Extremsommer vernichtet Ernte Das Land vertrocknet: Wie Bauern unter der Dürre leiden

Von Dirk Fisser

Landwirt Lambert Vette auf seinem Kartoffelacker. Foto: Dirk FisserLandwirt Lambert Vette auf seinem Kartoffelacker. Foto: Dirk Fisser

Osnabrück. Auf den Autobahnen Richtung Nordsee fahren die Touristen einem unbeschwerten Urlaub an der Küste entgegen. Von Jahrhundertsommer sprechen manche wegen der hohen Temperaturen aber vor allem wegen des ausbleibenden Regens. Das hat seinen Preis: Das Land links und rechts der Autobahnen trocknet aus.

Mittlerweile ist es weithin sichtbar, dass diesen Sommer etwas nicht stimmt. Das Laub ist vielerorts nicht mehr grün, sondern braun. Anfang August, der Herbst ist noch weit hin. Die Bäume stecken ihre Energie ins Überleben, nicht mehr ins Wachsen. Es ist ein Ausnahmesommer, der allen Pflanzen zu schaffen macht. Und deswegen fahren auf vielen Äckern bereits die Erntemaschinen.   

Durch kümmerliche Maisfelder bahnen sich die Mähdrescher ihren Weg – Noternte: Retten, was noch zu retten ist. Denn die Wetterberichte sagen weiter kaum Regen voraus. Irgendwo zwischen 20 Prozent und Totalausfall werden die Ernteverluste im Norden beziffert. Der Mais beispielsweise hat kaum Kolben ausgebildet, die Pflanzen sind so trocken, dass sie in der Hand zerbröseln. Manche Landwirte haben noch Hoffnung, dass es schon irgendwie werden wird mit dem Regen. Andere haben die Hoffnung aufgegeben.


Vertrockneter Mais in Niedersachsen. Foto: Dirk Fisser


„Bauern jammern ja gerne über das Wetter“, sagt Lambert Vette, selbst Landwirt in der Grafschaft Bentheim am westlichen Rand Niedersachsens, auf der Fahrt zu einem seiner Felder. „Aber dass ich so etwas einmal erlebe...“ Hilflos. Fassungslos. So geht es vielen derzeit. Mit großen Schritten geht Vette über das Feld, jeder einzelne wirbelt Staub auf. Die Sonne brennt unerbittlich hernieder so wie seit Wochen schon.

Er steigt auf einen Kartoffeldamm und streckt beide Arme weit aus. „Hier sehen Sie das ganze Desaster.“ Sein Blick schweift über die zahllosen Reihen mit Kartoffelpflanzen, in denen kaum noch Leben steckt. Sie liegen platt am Boden, so als hätten sie den Kampf aufgegeben. „Extrem“, sagt Vette, schüttelt den Kopf und steigt vom Damm herab. Auch die künstliche Beregnung hat hier nicht mehr geholfen.

In der Grafschaft Bentheim und im Emsland bauen viele Landwirte Kartoffeln an, 750 sind in einer Erzeugergemeinschaft organisiert. Eine Stärkefabrik nimmt ihnen die Knollen ab. Ein gutes Geschäft für beide Seiten. Normalerweise. Aber in diesem Sommer ist das anders.


Landwirt Lambert Vette auf seinem Acker. Foto: Dirk Fisser


Die Bauern können mit jedem weiteren trockenen Tag dabei zusehen, wie fest eingeplante Einkünfte auf den Äckern vertrocknen. „Pro Hektar fehlen etwa 2000 Euro“, sagt Vette. Das mache allein bei den Kartoffelerzeugern in der Grafschaft und im Emsland nach vorläufigen Schätzungen 60 Millionen Euro Verlust. Abgerechnet wird zwar erst nach der Ernte. Aber beim Blick auf die Felder wird klar, dass es mancherorts eng wird. „Für einige Betriebe geht es nicht mehr darum, ob sie sich im nächsten Jahr den neuen Trecker noch leisten können. Für sie geht es um die Existenz.“

Die Spuren des Sommers

Die Kartoffelbauern im Westen Niedersachsens hat es besonders schwer erwischt. Dieser Sommer wird aber Spuren auf den Konten der meisten Landwirte in Norddeutschland hinterlassen, auch auf denen der Tierhalter. Denn das Futter wird knapp. Und weil die Nachfrage hoch und das Angebot klein ist, steigen die Preise für Heu und Silage auf dem Markt in zum Teil ungekannte Höhen.

Der Zentralverband der Geflügelwirtschaft appellierte bereits an den Einzelhandel und die Verbraucher, mehr fürs Hähnchenfleisch zu zahlen. Es könne ja schließlich nicht sein, dass die Landwirte ganz allein für die Mehrkosten aufkommen. Ob der Verband Gehör findet? Aldi Süd kündigte erst kürzlich an, die Butterpreise zu senken. In den Prospekten der Supermärkte wird Weidemilch zu Angebotspreisen beworben.


