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Das Phänomen "Overtourism" Malle, Sylt und Rom: So leiden Urlaubsorte unter ihren Touristen

Von Louisa Riepe

Noch dürfen große Kreuzfahrtschiffe direkt am berühmten Dogenpalast in Venedig vorbeifahren, doch inzwischen gibt es Widerstand aus der Bevölkerung gegen den Massentourismus. Archivfoto: Andrea Merola/dpaNoch dürfen große Kreuzfahrtschiffe direkt am berühmten Dogenpalast in Venedig vorbeifahren, doch inzwischen gibt es Widerstand aus der Bevölkerung gegen den Massentourismus. Archivfoto: Andrea Merola/dpa

Osnabrück. Leben, wo andere Urlaub machen – das klingt erstmal traumhaft. Aber viele Reisedestinationen sind so überlaufen, dass die Einheimischen sich gegen den Ansturm der Touristen wehren.

Eine Fahrt mit der Gondel für gut 100 Euro, Eintrittskarten für das Museum im Dogenpalast für 20 Euro und ein Kaffee am Markusplatz für 12 Euro – ein Besuch in Venedig ist teuer. Trotzdem wird Stadt von immer mehr Touristen aufgesucht. Mehr als 30 Millionen sollen es im letzten Jahr gewesen sein. Sie sorgen für derartige Preissteigerungen, dass inzwischen auch viele Einheimische ihre Stadt lieber verlassen.

So wie Venedig geht es auch vielen anderen Urlaubsorten in Europa. Das Phänomen nennen Fachleute "Overtourism" ("Übertourismus"): Die Besucher aus aller Welt werden für die Bewohner zu einem Störfaktor, der das tägliche Leben vor Ort belastet. Viele Touristen sorgen für viel Müll, Verkehr und Lärm. Mietwagen und Kreuzfahrtschiffe verschmutzen Luft und Wasser. Souvenirshops verdrängen Supermärkte und lokale Einzelhändler, Hotels und Ferienappartements nehmen den Einheimischen den Raum zum Wohnen. 


Einer von vier Touristen war an einem überlaufenen Urlaubsort


Aber auch die Touristen selbst empfinden die hohe Zahl der anderen Besucher als störend. Laut World Travel Monitor, einem weltweiten Informationssystem zum Reiseverhalten, hatten 2017 rund 25 Prozent aller Touristen das Gefühl, dass ihr Reiseziel überlaufen war. 9 Prozent der Befragten gaben an, dass sich dadurch ihr Reiseerlebnis negativ beeinflusst wurde. Betroffen waren in Europa vor allem die Städte Amsterdam, Barcelona und Venedig. 






Ein Grund: Das Reiseaufkommen ist weltweit steigend, bestätigt der Kulturgeograf Hans Hopfinger von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Er verweist in dem Zusammenhang auf die Reiseintensität, den Anteil an der Bevölkerung über 14 Jahren, der pro Jahr mindestens eine Urlaubsreise von mindestens fünf Tagen Dauer unternimmt. "Der Wert hat sich in Deutschland seit der Nachkriegszeit von fast Null auf heute fast 75 Prozent rasant entwickelt", so Hopfinger. 


Siegel und Alleinstellungsmerkmale führen zum Ansturm


Gleichzeitig beobachtet der Wissenschaftler aber auch, dass oft nicht eine ganze Region, oder eine ganze Stadt vom Overtourism betroffen sind. "Touristen nutzen in aller Regel ausgetretene Pfade, das heißt die Hauptrouten, auf denen sich die Masse der Besucher bewegt", so der Wissenschaftler. Anziehungspunkte sind etwa die Welterbe-Stätten der Unesco, weltweit 1.092 Kulturdenkmäler und Naturstätten von "außergewöhnlichem universellem Wert für die gesamte Weltgemeinschaft". 

"Wir leben in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit", sagt dazu Hans Hopfinger. "Destinationen, die im Tourismus Erfolg haben wollen, müssen sich durch Auszeichnungen, Siegel oder bestimmte Eigenschaften hervorheben." Das könne beispielsweise auch eine Spielfilmproduktion sein, die Jahre später noch Fans an den Originaldrehort lockt. "Das bringt Devisen, schafft Arbeitsplätze, sorgt für wirtschaftliche Entwicklung in anderen Sektoren", weiß Hopfinger. Aber gleichzeitig sei Tourismus eben auch mit vielfältigen Problemen für die natürliche Umwelt und den sozialen und kulturellen Bereich verbunden.


Touristen und Reiseindustrie müssen sich umstellen


Um die positiven und negativen Auswirkungen des Tourismus wieder in Balance zu bringen, hat sich auch der Deutsche Reiseverband intensiv mit dem Thema Overtourism beschäftigt. Sprecherin Ellen Madecker ist überzeugt, dass das Problem mit einer besseren Steuerung der Touristenströme in den Griff zu bekommen wäre. Insbesondere die Urlaubsorte selbst sieht sie in der Verantwortung, "mit klugen Marketing-Konzepten Besucherströme zu steuern und besonders beliebte Attraktionen zu entlasten." Das gehe zum Beispiel durch eine intelligente Ticket- und Preissteuerung, aber auch über Apps, die auf weniger belebte Orte hinweisen oder Empfehlungen für Ausflüge ins Umland geben.

Gleichzeitig müssten aber auch die Reisebüros und -veranstalter die Touristen entsprechend beraten. "Sie wissen zum Beispiel über Stoßzeiten an besonders beliebten Attraktionen Bescheid, können ihre Kunden dementsprechend informieren." Jeder Fall, von der Hafenstadt über das Skigebiet bis zur Kultur-Metropole sei da anders gelagert. Klar aber sei, so Madecker, "dass für die Bevölkerung in den Destinationen die Vorteile des Tourismus potentielle Belastungen deutlich überwiegen müssen, sonst geht uns ihr Wohlwollen und ihre Gastfreundschaft verloren"


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