Adoptivkind versus Designerbaby in Deutschland Führen mehr künstliche Befruchtungen zu weniger Adoptionen?

Von Melanie Heike Schmidt

Der Traum vom eigenen Kind geht nicht immer problemlos in Erfüllung. Adoptionen sind mittlerweile weniger beliebt, was vermutlich auch daran liegt, dass die Reproduktionsmedizin immer erfolgreicher wird. Foto: dpaDer Traum vom eigenen Kind geht nicht immer problemlos in Erfüllung. Adoptionen sind mittlerweile weniger beliebt, was vermutlich auch daran liegt, dass die Reproduktionsmedizin immer erfolgreicher wird. Foto: dpa

Osnabrück. In Deutschland werden immer weniger Kinder und Jugendliche adoptiert. Zugleich werden hierzulande immer mehr sogenannte Reagenzglasbabys geboren. Wie hängt das zusammen?

Schätzungsweise sechs Millionen Frauen und Männer in Deutschland sind ungewollt kinderlos, ein Umstand, der vielen Betroffenen auf der Seele lastet. Trotz dieser beeindruckend hohen Zahl schrumpft in Deutschland jedoch die Zahl der Adoptionen. Während im Jahr 2006 in Deutschland noch 4748 Kinder und Jugendliche adoptiert wurden, waren es 2016 nur noch 3976 Kinder, ein Rückgang von mehr als 16 Prozent. Auch das Interesse potenzieller Eltern sinkt: Waren es vor zwölf Jahren noch 9154 Paare, die sich für eine Adoption beworben haben, beteiligten sich 2016 nur noch 5266 Paare am Verfahren (minus 42 Prozent). Zugleich wächst die Zahl der Heimkinder im Land: Lebten im Jahr 2008 noch rund 58.000 Kinder und Jugendliche im Heim oder in einer betreuten Wohngruppe, waren es im Jahr 2016 mehr als 95.000 – das ist ein Plus von 63 Prozent.

Mehr als 20.000 Babys nach künstlicher Befruchtung

Parallel dazu registrieren Forscher in aller Welt und auch in Deutschland stetig steigende Zahlen bei Fruchtbarkeitsbehandlungen. 2015 überstieg die Zahl der Geburten, die nach einer künstlichen Befruchtung erfolgten, in Deutschland erstmals die 20.000-er Marke, Tendenz weiter steigend. Zehn Jahre zuvor waren es noch halb so viele. Viele Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch holen sich auch Hilfe im Ausland, etwa weil in Deutschland Behandlungen wie die Eizellenspende verboten sind – mit dem Effekt, dass in Ländern wie Tschechien oder Dänemark Kliniken für Reproduktionsmedizin boomen und die Zahl der Reagenzglaskinder hierzulande noch weiter ansteigt.

Immer weniger Adoptionen, immer mehr künstlich erzeugte Kinder – hängen die Phänomene zusammen? Forscher vermuten das, auch das Bundesfamilienministerium hält es für wahrscheinlich, empirisch belegbar ist es bislang nicht.

Rund 200.000 ungewollt kinderlose Frauen suchen pro Jahr ärztlichen Rat, mehr als 60.000 begeben sich in eine körperlich teils belastende, auch kostspielige Fruchtbarkeitsbehandlung in der Hoffnung, dass sich doch noch eigener Nachwuchs einstellt. Wäre eine Adoption nicht der einfachere Weg?

Der lange Weg zum Adoptivkind

Eher nicht. Zwar ist eine Adoption für Eltern mit Kinderwunsch finanziell meist günstiger, doch die bürokratischen Hürden sind hoch und abschreckend, die Wartezeit kann Jahre dauern. Während zum Beispiel Ärzte an ihre Schweigepflicht gebunden sind, müssen sich potenzielle Adoptiveltern in dem Bewerbungsverfahren tief in ihre Privatsphäre hineinblicken lassen: Sind die Finanzen geregelt? Ist die Beziehung stabil und glücklich? Wie war die eigene Kindheit? Gibt es Schufa-Einträge? Ist das polizeiliche Führungszeugnis einwandfrei? All das sind Fragen, die im aufwendigen Bewerbungsverfahren geklärt werden. Auch die vermeintliche Aussicht auf ein eigenes „Designerbaby“ – schön, gesund, intelligent – lockt viele eher zur Reproduktionsmedizin, als dass sie sich den Stress eines möglicherweise traumatisierten, verhaltensauffälligen Adoptivkindes antun würden. Frei nach dem Motto: Sie wünschen sich ein Kind, aber keine zusätzlichen Probleme.

Mit 40 zu alt?

Das Alter der Betroffenen ist ebenfalls ein Kriterium. Zwar gibt es für Adoptiveltern kein festgelegtes Höchstalter, doch es sollte „im Verhältnis zu den Kindern einem natürlichen Abstand entsprechen“, formuliert es das Familienministerium. In der Praxis haben ältere Paare kaum Chancen. Gleiches gilt für alleinstehende Frauen, denn Adoptionen sind Paaren vorbehalten. Für künstliche Befruchtungen gilt in Deutschland allerdings auch eine Altersgrenze, Frauen dürfen nicht älter als 40 Jahre sein. Diese Gemengelage führt dazu, dass insbesondere ältere und alleinstehende Frauen mit Kinderwunsch Hilfe in Ländern suchen, in denen es kein Höchstalter für diese Behandlungen gibt und wo Eizellenspenden und Fruchtbarkeitsbehandlungen für Singles legal sind. Dass die Reproduktionsmedizin insgesamt immer erfolgreicher wird, tut ein Übriges. Im Schnitt ist heute jede vierte Behandlung ein Erfolg, je jünger die Frau, desto höher die Chance, dass es klappt.

Was bedeutet das für die Heimkinder?

Im sehr pragmatischen Vergleich Adoption versus Reagenzbaby schneidet die Reproduktionsmedizin aus genannten Gründen also besser ab. Und was bedeutet das nun für die vielen Heimkinder und Jugendlichen in betreuten Wohngruppen? Sind sie die Leidtragenden, weil immer weniger Paare zur Adoption bereit sind? Nein, sagt Werner Schipmann, Diplom-Pädagoge und Fachreferent des Bundesverbands privater Träger der freien Kinder-, Jugend- und Sozialhilfe (VPK): „Die Vorstellung, dass Kinder und Jugendliche, die aus ihren Familien in ein Heim oder eine Wohngruppe kommen, Tag und Nacht darauf warten, adoptiert zu werden, ist falsch und gehört eher in den Bereich der Fantasie von Filmemachern. Das, was diese Kinder sich wirklich wünschen, ist eine Rückkehr in ihre eigene Familie, so schrecklich die Erlebnisse dort auch gewesen sein mögen.“ Schipmann begründet dies mit der grundsätzlich engen Bindung von Kindern zu ihren leiblichen Eltern.

Trend zum Traum-Kind

Diese besondere Bindung ist vermutlich ein weiterer Grund dafür, weshalb es ungewollt kinderlose Paare stärker in Kinderwunschzentren zieht als zur Adoptionsberatung. Ein selbst ausgetragenes Kind, selbst wenn es im Reagenzglas gezeugt wurde, symbolisiert den Traum vom „eigen Fleisch und Blut“ mehr als ein Kind fremder Eltern es könnte. Es ist zu erwarten, dass dieser Trend sich fortsetzt.


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