Erfahrungsberichte Zivil- oder Wehrdienst: Ein verlorenes Jahr?

Von Tobias Bosse, Kim Patrick von Harling, Jakob Koch und Christian Ströhl

Am Wochenende nahm die Debatte über eine „allgemeine Dienstpflicht“ Fahrt auf. Fotos: dpaAm Wochenende nahm die Debatte über eine „allgemeine Dienstpflicht“ Fahrt auf. Fotos: dpa

Hamburg. Wie sinnvoll ist ein verpflichtendes Jahr im Dienste der Gesellschaft? Vier Redakteure berichten von ihren Erfahrungen.

Seit nunmehr sieben Jahren ist die Wehrpflicht bereits ausgesetzt, doch viele Menschen trauern ihr nach, besonders in der Union. Dort rückt nun die Idee der „allgemeinen Dienstpflicht“ in den Fokus. Bedeutet: Junge Männer und Frauen sollen ein Jahr lang etwas für die Allgemeinheit tun, in sozialen Einrichtungen, beim Technischen Hilfswerk oder bei der Feuerwehr. Mehrere Mitglieder dieser Redaktion haben eine dezidierte Meinung zu einer solchen Dienstpflicht  denn sie haben vor einigen Jahren selbst Zivil- oder Wehrdienst abgeleistet:

Tobias Bosse, 32, Wehrdienst (2007)

Wer ein richtiger Mann ist, der geht zum Bund und zwar nicht zur weichgespülten Marine oder schlafmützigen Luftwaffe. Ne, ne. Ein echter Mann geht zur grünen Truppe des Heeres. Kein Mensch, kein Tier – ein Panzergrenadier. So dachten ich und meine Kumpels, als wir 2007 mit dem Abitur durch waren. Rückblickend hat uns der übermäßige Alkoholkonsum nach dem Erreichen der Hochschulreife wohl zumindest temporär mehr Gehirnzellen gekostet, als zunächst angenommen. Denn falscher hätten wir nicht liegen können. Klar, ich als großmäuliger Schlawiner, der ich unbestritten damals war, konnte es für meinen weiteren Lebensweg ganz gut gebrauchen, die Flügel hier und da etwas gestutzt zu bekommen. 

Allerdings sprang neben dem täglichen Zusammenstauchen und Erniedrigen nur Schlafentzug, Mangelernährung, fragwürdig übertriebene Körperhygiene – tägliches Rasieren, auch ohne Bartwuchs - und die zweifelhafte Fähigkeit, ein MG bedienen zu können, dabei heraus. Jeder, der in der Kindheit, wenn auch nur für wenige Monate, bei den Pfadfindern war, weiß mehr darüber, wie man in der Wildnis überlebt als ich. Und der eigentliche Sinn der Wehrpflicht, nämlich die Befähigung im Kriegsfall auch Jahre später noch einsatzbereit zu sein, ist völlig an der Realität vorbei. Nicht nur, dass ich damals kaum etwas an die Hand bekommen habe, was mich auf einen Kriegseinsatz vorbereitet hätte, es ist auch völlig lächerlich anzunehmen, dass es in der heutigen Zeit noch mal einen Heereskrieg geben könnte. Für alle Fälle halte ich mein Bajonette aber stets schärfer als der Seemann seine Harpune. Man weiß ja nie.



Christian Ströhl, 34, Zivildienst (2003)

Wehrpflicht. Dieses Wort hat in mir jahrelang Wut hervorgerufen. Als 18-Jähriger – spätpubertär, rebellisch und egoistisch – wollte ich mir nichts sagen lassen. Nicht von meinen Eltern, nicht von meinen Lehrern und schon gar nicht von einem Bundeswehr-Menschen. Dazu diese Sinnlosigkeit: drei Monate Grundwehrdienst. Und danach? Dosenbier und schlechte Frauenwitze? Nein danke. Meine Front war beim Malteser Hilfsdienst, mein Panzer ein uralter Mercedes Sprinter und meine Waffen Lutschbonbons und Rolf Zuckowski. 

