Bundesregierung verweist auf neuere Untersuchungen Klimawandel: Meeresspiegel könnten deutlich schneller steigen

Von Dirk Fisser

Pinguine auf einer Eisscholle in der Antarktis. Foto: dpaPinguine auf einer Eisscholle in der Antarktis. Foto: dpa

Osnabrück. Die Bundesregierung schließt nicht aus, dass der Meeresspiegel an Nord- und Ostsee deutlich höher und schneller steigt als bislang angenommen. Das geht aus einer Antwort des Umweltministeriums auf Anfrage der Grünen hervor.

Darin schreibt Umwelt-Staatssekretär Florian Pronold (SPD) unter Berufung auf Forschung zu dem Thema: „Neue Arbeiten in diesem Zusammenhang lassen es möglich erscheinen, dass es zu einem höheren und beschleunigten Anstieg des Meeresspiegels kommen kann, als bislang […] angenommen worden war.“ 

Mehr als 82 Zentimeter?

Bislang gelten die Schätzungen des Weltklimarates IPCC. Der hatte 2013 errechnet, dass Ozeane und Meere bis Ende des 21. Jahrhunderts um 26 bis 55 Zentimeter ansteigen – unter der Voraussetzung, dass die Menschheit den Ausstoß klimaschädlicher Gase stark reduziert. Erfolgt das nicht, könnte der Anstieg mit bis zu 82 Zentimeter deutlich höher ausfallen. Neuere wissenschaftliche Untersuchungen hatten zuletzt ergeben, dass auch noch extremere Varianten denkbar seien.

Bereits bei den Annahmen aus dem Jahr 2013 kann die Bundesregierung für die deutschen Inseln und Küsten nicht sagen, „inwieweit mögliche Gebiete unbewohnbar sein werden.“ Ein Arbeitskreis von Bund und Ländern arbeite „an einer Strategie zum Umgang mit dem Meeresspiegelanstieg“, schreibt Staatssekretär Pronold.  (Weiterlesen: Welternährungsorganisation: Müssen uns an Dürren gewöhnen)

Grüne fordern konsequente Klimapolitik

Grünen-Bundestagsabgeordnete Julia Verlinden sprach von „düsteren Aussichten“ für die Küstenregionen und Inseln. „Wir brauchen endlich eine konsequente Klimaschutzpolitik, um einen noch viel stärkeren Anstieg des Meeresspiegels zu verhindern“, so Verlinden. Diese bedeute ein Umsteuern in Landwirtschaft, im Verkehr und in der Energieversorgung.

Als ursächlich für den Anstieg der Meere gelten das Abschmelzen der Gletscher sowie der Eiskappen in Grönland und der Antarktis, aber auch die wärmebedingte Ausdehnung des Wassers. Dabei erhitzt sich die Nordsee doppelt so schnell wie die Ozeane. Die Durchschnittstemperatur stieg in den vergangenen 45 Jahren um 1,67 Grad Celsius – während es bei den Ozeanen im Mittel nur 0,74 Grad waren. Das teilte das Bundesumweltministerium 2017 mit. Dabei bezog sich die Regierung auf Daten des Weltklimarates IPCC und des Alfred-Wegener-Instituts bis zum Jahr 2010.  (Weiterlesen: Nordsee erwärmt sich doppelt so schnell wie Ozeane)

Temperatur der Nordsee steigt

Der rasante Temperaturanstieg dürfte sich fortsetzen. Die Bundesregierung verwies darauf, dass die Wassertemperatur anhand verschiedener Berechnungen bis zum Jahr 2100 um 1,7 bis 3,2 Grad wärmer werden dürfte.

Der Klimawandel bedrohe das Ökosystem und die Artenvielfalt. „Die Erwärmung des Meereswassers hat für eine Vielzahl mariner Organismen Folgen“, schrieb das Ministerium: „Insbesondere temperaturempfindliche Arten müssen weichen.“ So sei der Bestand des Kabeljau durch die höhere Wassertemperatur, aber auch die schlechte Ernährungssituation und Überfischung zurückgegangen. Als Kälte liebender Fisch zieht der Kabeljau weiter nordwärts. Stattdessen gebe es vermehrt Fischarten aus südlichen Gefilden wie Roter Knurrhahn, Streifenbarbe, Sardelle/Anchovis und Wolfsbarsch.

Nach Einschätzung der Bundesregierung ist zu befürchten, „dass der vom Menschen verursachte Klimawandel die Umwelt derart schnell verändert, dass (…) auch derzeit etablierte Arten sich nicht schnell genug anpassen können.“ Das werde auch Auswirkungen auf die Fischerei haben, die sich anpassen müsse.


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