Kriminalpsychologin Benecke im Interview „Rollenklischees erschweren das Erkennen von Sexualstraftäterinnen“

Meine Nachrichten

Um das Thema Politik Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Kriminalpsychologin Lydia Benecke: „Im Zweifelsfall können sich Frauen bei sexuellen Übergriffen gegenüber Kindern, die sie pflegen, mit „Überfürsorglichkeit“ und „Missverständnissen“ leichter herausreden als Männer.“ Foto: Alexander SpankeKriminalpsychologin Lydia Benecke: „Im Zweifelsfall können sich Frauen bei sexuellen Übergriffen gegenüber Kindern, die sie pflegen, mit „Überfürsorglichkeit“ und „Missverständnissen“ leichter herausreden als Männer.“ Foto: Alexander Spanke

Osnabrück. Kriminalpsychologin Lydia Benecke ist Autorin des Buchs „Psychopatinnen – Die Psychologie des weiblichen Bösen“. Im Interview mit unserer Redaktion erklärt sie, warum weibliche Sexualstraftäter so schwer zu erkennen sind.

Frau Benecke, wie kommt es, dass selbst Fachleute Frauen nur schwer als Sexualstraftäterinnen erkennen?

Einerseits gibt es nachweislich deutlich mehr unterschiedlich geartete sexuelle Übergriffe durch Männer als durch Frauen, sodass die männlichen Täter sowohl in den Kriminalitätsstatistiken als auch in der Medienberichterstattung deutlich stärker ins Gewicht fallen. Allerdings gehen Forscher bezogen auf weibliche Sexualstraftäter davon aus, dass bei diesen die Dunkelziffer prozentual auf alle Taten dieser Tätergruppe bezogen noch höher ist als bei männlichen Sexualstraftätern.

Woran liegt das?

Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass Frauen sich häufiger als Männer ihnen besonders nahestehende Opfer suchen, aber auch damit, dass Opfer sich bei Täterinnen noch stärker schämen, diese anzuzeigen, als bei männlichen Tätern. Das Dunkelfeld im Bereich weiblicher Sexualstraftaten ist also wahrscheinlich prozentual größer als das bei männlichen Sexualstraftaten, trotzdem sind weibliche Sexualstraftaten zweifellos insgesamt deutlich seltener als männliche.

Im Fall Staufen haben sich die Behörden täuschen lassen. Wie kann das sein?

Für die Verkennung oder zumindest deutliche Unterschätzung der Tatsache, dass es eben auch Sexualstraftäterinnen gibt, sind auch Rollenstereotype verantwortlich. Es gibt gesellschaftliche Rollenstereotype, was als „typisch weiblich“ und „typisch männlich“ angesehen wird. Eigenschaften wie „hilfsbereit“, „schwach“, „mütterlich“ werden eher Frauen als Männern zugeschrieben. Solche Stereotype stehen dem klassischen Bild, das Menschen speziell von Sexualstraftätern haben, entgegen. Es gibt unterschiedliche Untersuchungen, die sich mit dieser Wahrnehmungsunterscheidung beschäftigt haben. Fazit: Das identische Verhalten wird bei Frauen und bei Männern durchaus tendenziell unterschiedlich bewertet. Bestimmte Verhaltensweisen gegenüber den eigenen Kindern werden beispielsweise bei Müttern eher als Pflegeverhalten und mütterliche Zuwendung, bei Väter hingegen schneller als möglicher sexueller Übergriff gewertet.

Zum Beispiel?

Das mag dann beispielsweise die sehr intensive, regelmäßige Beschäftigung mit den Genitalien eines Grundschulkindes im Kontext des Badens sein oder das regelmäßige Übernachten im Bett des alleinerziehenden Elternteils noch bis in die Jugendzeit des Kindes hinein. Die unterschiedlichen Bewertungen zeigen sich auch anhand der Medienberichterstattung. Da gibt es Schlagzeilen wie „Vierzehnjähriges Mädchen wurde von fünfunddreißigjährigem Lehrer missbraucht“ und „Vierzehnjähriger Junge wurde von fünfunddreißigjähriger Lehrerin verführt“. Das Mädchen wird selbst in der Überschrift als Opfer eines sexuellen Übergriffs gewertet, der Junge ist in einer Situation, in der andere auch noch sagen: „Der Glückspilz, seine Lehrerin hat ihn in die Liebe eingeführt“. Letzteres ist völlig unangemessen, da negative Folgen sexuellen Missbrauchs selbstverständlich nicht für Jungen anders sind als für Mädchen und auch nicht der Missbrauch durch Frauen weniger schädlich ist als der durch Männer. Bezogen auf solche Wahrnehmungsverzerrungen, welche letztendlich sexuell übergriffigen Frauen in die Hände spielen, gibt es in unserer Gesellschaft noch viel zu tun.

