„Observer“-Umfrage Stimmungswandel gegen den Brexit in den Wahlkreisen

Von Thomas Ludwig

„Stoppt Brexit“ - Mehr als die Hälfte der Briten will nun doch in der EU bleiben. Foto: Peter Byrne/PA Wire/dpa„Stoppt Brexit“ - Mehr als die Hälfte der Briten will nun doch in der EU bleiben. Foto: Peter Byrne/PA Wire/dpa

Osnabrück. Bahnt sich in Großbritannien ein Umschwung für einen Verbleib des Landes in der EU an? Eine Umfrage in den Wahlkreisen legt das nahe. Der FDP-Europaexperte Alexander Graf Lambsdorff und CDU-EU-Politiker David McAlister halten ein erneutes Referendum für gerechtfertigt.

Eloise Todd schöpft Hoffnung: „Diese Umfrage ist richtungweisend, sie zeigt, dass der Brexit nicht unvermeidbar ist“, freut sich die Geschäftsführerin der Kampagne „Best for Britain“, die sich für einen Verbleib Großbritanniens in der EU einsetzt. „Die Menschen im Vereinigten Königreich haben die vergangenen zwei Jahre der Ungewissheit mit Bestürzung verfolgt und denken nun anders darüber nach“, sagte Todd der britischen Zeitung „Guardian“.

Der britische „Observer“ hatte am Sonntag über eine Studie berichtet, nach der 112 Wahlkreise, die vor zwei Jahren für den Austritt des Königreichs aus der EU gestimmt hatten, nun doch in der Union bleiben wollen.

Vertreter der EU haben in der Vergangenheit wiederholt betont, den Briten stehe die Tür der Gemeinschaft offen für den Fall, dass das Land vom Brexit zurücktreten wolle. „Eine zweite Volksabstimmung in Kenntnis aller Tatsachen bezüglich des Brexit wäre gerechtfertigt“, sagte der stellvertretende FDP-Fraktionschef im Bundestag und langjährige Europaabgeordnete Alexander Graf Lambsdorff unserer Redaktion.

Bürger müssen über Tatsachen abstimmen

„Weiten Teilen der Bevölkerung sind erst im Rahmen der vertieften Beschäftigung mit dem Thema all die Fakten bekannt geworden, die von den Austrittsbefürwortern falsch dargestellt, verleugnet oder unterschlagen worden waren“, sagte Graf Lambsdorff. Und der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Europaparlament, David McAllister (CDU), betonte: „Um den britischen EU-Austritt doch noch abzuwenden, wäre ein zweites Referendum erforderlich. Auf den sich abzeichnenden Stimmungsumschwung im Vereinigten Königreich zu reagieren ist Aufgabe der britischen Politik.“

Vor allem in Nordengland und in Wales – traditionelle Hochburgen der oppositionellen Labour-Partei – ist der „Observer“-Umfrage zufolge eine wachsende „No-Brexit“-Stimmung festzustellen. Von 632 Wahlkreisen im Land seien nunmehr 341 für einen Verbleib in der Europäischen Union. Bei der Abstimmung im Juni 2016 waren es 229. Die Labour-Partei selbst lehnt ein neues Referendum bislang offiziell weiter ab.

Der Analyse zufolge haben in Schottland die Wähler in einem Wahlkreis ihre Meinung geändert, in England 97 und in Wales 14. Vor diesem Hintergrund kommt die Untersuchung zu dem Schluss, dass inzwischen 53 Prozent aller stimmberechtigen Wähler gegen den Brexit seien. Auch andere Umfragen der jüngeren Zeit hatten bereits eine leichte Verschiebung in den Lagern beobachtet. Der Untersuchung im Auftrag des „Oberserver“ zufolge wollen vor allem junge Wähler und solche mit Migrationshintergrund in der EU bleiben.

Pikant: Johnson-Wahlkreis kippt um

Das Pikante: Unter den Wahlkreisen, deren Wähler sich umentschieden haben, ist den Angaben zufolge auch derjenige von Ex-Außenminister Boris Johnson. Johnson galt neben dem Populisten und Europaabgeordneten Nigel Farage als das markanteste Gesicht der „Raus aus der EU“-Kampagne und hatte sich zuletzt mit Premierministerin Theresa May über den Kurs bei den Brexit-Verhandlungen mit der EU überworfen. Ihm und seinen Mitstreitern ist das Vorgehen der Regierungschefin zu lasch. Neben Johnson war im Juli deshalb auch Brexit-Unterhändler David Davis zurückgetreten.

Dem bisherigen Zeitplan zufolge sollten die Gespräche mit der EU im Oktober dieses Jahres abgeschlossen sein. Schließlich müssen auch die nationalen Parlamente und das Europaparlament der Austrittsvereinbarung zustimmen. Inzwischen aber gilt vielen Beobachtern eine rechtzeitige Übereinkunft als kaum noch machbar. Großbritannien würde dann zum 30. März 2019 ohne jegliche Vereinbarungen aus der Gemeinschaft ausscheiden und so zum Drittstaat ohne Vorrechte werden.

Tatsächlich hätte ein harter Schnitt wohl verheerende Folgen für die britische Wirtschaft. Zahlreiche Unternehmen und Verbände haben davor in den vergangenen Wochen gewarnt. Die Befürworter eines Verbleibs Großbritanniens in der EU verstärken in jüngster Zeit entsprechende Kampagnen und setzen auf ein zweites Referendum. Sie fordern die Regierung in London auf, dafür den gesetzlichen Rahmen zu schaffen. „Wir müssen über Parteigrenzen hinweg dafür arbeiten“, sagte der Vorsitzende der Liberaldemokraten, Vince Cable, in Bristol auf einer Regionalkundgebung im Pro-EU-Aktionssommer, wie der „Guardian“ berichtete.


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