Bello schaut in die Röhre Warum viele Tierkliniken in Niedersachsen keine mehr sein wollen

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Tierkliniken sind auf die Behandlung von schwerkranken und -verletzten Haustieren spezialisiert Foto: Frank Rumpenhorst/dpaTierkliniken sind auf die Behandlung von schwerkranken und -verletzten Haustieren spezialisiert Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Osnabrück. Wer behandelt schwerkranke oder -verletzte Haustiere am Wochenende oder in der Nacht? Bisher waren es die tierärztlichen Kliniken. Doch immer weniger Einrichtungen können und wollen einen 24-Stunden-Notdienst anbieten. Für Tierhalter könnte die Suche deshalb schwierig werden.

Einen Hund mit einer Magendrehung oder eine Katze mit Nierenversagen hätte Björn Becker, niedergelassener Tierarzt aus Bad Bentheim, vor einiger Zeit noch ohne zu zögern an eine Tierklinik überweisen. Egal, zu welcher Uhrzeit. Doch mittlerweile überlegt er es sich zweimal, ob er einen Patienten, den er in seiner kleinen Praxis eigentlich nicht behandeln kann, weiterschickt. Zumindest nachts und am Wochenende. Denn alle Tierkliniken in der näheren Umgebung nehmen in den Randzeiten keine neuen Patienten mehr auf. "Das ist eine Katastrophe", sagt Björn Becker. 

Den 24-Stunden-Notdienst eingestellt haben in diesem Jahr bereits die Praxis von Dana Ladig in Osnabrück, das Tiergesundheitszentrum Grußendorf in Bramsche und die Praxis von Gerhard Gellermann und Tillmann Bringewatt in Belm. Sie haben dadurch automatisch ihren Status als tierärztliche Kliniken verloren. Der Titel wird allein von den örtlichen Tierärztekammern vergeben. Sie überprüfen ebenfalls die Einhaltung der Voraussetzungen im Bezug auf Räumlichkeiten, Geräte, Personal und angebotene Behandlungen. Die Niedersächsische Berufsordnung der Tierärzte knüpft den Status außerdem an diese Bedingung: "Eine tierärztliche Klinik muss ständig dienstbereit sein." 

Notdienst an der Belastungsgrenze

Für Dana Ladig war dieser Passus der Grund, den Klinikstatus aufzugeben. Denn personell sei er gerade in einem kleinen Betrieb kaum zu umzusetzen, sagt sie. In ihrer Praxis arbeiten drei Tierärzte. Wenn sich ständig einer dienstbereit halten muss, würde das für den einzelnen bedeuten, jedes dritte Wochenende und jede dritte Nacht zu arbeiten. Ein Angestellter, der Nachtdienst geschoben hat, darf am nächsten Morgen nicht weiterarbeiten, sondern muss laut Gesetz eine Ruhepause von mindestens elf Stunden einlegen. Die Einhaltung kontrolliert das Gewerbeaufsichtsamt seit einiger Zeit verstärkt. Mit nur zwei Tierärzten, sagt Dana Ladig, sei der tägliche Andrang in ihrer Praxis aber kaum zu bewältigen. 

Dazu komme, dass der Notdienst zuletzt immer häufiger auch wegen kleinerer Gesundheitsprobleme aufgesucht wurde. "Eine Hauterkrankung oder ein Durchfall, die schon die ganze Woche bestehen, müssen dann unbedingt am Wochenende behandelt werden", beschreibt Ladig und schätzt: Nur etwa fünf Prozent der Fälle, die in ihren Notdienst kamen, waren echte, lebensbedrohliche Notfälle, für die der Notdienst gedacht ist. 

Zudem waren viele Tierbesitzer nicht bereit, die Tierklinik für den Notdienst entsprechend zu bezahlen – und das, obwohl Ladig bereits in ihrem Aufnahmeformular darauf hinweist, dass sie nach der gesetzlichen Gebührenordnung für Tierärzte nachts und am Wochenende berechtigt ist, bis zu dreimal so viel für eine Behandlung zu verlangen, wie in den normalen Öffnungszeiten. Teilweise sei sie deshalb sogar körperlich angegangen worden, sagt Ladig. Nach 25 Jahren Notdienst war bei ihr die Kraft erschöpft. Seit dem 1. Januar 2018 ist sie nachts und am Wochenende nicht mehr erreichbar. Statt "Kleintierklinik" steht nun "Kleintierpraxis" auf ihrer Internetseite. Mehr hat sich nicht verändert.

Rückgang um 28 Prozent

Mit ihrer Entscheidung folgt die Tierärztin offenbar einem niedersachsenweiten Trend: Von 2009 bis 2017 ist die Zahl der Tierkliniken von 51 auf 37 gesunken. Das ist ein Rückgang um ein Drittel. In den anderen norddeutschen Bundesländern zeichnet sich es keine vergleichbare Entwicklung ab. Allerdings gibt es in Schleswig-Holstein insgesamt auch nur 17 und in Mecklenburg Vorpommern sechs Kliniken. Deutschlandweit hat sich die Anzahl der Tierkliniken im selben Zeitraum um 46 auf zuletzt 251 reduziert. 



