Väter im Trend Immer mehr alleinerziehende Männer – immer mehr Probleme?

Von Melanie Heike Schmidt

Raus aus dem Schattendasein: In Deutschland gibt es immer mehr alleinerziehende Männer. Was ihnen fehlt, ist eine bessere gesellschaftliche Akzeptanz. Peter Kneffel/dpaRaus aus dem Schattendasein: In Deutschland gibt es immer mehr alleinerziehende Männer. Was ihnen fehlt, ist eine bessere gesellschaftliche Akzeptanz. Peter Kneffel/dpa

Osnabrück. Vor fünf Jahren waren es noch 35.000 alleinerziehende Männer in Niedersachsen, drei Jahre später schon 41.000. Auch bundesweit steigen die Zahlen. Woher kommt dieser Trend? Und mit welchen Problemen sind die Alleinkämpfer-Väter konfrontiert? Ein Überblick.

Keine Gesellschaftsgruppe wächst schneller als die der alleinerziehenden Männer. Waren es in Niedersachsen beispielsweise laut Mikrozensus im Jahr 2013 noch 35.000 männliche Alleinerziehende, stieg die Zahl binnen drei Jahren auf 41.300 (2016) an – ein Plus von immerhin 18 Prozent. Parallel ziehen zwar auch immer mehr Frauen in Niedersachsen ihre Kinder ohne Partner groß, allerdings ist diese Steigerung im prozentualen Vergleich viel weniger signifikant: Von 204.600 alleinerziehenden Frauen im Jahr 2013 wuchs die Zahl bis 2016 auf 219.500 an – ein Plus von 7,3 Prozent.

Auch bundesweit zeichnet sich ein Trend hin zu mehr alleinerziehenden Männern ab. Lag ihre Zahl 2013 noch bei 385.000, waren es im Jahr 2016 schon 408.000. Das ist eine Zunahme von knapp sechs Prozent. Interessant: Im gleichen Zeitraum stagnierte die Zahl der weiblichen Alleinerziehenden nahezu: 2013 zählten die Wiesbadener Statistiker 2.294.000, drei Jahre später 2.293.000 Frauen, das ist ein im Vergleich sehr geringes Minus von 0,4 Prozent.

Zahlen werden weiter steigen

Noch deutlicher wird der Trend hin zum alleinerziehenden Mann, wenn man den Vergleichszeitraum auf zehn Jahre ausdehnt: 2006 kümmerten sich in Deutschland 2.303.000 Frauen allein um die Kindererziehung, bis 2016 schrumpfte die Zahl um marginale 0,4 Prozent. Im Gegensatz zu den Männern: Zwischen 2006 und 2016 stieg die Zahl der Alleinerziehenden unter ihnen von 353.000 auf 408.000, das entspricht einer Zunahme von knapp 16 Prozent. Allerdings muss man auch Statistikeffekte bedenken. Weil die absolute Zahl der alleinerziehenden Männer im Vergleich zu den Frauen immer noch sehr klein ist, wirken sich Schwankungen bei ihnen prozentual deutlich heftiger aus. Weil es jedoch insgesamt immer mehr Alleinerziehende in Deutschland gibt, wächst langsam, aber sicher auch der Anteil der alleinerziehenden Väter. Im Jahr 2017 waren zwölf Prozent aller Alleinerziehenden hierzulande männlich. Es ist zu erwarten, dass diese Zahl in den kommenden Jahren weiter zunimmt.

Familienkonzepte im Wandel

Der Trend ist also da. Fragt sich nur, woher er kommt? Grundsätzlich habe sich das Leben von Familien mit Kindern in den vergangenen Jahren in vielerlei Hinsicht geändert, „viele Väter kümmern sich aktiver und intensiver um ihre Kinder als frühere Vätergenerationen dies taten“, heißt es zur Begründung aus dem niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung. Dies hat zur Folge, dass auch nach einer Trennung mehr Väter dazu bereit sind, die Kindererziehung fortan allein zu übernehmen.

Auch formale Gründe gebe es, etwa die Reform des Elterngeldes im Jahr 2015, mit der „wichtige Weichen“ gestellt worden seien, um eine „partnerschaftliche Aufteilung der Kinderbetreuung zwischen den Eltern zu stärken“, informiert das Sozialministerium in Hannover. Auch das Unterhaltsvorschussgesetz, nach dem Leistungen übernommen werden, wenn der unterhaltspflichtige Elternteil nicht zahlt, „nutzt alleinerziehenden Müttern und Vätern gleichermaßen“, heißt es aus dem Ministerium. Unterm Strich können also Väter formal die gleichen gesetzlichen Möglichkeiten nutzen wie Mütter. Das klingt selbstverständlich, war es aber lange eben nicht.

Erkenntnis: Auch Männer können Kinder erziehen

Auch in Amtsstuben scheint ein Umdenken stattzufinden, stellt Stefan Hahndorf fest, Gründer und Geschäftsführer der Ratgeber-Homepage „vaterfreuden.de“, welche mit rund 5000 täglichen Online-Besuchern als reichweitenstärkste Website für Väter im deutschsprachigen Raum gilt. „Eine Ursache ist sicher auch, dass sich bei Familiengerichten ganz langsam die Überzeugung durchsetzt, dass auch Männer Kinder erziehen können und nicht nur Frauen“, sagt Hahndorf in einem Gespräch mit unserer Redaktion.

