Mojib Latif im Interview Klimaexperte: Die Landwirtschaft macht es sich zu einfach

Von Tobias Bosse

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Der Klimaforscher Mojib Latif fordert die Bundesregierung dazu auf, am 40-Prozent-Ziel festzuhalten.  Foto: dpaDer Klimaforscher Mojib Latif fordert die Bundesregierung dazu auf, am 40-Prozent-Ziel festzuhalten. Foto: dpa

Hamburg. Klimaexperte Mojib Latif nimmt auch die privaten Haushalte in die Pflicht und rät bei Missachtung zu Ordnungsgeldern.

Der Sommer 2018 spaltet die Nation. Während sich Freibäder und Getränkehersteller die Hände reiben, sind Landwirte und Klimaforscher den Tränen nahe. Und zwar völlig zurecht, wie Dr. Mojib Latif, Professor für Ozeanzirkulation und Klimadynamik in Kiel, im Interview bestätigt.

Guten Tag Herr Mojib Latif, was ist das Besondere an dem Sommer 2018? 

Es ist vor allem die lange Dauer dieser Situation, die besonders auffällig ist. Es ist zwar nicht so heiß wie beim Jahrhundertsommer 2003, der zeitlich sehr begrenzt war und erst im August begann, aber dafür hält die Hitze sowie Dürre schon seit Monaten an. 

Und diese Verbindung von Hitze und Dürre macht es so gefährlich?

Ganz genau, besonders für die Landwirtschaft. Die Bauern klagen ja aktuell über Einbußen bis zu 80 Prozent.

Der Bauernverband rechnet mit der schlechtesten Ernte des Jahrhunderts und fordert eine Milliarde Hilfe vom Bund aufgrund von Ernteausfällen. Ist das erst der Vorgeschmack darauf, worauf sich die Bundesregierung in den nächsten Jahren häufiger einstellen muss?

Ja, natürlich. Das kommt ja jetzt nicht aus heiterem Himmel. Das hat sich über viele Jahre angedeutet. Es sind ja nicht nur Trockenheit und Hitze, sondern auch das Gegenteil wie starke Regenfälle. Auf Dauer kann der Staat das nicht schultern und alle Betroffenen entschädigen. Da ist jeder in der Verantwortung. Andere Branchen, die nicht zur Landwirtschaft zählen, müssen auch mit solchen Situationen umgehen. In der Bauwirtschaft zum Beispiel gibt es auch keine Hilfe. Deshalb müssen die Landwirte umdenken und in guten Zeiten Vorsorge treffen, damit in schlechten Reserven vorhanden sind, so wie es bei jeder anderen Firma auch ist.

Sie meinen, die Landwirtschaft macht es sich zu einfach, indem sie sich jetzt auf die Unterstützung der Bundesregierung verlässt?

Ja, genau. Man muss sich halt langfristig an die Klimawandel anpassen, denn der kommt nicht erst noch, sondern ist schon längst da. Dafür gibt es diverse Indikatoren: Hitzetage nehmen zu, Tropennächte nehmen ebenso zu wie Starkregentage, und Frosttage nehmen ab. Bei Einzelfällen wie den Flutkatastrophen vor einigen Jahren kann die Regierung sicherlich unter die Arme greifen, aber bestimmt nicht jedes Jahr. 



Müssen auch die privaten Haushalte ihr Verhalten überdenken? Schließlich melden Kläranlagen jetzt schon, dass sie mit der Wasseraufbereitung nicht hinterher kommen und bitten daher auch darum, auf Autowaschen oder Gartenwässerung zu verzichten. 

Selbstverständlich. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, wenn ein Hausbesitzer bei diesem Wetter seinen Garten sprengt. Der Rasen sieht zwar nicht schön aus, das ist aber nicht wichtig. Es ist auch nicht wichtig, sein Auto zu waschen. Wenn freiwillige Appelle nicht reichen, und da bin ich mir ziemlich sicher, weil das bringt nämlich nie etwas, dann muss man Ordnungsgelder verhängen und zwar drastische. Damit sich die Menschen auch daran halten. 

Wie viel müsste man denn ansetzen, damit es auch wirklich weh tut?

Das ist ganz unterschiedlich. Bei Herrn Ackermann geht das wohl erst ab 50 Millionen Euro los, bei anderen vielleicht schon ab 100 Euro. Aber der Mensch reagiert nun mal nur auf Druck. 

Wo muss die Bundesregierung denn jetzt aktiv handeln, um in Zukunft noch Schlimmeres zu verhindern?

Es gibt drei große Bereiche, die wichtig sind: der Energiebereich, der Verkehrsbereich und der Agrarbereich. Bei der Energiewende kommen wir einfach nicht voran. Auch wenn wir bereits Treibhausgase einsparen, ist das noch lange nicht genug. Wir müssen einfach schneller raus aus der Braunkohle. Das ist ein wichtiger Faktor bei den CO2-Emissionen. Wir reden seit Jahrzehnten darüber, und jetzt stehen wir fast mit dem Rücken zur Wand. Man scheut sich davor, die Werke zu schließen, weil es nahezu der einzige Arbeitgeber in den betreffenden Regionen ist, obwohl man sie faktisch eigentlich nicht mehr braucht zur Energiegewinnung. Wir exportieren ja sogar Strom. 

Beim Verkehrsbereich geht eigentlich alles in die falsche Richtung. Es werden immer mehr und größere Autos, mehr Güterverkehr auf der Straße als auf der Schiene. Da muss es mehr in Richtung E-Mobilität gehen. 

Im Agrarbereich, auch wenn viele das nicht hören wollen, muss man sich einfach eingestehen, dass Massentierhaltung nicht mehr zeitgemäß ist. Sie verpulvert einfach zu viele Ressourcen. Hinzu kommt die Gülle-Problematik, wodurch das Grundwasser verseucht wird. Das kann so nicht weitergehen. Am Ende des Tages braucht man einfach nicht so viel Fleisch und lebt auch noch gesünder.

Was würden Sie sich nun von der Bundesregierung als konkreten Schritt wünschen, um auf diese Hitzewelle sowie bedrohlichen Zukunftsaussichten zu reagieren?

Wichtig wäre, dass man nicht einfach das 40-Prozent-Ziel aufgibt. Die Bundesregierung hatte ja angekündigt, dass Deutschland seinen Ausstoß von Treibhausgasen bis 2020 um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 reduzieren wollte. Jetzt sind wir bei knapp 30 Prozent und man hat einfach gesagt, dass das Ziel zu ambitioniert gewesen sei. Es muss jetzt alles getan werden, um dieses Ziel einzuhalten, und da kommen wir eben wieder zur Braunkohle. Deshalb müssen wenigstens die Schmutzigsten davon zügig abgestellt werden. 


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