Doch damit nicht genug: Nach Informationen unserer Redaktion denken auch die tierärztlichen Kliniken in Melle, Steinfeld, Greven und Preußisch-Oldendorf aktuell darüber nach, ihren Status aufzugeben oder haben es konkret geplant. Die Betroffenen sprechen von einem Domino-Effekt: Wenn eine Klinik in der Region den Notdienst aufgibt, kommt auf die anderen so viel mehr Arbeit zu, dass sie ebenfalls überlastet werden und schließlich aufgeben. Der zusätzlichen Nachfrage mit zusätzlichem Personal zu begegnen, gestaltet sich in Zeiten des Fachkräftemangels schwierig.  

Personalmangel und Work-Life-Balance

So geht es beispielsweise Michael Heinrich von der Tierklinik in Preußisch-Oldendorf. "Seit letztem September suche ich drei Tierärzte, die auch bereit sind, Nachtdienste zu übernehmen", sagt Heinrich. Gefunden hat er noch niemanden. Die jüngere Generation lege eben einen größeren Wert auf Ausgleich zwischen Arbeitszeit und Freizeit. Außerdem sei der ländliche Standort ein Nachteil: "Unsere Region ist für die Tierärzte persönlich einfach nicht so attraktiv wie Stuttgart oder München." Weil er in den Notdienstzeiten inzwischen völlig überlastet sei, überlegt auch er, zum Ende des Jahres seinen Klinikstatus aufgeben. "Es tut mir wahnsinnig Leid für die Tierbesitzer", sagt Heinrich. "Es ist eine Lawine, die da auf sie zurollt". Wenn das System nicht reformiert werde, "wird es Tiere das Leben kosten". 

Tierarzt Björn Becker aus Bad Bentheim sieht die Entwicklung mit großer Sorge: "Wenn die Kliniken ihre Notdienste einstellen, können wir das personell nicht auffangen." In seiner Praxis arbeiten vier Tierärzte, von denen sich abwechselnd immer einer nachts und am Wochenende in Rufbereitschaft hält. "Im Moment müssen wir nicht jede Nacht raus", sagt Björn Becker. Samstags und Sonntags behandelt er im Schnitt je zwei bis drei Notfälle. Beides dürfte bald deutlich mehr werden, fürchtet Becker. Und bei besonders schwerwiegenden Fällen "gerate ich unter Zugzwang", sagt der Tierarzt. Schließlich könne er einem schwer kranken oder verletzten Patienten kaum die lange Anreise zur nächstgelegenen Klinik zumuten. "Ein Hund mit einer Magendrehung bezahlt dafür mit seinem Leben, nichts machen geht also nicht". Er schließt nicht aus, dass die Versorgungsqualität sinkt, wenn niedergelassene Tierärzte zukünftig Behandlungen vornehmen müssen, für die sie nicht ausgerüstet sind.

Das System bricht zusammen

"Das System bricht zusammen, wenn alle Kliniken aufgeben", fürchtet auch Dana Ladig. In Osnabrück hat sie ihre Tierarztkollegen inzwischen für einen Notdienstring gewinnen können. Elf Praxen halten sich seit dem 1. Januar 2018 abwechselnd nachts und am Wochenende Dienstbereit. Jede einzelne muss nun nur noch an vier Wochenenden und nachts vier Wochen im Jahr besetzt sein. Dana Ladig ist froh, dass sich ihre Kollegen dazu entschlossen haben. "Mein Anliegen war es, die Versorgung der Tiere sicherzustellen", sagt sie. Gleichzeitig sieht sie die Politik in der Pflicht, etwas an der Situation zu verändern: "Die Tierärztekammer müsste Lösungen suchen."

Tatsächlich scheint etwas in Bewegung zu kommen: Nach Angaben von Uwe Tiedemann, dem Präsidenten der Bundes- und der niedersächsischen Landestierärztekammer, wurde bereits eine Arbeitsgruppe gegründet, die verschiedene Ansätze zur Lösung des Problems diskutiert. Beim nächsten Tierärztetag im September soll es außerdem einen Antrag aus Niedersachsen geben. "Die deutsche Tierärzteschaft unterstützt jegliche Maßnahmen, die geeignet sind, das Arbeitszeitgesetz zu flexibilisieren", so Tiedemann. Gefordert werde, "die bisherige Festlegung auf eine Wochenhöchstarbeitszeit von 48 Stunden beizubehalten und gleichzeitig die Definition einer Tageshöchstarbeitszeit zu streichen." Damit könnten die Tierkliniken zwar die gesetzlichen Vorgaben erfüllen. Das Problem der hohen Belastung für Tierärzte und -kliniken wäre allerdings noch nicht gelöst. 

Höhere Beteiligung nötig

Der Deutsche Tierschutzbund geht davon aus, dass es auf Dauer nur durch "eine deutliche Erhöhung der Kosten in der Notfallversorgung gestemmt werden" könne. Das sagte eine Sprecherin auf Anfrage unserer Redaktion.  "Leider fehlt oft auch die Bereitschaft der Tierhalter, wenn es darum geht im Notfall zu zahlen, was aus betriebswirtschaftlicher Sicht realistisch und notwendig ist, um den Betrieb der Klinik zu stemmen", hieß es. Um die Kosten zu decken, könnten in Zukunft auch in Deutschland Tierkrankenversicherung eine größere Rolle spielen, so wie es etwa in England der Fall sei.



Wo finden Tierhalter im Notfall ärztliche Hilfe für Katze, Hund und Co.? Informationen zu den tierärztlichen Notdiensten in der Region gibt es hier!


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