Doch mit dem Trend kommen auch Probleme: Während eine alleinerziehende Frau keine Seltenheit mehr darstellt, wird ein Mann, der die Kinder allein erzieht, noch lange nicht als Selbstverständlichkeit wahrgenommen. „Der größte Unterschied zwischen alleinerziehenden Männern und Frauen ist tatsächlich die gesellschaftliche Akzeptanz“, formuliert es Hahndorf. Auch die Kombination von Beruf und Familie birgt für Männer spezielle Probleme: „Männer definieren sich selbst stark über ihren Beruf“, sagt Hahndorf, und dies gelte auch für die Gesellschaft. Doch ausgerechnet den Beruf könne man „als Alleinerziehender nur stark eingeschränkt ausüben“, so der Gründer von „vaterfreuden.de“. Auch seitens der Arbeitgeber bekämen Männer „häufig weit weniger Verständnis“ entgegengebracht als Frauen.

Dass Väter ihre Kinder allein erziehen, ist immer noch selten, doch ihre Zahl steigt kontinuierlich an. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Um die gesellschaftliche Akzeptanz alleinerziehender Männer zu verbessern, sei die Politik gefragt, sich für diese Gesellschaftsgruppe stark zu machen, fordert Hahndorf. „Politiker müssen in erster Linie aufklären und die Rolle von Vätern und ihre Bedeutung aufwerten“, sagte Hahndorf in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Es sei wichtig, in der Öffentlichkeit immer wieder zu betonen, dass Väter diese Aufgabe auch bewältigen könnten, dass sie wichtig seien für ihre Kinder beziehungsweise kaum zu ersetzen, sagte der Geschäftsführer. „Vielleicht kommt das dann auch mal bei den Arbeitgebern an – und es wird akzeptiert, dass Männer, wenn sie Väter werden, länger als nur wenige Monate von der Arbeit fern bleiben“, fügte Hahndorf hinzu.

Männer arbeiten doppelt so häufig Vollzeit

Interessant ist indes, dass schon jetzt alleinerziehende Väter doppelt so oft arbeiten wie Mütter in der gleichen Situation: Etwa ein Drittel der alleinerziehenden Frauen mit Kindern bis drei Jahren arbeitet (27 Prozent), bei den Vätern sind es 69 Prozent. Auch arbeiten alleinerziehende Väter insgesamt doppelt so häufig in Vollzeit (88 Prozent) wie Mütter (42 Prozent). Mit zunehmendem Alter der Kinder gleichen sich die Zahlen jedoch an: Ist der jüngste Spross drei Jahre und älter, arbeiten 66 Prozent der Mütter und 75 Prozent der Väter. Gründe für dieses Phänomen können selbst Experten nur vermuten. „Der Bildungsstand dürfte eine Rolle spielen, da er die Erwerbsbeteiligung beeinflusst und alleinerziehende Mütter im Schnitt einen deutlich niedrigeren Bildungsstand haben als alleinerziehende Väter“, heißt es im aktuellen Mikrozensus. Auch sei es denkbar, dass „alleinerziehende Väter eher die Unterstützung Dritter bei der Kinderbetreuung erhalten“, vermuten die Statistiker. Belegt ist das bisher nicht.

Schwierige Suche nach Gleichgesinnten

Auf der Hand liegt indes, dass die in absoluten Zahlen immer noch geringe Anzahl der alleinerziehenden Männer im Alltag für ganz spezielle Schwierigkeiten sorgt. „Es ist für alleinerziehende Männer schwieriger, andere in der gleichen Situation zu finden, um sich auszutauschen oder um die Kinder miteinander spielen zu lassen“, erklärt Hahndorf. „Das nagt an vielen alleinerziehenden Vätern“, weiß der Experte.

Um etwa den Umgang mit Behörden zu erleichtern, müsse es insbesondere in großen Städten „Männerbeauftragte“ geben, so Hahndorf. „Fakt ist, dass es Männer in Familienfragen häufig schwerer haben, vor Gericht etwa, und meist auch in den Sozialämtern weniger Lobby haben“, sagt er. Auch eine Einrichtung von „Männerhäusern“ für von Trennung betroffenen Männern – mit Unterkunft und Beratung – wäre „sinnvoll“, so der Experte.

Bewusstsein wächst auch in Behörden

So weit ist es meist noch nicht. Doch immerhin, seit einigen Jahren wächst auch in den Ministerien das Bewusstsein für Väter und deren spezifische Bedürfnisse, Schwierigkeiten und Wünsche. In Niedersachsen etwa existiert seit 2015 ein „Handlungskonzept zur zukunftsorientierten Väterpolitik“. Ziel sei es, „die aktive Vaterrolle in der Familienarbeit und Kindererziehung stärken, um für mehr gesellschaftliche Akzeptanz zu sorgen“, erläutert das Ministerium.

Die Zeit arbeitet für Väter

Solche Ansätze sind ganz in Stefan Hahndorfs Sinn. Zugleich arbeitet auch die Zeit für die alleinerziehenden Männer: „Die Zahl der alleinerziehenden Väter wird weiter steigen – und damit ganz langsam auch das Verständnis für sie“, schätzt Hahndorf.


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