Meine Aufgaben dort: Essen austragen, Menschen mit Behinderung zur Arbeit bringen und abholen sowie in der Freizeit betreuen. Ich habe viel gelernt in dieser Zeit: Alte, alleinwohnende Männer verstecken sich gerne im Garten, wenn man ihnen das Essen bringt. Bisse geistig-behinderter Frauen tun weniger weh, wenn man einen dicken Pullover trägt. Verhaltensauffälligen Kindern sind Argumente egal. Und zwar komplett. Und eine Frau mit Downsyndrom, die unter starken Stimmungsschwankungen leidet, macht nur eine Kombination aus eben erwähnten Rolf-Zuckowski-Songs und Lutschbonbons wieder glücklich. All das lernt man nur als Zivi. Und außerdem noch vieles, vieles mehr. Geduld, Einfühlsamkeit, Dankbarkeit. Ich blicke gerne auf die Zeit zurück, weil sie mich nachhaltig verändert hat.

Jakob Koch, 32, Wehrdienst (2006)

Dass es einmal in Deutschland zu einem Verteidigungsfall kommen wird, ist mit dem Fall des Eisernen Vorhangs zu einem nahezu undenkbaren Szenario geworden. Allerdings nicht im Alltag eines Wehrdienstleistenden, was ich irgendwann im Sommer 2006 beim Zähneputzen während eines Biwaks erfahren musste. Da zündete ein Offizier eine Granaten-Attrappe zwischen unseren Zelten – das fiktive „Blauland“ hatte zum Angriff geblasen. Also hieß es: Mit Zahnbürste im Mund das G36 geschultert und sämtliche Platzpatronen in die Dunkelheit geschossen. Schnell klemmte die Waffe, da die Munition offenbar doch nicht so ganz für das Gewehr gemacht war. Der Feind war aber erfolgreich abgewehrt, ließen mich meine Ausbilder wissen. Auftrag erledigt. Eine sinnbildliche Situation meiner neunmonatigen Wehrdienstzeit. 

Die Tage waren von der Grundausbildung bis hin zum Einsatz als „Kopiersoldat“ im Büro eines Oberstabsfeldwebels zäh und von Vorgaben geprägt, die es zu erledigen galt, nur weil es jemand mal irgendwo formuliert hatte. Ob sinnvoll oder nicht, diese Frage war nicht maßgeblich. Von meinen ehemaligen Mitschülern aus dem Abiturjahrgang, die weder Zivil- noch Wehrdienst machen mussten, erfuhr ich schnell, wie man diese Zeit auch nutzen konnte: Zum Beispiel mit dem sofortigen Studienbeginn oder einer aufregenden Auslandsreise. Für mich verzögerte sich mein angestrebtes Politik-Studium und ich konnte später in den Beruf starten. Mein Wehrdienst-Jahr war für mich also ein verlorenes Jahr.

Wer zur Bundeswehr will, kann sich freiwillig für bis zu 23 Monate verpflichten. Foto: dpa

Kim Patrick von Harling, 31, Zivildienst (2006)

Nach meinem Abitur 2006 hatte ich keine Lust auf irgendetwas. Weder auf eine Ausbildung, noch auf ein Studium. Das Problem: Irgendetwas musste ich ja machen. Da kam der Einberufungsbescheid gerade recht. Zur Bundeswehr wollte ich nicht. Rumkommandieren lassen? Fehlanzeige. Nach ausgiebiger Recherche landete ich letztlich bei einer Suchtberatungsstelle. Zuvor hatte ich nie acht Stunden und von Montag bis Freitag gearbeitet. Wie schaffen das die „wirklich“ Erwachsenen? Was zuvor utopisch geklungen hatte, gefiel mir recht schnell sehr gut. Die Arbeit mit den Patienten (zu 95 Prozent Alkoholiker) erfüllte mich und gab mir am Ende des Tages ein gutes Gefühl. 

Nicht jeder Patient merkte sich meinen Namen oder gar mein Gesicht. Schwamm drüber. Natürlich gab es die ein oder andere unschöne Situation, ich wurde angegrabscht, angemacht oder angeschrien. Liebevoll gemeinte Angebote, während der Arbeitszeit auf einen Jägermeister zur nächsten Tankstelle mitzukommen, musste ich ablehnen. Dennoch waren die neun Monate in meiner Entwicklung enorm wichtig. Diese Zeit hätte ich sonst damit verbracht, meinen Eltern täglich neue Ausreden zu servieren, weshalb ich denn lieber auf der Couch vor meiner Playstation hocke, anstatt etwas Produktives mit meinem Leben anzufangen. So hatte ich tatsächlich etwas Erfüllendes gemacht und genügend Zeit herauszufinden, was ich mit meinem Leben anstellen möchte.


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