Rinder auf einer vertrockneten Weide in Ostfriesland. Foto: Dirk Fisser


Von diesen angepriesenen Weiden ist aber mittlerweile kaum etwas übrig. Die Milchregion Ostfriesland ist nicht mehr grün, sondern braun. Das, was die Trockenheit aus dem Gras gemacht hat, knirscht unter den Schuhen von Meinhard Borchers und Dirk Janssen. Die beiden sind Milchviehhalter in Ostfriesland, gerade in die elterlichen Betriebe eingestiegen, gerade mit dem Bau neuer Ställe beschäftigt, Kostenpunkt: mehr als eine Million Euro. Mit solchen Summen hantieren Landwirte heutzutage.

"Irgendwann wird es schon wieder regnen"

Ob ihn das alles nervös mache? Meinhard Borchers kneift die Augen zusammen und überlegt kurz. Dann sagt er mit einer Mischung aus Zweckoptimismus und Zuversicht: „Nein, noch nicht. Irgendwann wird es schon wieder regnen. Da müssen wir jetzt durch.“ Im Hintergrund wird auf der Stallbaustelle geklopft und gehämmert.

Viele andere Milchviehalter sind weniger entspannt. Die Folgen der Milchpreiskrise vor einigen Jahren belasten Betriebe bis heute. Die finanziellen Löcher sind immer noch nicht gestopft. Und jetzt das. Kühe werden früher zum Schlachter gegeben, um das Futter zu sparen. Weil das aber so viele Landwirte machen, ist der Preis eingebrochen, den die Schlachthöfe zahlen. Wer nun aus lauter Not das Winterfutter anbricht, der muss später zukaufen Zugleich müssen viele Betriebe jetzt die Pacht und Lohnunternehmer bezahlen. Die Schuldenspirale dreht sich immer weiter.

"Diese Besserwisserei nervt"

In diesem Sommer müssen viele Landwirte finanziell und psychisch über ihre Belastungsgrenze hinausgehen. Ihnen macht nicht nur der Wassermangel zu schaffen, sondern auch die öffentliche Diskussion. „Was zumindest gefühlt noch mehr nervt als die Trockenheit“, sagt Meinhard Borchers, „das ist diese Besserwisserei.“ Der Bauernverband lieferte dabei eine Steilvorlage für seine Kritiker, die auch unter Bauern umstritten ist: Eine Milliarde Euro an Hilfsgelder forderte Verbandspräsident Joachim Rukwied.


Die Milchviehhalter Meinhard Borchers (links) und Dirk Janssen. Foto: Dirk Fisser


Gegenforderungen ließen nicht lange auf sich warten: Die Branche müsse sich klimaresistenter aufstellen, andere Sorten anbauen, hieß es von Grünen und Umweltschützern. Sie müsse ihren Teil im Kampf gegen den Klimawandel leisten, die Tierbestände reduzieren. Und so weiter. Dabei ging in der Debatte unter, was vielen Landwirten viel wichtiger wäre: beispielsweise steuerfrei Rücklagen für schlechte Zeiten anlegen zu können, ohne dass das Finanzamt Forderungen stellt.

Nun geht es nur noch um die Dürre-Milliarde. „Was sollen solche Belehrungen“, fragt sich Milchviehhalter Borchers. „Da schwingt doch immer mit, dass die Bauern zu dumm sind, es richtig zu machen.“ Im Stolz gekränkt sind viele, denn ihr Selbstverständnis ist ein anderes: Die Anforderung an ihn und seine Kollegen ist doch, die Welt zu ernähren, sagt Borchers. Wer solle das machen, wenn nicht die Landwirte und wie soll das gehen, wenn nicht so nachhaltig wie jetzt? Dirk Janssen zitiert einen dieser Sprüche, von denen es viele in der Landwirtschaft gibt: „Der Bauer hat sich den Betrieb von der nächsten Generation geliehen.“

Es gibt da noch so einen Spruch. Er soll bildlich beschreiben, wie Krisenvorsorge für schlechte Zeiten aussehen sollte: Eine Ernte auf dem Feld, eine Ernte in der Scheune und eine Ernte auf der Bank. Die Realität in diesem Sommer sieht anders aus: Vertrocknet, verfüttert, verschuldet. Und über allem schwebt da noch die große Sorge, die diejenigen, die noch hoffen, mit denjenigen teilen, die die Hoffnung schon aufgegeben haben: Was, wenn es nicht bei diesem einen Sommer bleibt, wenn solche Dürren in Norddeutschland zur Normalität werden? 


Ein vertrocknetes Maisfeld. Foto: Dirk Fisser



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