Nach Häme in sozialen Netzwerken "Elfenbeauftragte" will nicht mehr auf der A2 helfen

Von Christian Ströhl

Trotz des Einsatzes der "Elfenbeauftragten" kam es heute auf der A2 bei Hannover zu einem schweren Unfall. Foto: Peter Steffen/dpaTrotz des Einsatzes der "Elfenbeauftragten" kam es heute auf der A2 bei Hannover zu einem schweren Unfall. Foto: Peter Steffen/dpa

Hamburg. Eine "Elfenbeauftragte" hat Teile der A2 "energetisch versiegelt". Genutzt hat es nichts. Was bleibt, ist Verbitterung.

Melanie Rüter wollte im Kampf gegen Unfälle auf der A2 helfen. Dazu hatte die selbsternannte "Elfenbeauftragte" gemeinsam mit der Tierkommunikatorin Marion Lindhof  fünf neuralgische Punkte an der Autobahn zwischen Lehrte und Braunschweig angesteuert und "energetisch versiegelt". Nachdem diese Aktion durch die Berichterstattung in der "Hannoverschen Allgemeine Zeitung" publik wurde, sahen sich die beiden Frauen heftigen Reaktionen ausgesetzt. Jetzt haben sie die Nase voll.

In den sozialen Netzwerken sorgte die Nachricht "Niedersachsen setzt Elfenbeauftragte gegen Autobahnunfälle ein" vorrangig für Spott und Häme. Ob denn schon wieder der 1. April sei oder es sich um einen Beitrag des Satiremagazins "Der Postillon" handele, waren noch die harmloseren Reaktionen.

"Reine Sensationslust"

Die zwei Frauen mit den außergewöhnlichen Berufen zogen daraus ihre Konsequenzen. Auf ihrem Blog schreibt Rüter: "Unsere Absicht war es, der Natur, den Menschen, den Tieren und allen unsichtbaren Wesen zu helfen." Sie wirft den Medien "reine Sensationslust" vor. Weil ihre Arbeit auf dem Niveau der "Liebe, des Respekts und der Achtsamkeit" basiere, nehme sie nun Abstand und wolle nicht mehr mit Medien sprechen. Auch Lindhof übt scharfe Kritik. "Ehrliche Berichterstattung war anscheinend gestern...SCHADE!" Auch sie stand für ein Gespräch nicht zur Verfügung. 

Davon, dass die beiden Damen selbst den Schritt auf die Behörde zugemacht hatten und auch nichts gegen die Berichterstattung in der HAZ oder im NDR hatten, war keine Rede.

Kurzfristig hat der Einsatz der beiden Frauen keine Abhilfe geschafft. Das zeigte sich heute, als es wieder auf der A2 krachte. Zwischen Peine-Ost und Peine fuhr an einem Stauende zunächst ein Kleintransporter auf einen stehenden Sattelzug auf. Der 56-jährige Fahrer wurde eingeklemmt und lebensgefährlich verletzt, weil ein nachfolgender weiterer Transporter in die Unfallstelle krachte. Im Rückstau fuhren drei Pkw ineinander, wobei es drei Leichtverletzte gab. Die Autobahn Richtung Hannover wurde stundenlang gesperrt, es gab lange Staus.

Das Märchen der "Elfenbeauftragten"

Kritisch hinterfragt werden muss auch der Begriff "Elfenbeauftragte". Dieser wurde von Künstler und Autor Wolfgang Müller geprägt und besonders von deutschen Medien dankbar aufgenommen. Müller bezieht sich auf die isländische Berühmtheit Erla Stefánsdóttir, die bis zu ihrem Tod im Jahre 2015 bei Straßenbaumaßnahmen in Island zu Rate gezogen wurde. Einige Projekte seien wegen ihrer Einwände sogar gestoppt worden. Eine offizielle Funktion hatte die vermeintliche "Elfenbeauftragte" jedoch nicht inne.

Was aber stimmt: Im isländischen Baugenehmigungsverfahren ist verankert, dass geprüft werden muss, ob Kulturgüter durch ein Bauvorhaben beschädigt werden könnten. Und dazu zählen auch sogenannte  Elfenfelsen. Richtig ist auch: Die Geschichte und Mythen über Elfen lassen sich nicht nur in Island touristisch gut vermarkten.

Im Jahr 2011 hatte unsere Redaktion Gelegenheit, mit dem Berater Stefánsdóttirs zu sprechen. Ólafur Pétursson beschrieb damals, dass Stefánsdóttir nur helfen wollte - wie ihre deutschen "Kolleginnen" wohl auch. "Sie will vermitteln, dass dieser Planet lebt und dass es so viel mehr an Natur gibt, als mit dem bloßen Auge erkennbar ist“. Bulldozer und Bagger machten jahrhundertealte Häuser, Schulen, Kirchen und Burgen dem Erdboden gleich, kritisierte Pétursson damals.

Keine zusätzlichen Kosten

Ganz ohne Baumaßnahmen geht es aber eben nicht. Bis zu 130.000 Fahrzeuge täglich, darunter ein Drittel Lastwagen, rollen über die Route von Berlin quer durch Niedersachsen Richtung Ruhrgebiet. Nach einer ADAC-Statistik belegte die A2 im vergangenen Jahr den Spitzenplatz in der Staubilanz in Niedersachsen. 

Wegen der Vielzahl von Karambolagen auf der viel befahrenen A2 wird in Niedersachsen seit langem über Möglichkeiten zur Entschärfung der Ost-Westautobahn diskutiert. Verkehrsminister Bernd Althusmann (CDU) kündigte im Mai an, Bauarbeiten künftig zu beschleunigen und wo möglich keine Fahrstreifen mehr zu sperren. Die Polizei Hannover setzt verstärkt auf Geschwindigkeitsmessungen in Baustellenbereichen und Abstandskontrollen.

Die Straßenbaubehörde verteidigte sich heute gegen Kritik an dem Einsatz der "Elfenbeauftragten". Durch die Mitnahme der Frauen bei einer Kontrollfahrt seien keine zusätzlichen Kosten entstanden. Die 60 Euro, die Rüter auf ihrer Homepage als üblichen Stundensatz angibt, hat der Steuerzahler also gespart.

Und geht es nach Christine Rettig, Sprecherin des ADAC Niedersachsen/Sachsen-Anhalt, hätte man sich die ganze Aktion sparen können. "Es wird der Ernsthaftigkeit der Problematik nicht gerecht. Es ist ein Beitrag, der uns nicht weiter bringt", sagt Rettig. Laut der Polizeidirektion Hannover gab es auf den Abschnitten der A2 nahe Hannover im vergangenen Jahr 2458 Verkehrsunfälle. Im Jahr davor 2417. Getötet wurden 2017 vier und 2016 neun Menschen.

"Eine sehr angespannte Zeit"

Um die Unfallzahlen zu senken, sind laut Rettig andere Maßnahme vielversprechender. "Wir führen regelmäßig Runde Tische mit der Behörde und vor-Ort-Begehungen der Baustellenabschnitte durch." Auch die Verständlichkeit der Beschilderung und Baustellenführung werde stets kritisch hinterfragt. "Aktuell ist eine sehr angespannte Zeit", sagt Rettig.


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