“, sagt der Sprecher im Innenministerium. Deutschland sei angesichts der demografischen Entwicklung auf Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften aus Drittstaaten angewiesen, um das rückgängige Erwerbspersonenpotenzial ausgleichen zu können. Mit den Vorschriften der legalen Migration im Aufenthaltsgesetz schaffen wir den Rahmen“, heißt es etwas sperrig.

Auch international will die Politik nun einen Rahmen setzen. Für Mitte Dezember ist in Marrakesch ein Gipfel der Vereinten Nationen geplant. Nach mehrjähriger Konsultation will die Staatengemeinschaft den „Global Compact for Migration“ verabschieden. Dieser Migrationspakt soll zwar rechtlich nicht bindend, aber eine Grundlage sein „für eine global gesteuerte und sichere Migration“. Deutschland wird das mittragen. Ungarn und die USA, so wie es derzeit aussieht, wohl nicht. (Weiterlesen: Abgeordneter will’s wissen – Gibt es „Chemtrails“?)


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN