Nach "Heil Hitler"-Rufen im Vorjahr Emsländer verkauft Tickets für Neonazi-Großkonzert in Thüringen

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Zwei Teilnehmer eines Neonazi-Konzerts in Thüringen. Foto: dpaZwei Teilnehmer eines Neonazi-Konzerts in Thüringen. Foto: dpa

Osnabrück. Die Neonazis kommen. Nicht nur ein paar, sondern einige Tausend. „Rock gegen Überfremdung“ heißt die Veranstaltung, die sie aus der ganzen Republik und darüber hinaus nach Mattstedt in Thüringen lockt. Die Anwohner sind entsetzt, die Politik hilflos. Zwei Emsländer, in der Szene seit Jahren bekannt, spielen dabei eine zentrale Rolle.

Die Empörung war groß, als im vergangenen Jahr Videos im Internet auftauchten. Unzählige Neonazis reckten darauf die rechte Hand zum Hitlergruß. „Heil Hitler“ schrien einige. Die Bands spielten zum Teil Lieder, die in Deutschland verboten sind. Und das alles in Sicht- und Hörweite der Polizei, die augenscheinlich nichts unternahm. Was sollte sie auch tun? Die eingesetzten Beamten standen 6000 Neonazis gegenüber.

Tickets für 35 Euro

Am 25. August kommt es zur Neuauflage des Festivals, das zumindest auf dem Papier eine politische Kundgebung ist. Die lässt sich schwieriger verbieten. Und deswegen treten neben Musikern auch Redner auf. Ihre Botschaft dürfte aber die gleiche sein: Hass auf alle, die nicht ins neonazistische Weltbild passen. 3000 Besucher sind angekündigt vom Anmelder. Der Verfassungsschutz in Thüringen ordnet den Mann dem „subkulturellen rechtsextremistischen Spektrum“ zu, Verbindungen zu Personen aus dem Umfeld der Neonazi-Terrororganisation NSU sind bekannt. Vermutlich wird die Veranstaltung in Thüringen doppelt so viele Teilnehmer anlocken. Mehr als 5000 Karten sollen mittlerweile verkauft worden sein. Stückpreis: 35 Euro zuzüglich Portokosten.

Daniel G. (Mitte) mit seinen Anwälten beim Prozess vor dem Landgericht Osnabrück. Foto: Westdörp

Der Versand erfolgt aus dem emsländischen Lingen – genauer gesagt aus einer Einfamilienhaussiedlung im Stadtteil Laxten. Hinter gutbürgerlicher Fassade wohnt Jens H.. Er verdient sein Geld - nach Einschätzung vieler - auch mit dem rechtsradikalen Versandshop „Das Zeughaus“. Über den werden die Kartenbestellungen für das Festival in Thüringen abgewickelt. „Mit kameradschaftlichem Gruss“ schließt H. die E-Mails an seine Kunden, in denen er für die Bestellung dankt und die Daten seines Kontos mitteilt. Gruß mit „ss“ wohlgemerkt. Nicht ß. Das kleine Vorschaufenster im Internetbrowser für die Internetseite ziert eine „88“ – in der rechten Szene ein hinlänglich bekannter Code für „Heil Hitler“.  (Weiterlesen: Hat Frei.Wild bei Nazi-Band aus dem Emsland abgekupfert?)

Szenegröße aus Meppen

Die Tickets selbst gleichen denen für reguläre Konzerte. Am prominentesten wird darauf mit der Band „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“ geworben. Dahinter steckt der Meppener Daniel G., in der Neonazi-Musikszene eine bekannte Größe. Das Landgericht Osnabrück verurteilte ihn 2013 zu 1000 Euro Geldstrafe. Im Lied „Geschwür am After“, erschienen auf der CD „Adolf Hitler lebt“, hat G. den Holocaust geleugnet. Es war die erste Verurteilung dieser Art für ihn. Derzeit läuft vor dem Amtsgericht Hildburghausen ein weiteres Verfahren, der Vorwurf: Volksverhetzung während seines Auftritts bei „Rock gegen Überfremdung“ im vergangenen Jahr. Fast alle Liedtexte von G.s verschiedenen Bands sind menschenverachtend, die meisten aber durch das Grundgesetz geschützt.  (Weiterlesen: Volksverhetzung: Nazi-Musiker aus Meppen muss zahlen)

Das Dorf Mattstedt aus der Luft. Foto: Marco Kneise / Thüringer Allgemeine

Das gilt auch für die Veranstaltung auf dem Gelände einer Industriebrache in Mattstedt – allem Protest zum Trotz. Meinungs- und Versammlungsfreiheit sind ein hohes Gut in einer Demokratie. Und es steht auch denjenigen zu, die keine Demokraten sind. Der Protest der Nachbarn wirkt ein wenig hilflos. „Für ein friedliches und weltoffenes Mattstedt“ war ein offener Brief der Gemeinde überschrieben, in dem die Unterzeichner Landkreis und Landesregierung darum baten, das Festival zu verhindern. Man wolle keinen Massenaufmarsch von Neonazis in dem 500-Seelen-Dorf. „Viele Menschen im Ort haben Angst“, zitiert die „Thüringer Allgemeine“ eine Anwohnerin. Angst vor denen, die da kommen.

„Viele Menschen im Ort haben Angst“Eine Bewohnerin von Mattstedt

Mittlerweile zweifelt kaum noch einer daran, dass das Festival stattfinden wird. Selbst die nicht, die dagegen protestieren. Im zuständigen Landratsamt geht es nicht mehr ums Verbot, sondern um Auflagen: „Derzeit wird der Erlass von Auflagen/beschränkenden Verfügungen noch intensiv geprüft.“ Mehr ist wohl nicht drin. Dabei hatte die Landesregierung nach den Neonazi-Exzessen im vergangenen Jahr noch vollmundig versprochen, solche Veranstaltungen künftig verhindern zu wollen – durch eine Reform des Versammlungsrechts. Parlamentarisch zeichnete sich dafür aber keine Mehrheit ab. Das Vorhaben wurde beerdigt.

Reifenkontrollen gegen Neonazis?

Innenminister Georg Maier (SPD) spricht dennoch von einem Kampf, den der Staat jetzt aufgenommen habe. Man wolle das Geschäftsmodell der Neonazis zerstören, ließ er in einem Interview mit „Spiegel Online“ wissen. Was martialisch klingt, ist dann doch nur eine „Politik der Nadelstiche“. Und wie sieht die aus? Maier: „So werden zum Beispiel die Autos der Neonazis vermehrt kontrolliert und dabei geprüft, ob die Autoreifen abgefahren sind.“ Reifenkontrollen – das sind die Möglichkeiten, die der Rechtsstaat allem Anschein nach bietet.

Screenshot des Konzerts aus dem Jahr 2017. Screenshot: Youtube

Der Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs beobachtet die rechte Musikszene schon lange. Was er sagt, dürfte dem Innenminister nicht gefallen: „Die Veranstalter solcher Konzerte erfahren in Thüringen nur wenig staatliche Repression. Das ist wohl einer der Gründe, warum dieses Bundesland immer wieder gewählt wird.“ Tatsächlich fand ein auffälliger großer Teil der 131 rechten Musikveranstaltungen, die das Bundesinnenministerium in zwei Antworten auf Anfragen der Linken für das erste Halbjahr 2018 aufzählt, in Thüringen statt. Gesamtbesucherzahl: 13.000.

"Konzerte sind Gelddruckmaschinen"

Mattstedt wird allein wegen der Dimension herausstechen, so viel steht jetzt schon fest. Dabei geht es laut Hindrichs nicht darum, neue Anhänger der rechten Ideologie zu gewinnen. Diesen Effekt habe Musik nachgewiesener Maßen nicht. „Ein Rechtsrockkonzert bringt die Selbstvergewisserung, dass man nicht alleine ist mit seiner Haltung.“ Das sei der eine. Und der andere? Geld verdienen. Hindrichs: „Solche Veranstaltungen sind wahre Gelddruckmaschinen. Die Einkünfte liegen schnell im sechsstelligen Bereich.“ Ein erheblicher Anteil des Geldes dürfte über das Konto des Emsländers geschleust werden.


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