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23.07.2018, 12:14 Uhr zuletzt aktualisiert vor KOMMENTAR

Özils Brief, eine Warnung für Deutschland

Kommentar von Burkhard Ewert

Mesut Özil - nicht deutsch genug, um für Deutschland zu spielen? Andere Spitzensportler werden sogar eingebürgert, um Medaillen zu holen. Foto: Odd Andersen/AFPMesut Özil - nicht deutsch genug, um für Deutschland zu spielen? Andere Spitzensportler werden sogar eingebürgert, um Medaillen zu holen. Foto: Odd Andersen/AFP

Osnabrück. Mesut Özils Brief ist eine Warnung, die über ihn und seinen Fall hinaus weist. Nur eine unfreie, eine vergiftete, ja, eine prätotalitäre Gesellschaft verlangt von ihren Mitgliedern die politisch-moralische Gleichschaltung und damit das Gegenteil von Integration. Ein Kommentar.

Mesut Özils Brief ist aufrichtig, persönlich und an vielen Stellen schmerzhaft nachvollziehbar. Der Fußballer wird ihn nicht alleine verfasst haben, aber er erzählt offen von seinem Leben und seinen Empfindungen als Migrant in Deutschland. Das ist kein Gejammer, sondern trifft überwiegend ins Schwarze. Die Reaktionen beweisen, wie sehr er recht hat: Kritiker entziehen Özil demonstrativ das Deutschtum, weil er keine Selbstkritik übt und sich nach wie vor nicht vorbehaltlos zu Deutschland bekennt und das Land daher, ja was – verrät?

Kategorie von Nationalismus

Ist es diese Kategorie von Nationalismus, die hier greift? Ist Özil nicht (mehr) deutsch genug, um für Deutschland zu stehen? Manche Sportler werden eingebürgert, sogar unter Verzicht auf den obligatorischen Sprachtest, wenn nur eine Medaille winkt. Özil aber würden manche, obwohl in Gelsenkirchen geboren, am liebsten wieder ausbürgern. Diese Doppelmoral ist schwer zu ertragen. Genannt sei nur die frühere Schule, die ihren Spross nicht mehr willkommen heißen wollte: wie kleinkariert, wie selbstgerecht, wie erbarmungslos.

Özil ist zudem nicht alleine. Er hat lediglich den Mut und die Mittel, unter großer Aufmerksamkeit auszusprechen, was er und andere Migranten empfinden, die sich noch so anstrengen können, ohne akzeptiert zu werden.

Nicht alle gleich

Integration heißt außerdem nicht, dass alle gleich sein müssen. Eher bedeutet sie das Gegenteil, nämlich dass Menschen verschiedenster Art und Prägung gut und friedlich zusammenleben. Dass einige Zuwanderer das nicht wollen oder können, ist ein gravierendes Problem. Das Ziel kann trotzdem nicht sein, binnen einer Generation seine Wurzeln zu verleugnen und von einem Gegenüber eben nicht die Integration, sondern die Unterwerfung zu fordern.

Denk- und Sprechverbote

Dieser Trend ist nicht auf den Fall Özil begrenzt, nicht einmal auf Zuwanderer. Ein gefühlt wachsender Teil Deutschlands ist stolz auf Denk- und Sprechverbote und fordert politische Korrektheit auf allen Ebenen ein. Ob Fußballer oder nicht, ob Glaube oder Ernährung, ob Migrant oder seit Generationen hier zu Hause: Es ist eine unfreie, eine vergiftete, ja, eine prätotalitäre Gesellschaft, die von ihren Mitgliedern politisch-moralische Gleichschaltung verlangt. Özils Brief ist eine Warnung, die über ihn und seinen Fall hinaus weist.

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