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13.08.2018, 17:52 Uhr GEDENKEN AN DEN BAU DER MAUER

Weltmeister im Vergessen?

Kommentar von Beate Tenfelde

US-Botschafter Richard Grenell blickt in der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße durch einen Spalt zwischen den Mauerteilen. Am 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer. Foto: dpaUS-Botschafter Richard Grenell blickt in der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße durch einen Spalt zwischen den Mauerteilen. Am 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer. Foto: dpa

Berlin. Zum 57. Jahrestag des Berliner Mauerbaus ist in Berlin der Opfer der innerdeutschen Teilung gedacht worden. In den 28 Jahren zwischen dem Beginn des Mauerbaus am 13. August 1961 und dem Mauerfall am 9. November 1989 kamen an der einstigen, knapp 1.400 Kilometer langen deutsch-deutschen Grenze laut der Freien Universität Berlin insgesamt 467 Menschen aus Ost und West ums Leben. 140 von ihnen starben direkt an der Berliner Mauer. Ein Kommentar.

Es ist absurd. Einerseits sind wir Weltmeister im Erinnern, andererseits sind wir Weltmeister im Vergessen. Die Jahrestage, die Deutschlands Geschichte prägen, ziehen an uns vorüber – kurz registriert, schon abgehakt.

So ist es auch 57 Jahre nach Beginn des Baus der Berliner Mauer – eines Ereignisses, das die Welt aufwühlte und aus den Fugen geraten ließ. Heute ist das Gedenken zum Ritual geronnen. In schmaler Besetzung werden Kränze niedergelegt für Hunderte Opfer des DDR-Regimes, das mithilfe von Beton und Stacheldraht die Menschen in seine Grenzen zwang und 1989 doch unter dem Druck friedlicher Revolutionäre zusammenbrach. Welche eine große Geschichte! Und was machen wir daraus? Einen Lokaltermin in Berlin, das eilends Spuren der Mauer tilgte. Das Erinnern hat die Weltstadt Ramsch-Verkäufern in russischen Fantasieuniformen überlassen.

Ja, leider: Es gehört zur ganzen Wahrheit, dass viele die Mauer im Laufe der Jahre als unabänderlich hingenommen haben und nun mit derselben Gleichgültigkeit auf die flammende Empörung des 13. August 1961 wie auch auf die grenzenlose Einheits-Freude von 1989 schauen. Fassungslos aber macht, dass gerade jene, die am meisten vom Fall der Berliner Mauer in Europa profitierten – Ostdeutsche, Polen, Tschechen, Ungarn, Slowaken –, nun am lautesten nach Abschottung rufen.


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