Nutzen Sexualstraftäterinnen das, um unentdeckt zu bleiben?

Das ist wissenschaftlich, so weit ich weiß, noch nicht untersucht worden, weshalb man dies derzeit nicht mit Gewissheit sagen kann. Allerdings profitieren sie zumindest unbewusst davon, dass ihnen sexuelle Übergriffe weniger zugetraut werden und dass Opfer diese kaum berichten. Im Zweifelsfall können sich Frauen bei sexuellen Übergriffen gegenüber Kindern, die sie pflegen, mit „Überfürsorglichkeit“ und „Missverständnissen“ leichter herausreden als Männer. Auch können sie eher – wie im vorliegenden Fall scheinbar geschehen – die Rolle der grundsätzlich engagierten, liebenden Mutter nutzen, um von einer Tatbeteiligung oder zumindest Tatduldung abzulenken.

Wenn Mütter zu Tätern gegenüber ihren Kindern werden: Setzt hier der Beschützerinstinkt aus?

Es gibt viele unterschiedliche Ursachen für sexuellen Missbrauch durch Frauen. Wie auch bei Männern gibt es hier unterschiedliche Tätertypen. Frauen, die mit einem männlichen Täter zusammen Kinder missbrauchen, passen sich oft seinen Wünschen und Vorstellungen an. Sie fühlen sich häufig von ihm abhängig, was bei solchen Konstellationen später vor Gericht immer wieder diskutiert wird. Manchmal sind solche Frauen dem Partner tatsächlich „hörig“, manchmal bieten die Ideen des Partners aber auch ein Ventil für das Ausagieren eigener, aggressiver Empfindungen und/oder sexueller Fantasien. Empfindet sich die Frau tatsächlich in einem starken Abhängigkeitsverhältnis zum Partner, dann kann dies so weit gehen, dass sie die natürliche Bindung zu ihrem Kind der Aufrechterhaltung der Beziehung zum Partner um jeden Preis unterordnet. Hat die Frau bereits vor dem Kontakt zum Mittäter ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Kind, das von negativen Empfindungen auf das Kind bezogen geprägt ist, so kann ein passender Mittäter quasi das bereits vorhandene, destruktive Potenzial durch seine Ideen auf eine neue Stufe hieven.

Weiterlesen: Kommentar zu Urteilen im Missbrauchsfall Staufen: Lebenslanges Trauma

Und wenn Frauen alleine zu Täterinnen werden?

Frauen, die als Alleintäterinnen sexuell missbrauchen, tun dies häufig entweder bezogen auf Kinder in ihrer Pflege – häufig die eigenen Kinder – oder auf Kinder, zu denen sie beispielsweise als Lehrerinnen oder Babysitterinnen ein eigentlich beschützendes Verhältnis haben. Sind die Opfer die eigenen Kinder, so nutzen die Frauen häufig einen graduellen Übergang von normaler Zärtlichkeit und Pflegeverhalten hin zu immer deutlicheren, sexuellen Übergriffen. Sie reden sich dann zuweilen ein, dass sie eine „spezielle Form“ von Verbundenheit mit ihrem Kind hätten und dies alles nur eine „besondere Form“ von „Mutterliebe“ sei. Frauen, die beispielsweise als Lehrerinnen oder Babysitterinnen missbrauchen, reden sich häufig ein, dem Kind nur „etwas beizubringen“. Auch sie sehen sich typischerweise nicht als Täterinnen, die einen Schaden beim Kind erzeugen.

Unterscheidet sie das von männlichen Tätern?

Kognitive Verzerrungen, also Denkfehler, durch die sich Täter in ihrer Selbstwahrnehmung entlasten, findet man bei männlichen wie bei weiblichen Sexualstraftätern. Die Täterinnen nutzen nur tendenziell unter anderem die in der Gesellschaft vorhandenen Stereotype über Frauen, um ihre Taten vor sich selbst zu rechtfertigen.


Frauen als Täterinnen

Dass auch Frauen zu Täterinnen werden können, ist kein Geheimnis. Und wie bei Männern gibt es auch bei Frauen ganz unterschiedliche Typen von Taten. Oft würden jedoch unterschiedliche Begriffe in einen Topf geworfen oder verwechselt, weshalb man genau hinsehen müsse, sagt Kriminalpsychologin Lydia Benecke. So gelte es, weibliche Sexualstraftaten von den Themen „Psychopathie“ und „Gewaltstraftaten durch Frauen“ zu unterscheiden. „Zuweilen gibt es Überschneidungen, doch die Phänomene gehören unterschiedlichen Themen der Kriminalpsychologie an und werden auch in der Forschung getrennt voneinander behandelt“, erklärt die Psychologin. mhs

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN