Einer der 69 nach Kabul Abgeschobenen Nach Suizid eines Afghanen: Vater erhebt Vorwürfe gegen deutsche Behörden

Von dpa und Lorena Dreusicke

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Menschen gedenken vor dem Bundesinnenministerium mit einem symbolischen Sarg Dschamal Nasser M., der sich nach seiner Abschiebung in Kabul das Leben genommen hat. Foto: dpa/Arne Immanuel BänschMenschen gedenken vor dem Bundesinnenministerium mit einem symbolischen Sarg Dschamal Nasser M., der sich nach seiner Abschiebung in Kabul das Leben genommen hat. Foto: dpa/Arne Immanuel Bänsch

Masar-i-Scharif. Deutschland trage eine Mitschuld am Tod des Dschamal S., meint die Familie des jungen Afghanen, der sich kurz nach seiner Abschiebung erhängt hat.

Selbstmord gleich nach der Abschiebung: Am 11. Juli war bekannt geworden, dass sich einer der 69 afghanischen Asylbewerber des jüngsten Abschiebeflugs aus Deutschland in der afghanischen Hauptstadt Kabul erhängt hat. Einen Tag zuvor hatte Seehofer mit verschmitztem Gesicht und einem launigen Spruch zu den Abschiebungen gesagt: "Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 – das war von mir nicht so bestellt – Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden. Das liegt weit über dem, was bisher üblich war." Den Tod des Mannes bedauere er, sagte Seehofer später.

Die Eltern des 23-jährigen Dschamal M. sehen eine Mitschuld der deutschen Behörden am Schicksal ihres Sohnes. Reporter des Magazins "Der Spiegel" besuchten Dschamal M.s Familie in Masar-i-Scharif. In ihrem Bericht sagt der Vater Khowja S.: "Deutschland trägt eine Mitschuld am Tod von Jamal, denn es war bekannt, dass er depressiv war." Die Behörden hätten den späteren Suizid seines Sohnes "in Kauf genommen", um hartes Durchgreifen zu simulieren, so der Vorwurf des 76-Jährigen. Über den Vorgang hätte man überdies die Familie informieren müssen, meint der Vater.

Acht Jahre in Deutschland gelebt

Die Familie habe Dschamal 2010 ins Ausland geschickt, weil er im Dorf in der Provinz Fariab, wo die Familie ursprünglich herstammt, den Taliban aufgefallen sei, sagte Dschamals Bruder. Die Familie sei nach Balch gezogen. "Dann haben wir Dschamal für immer weggeschickt" – eines von Zehntausenden afghanischen Kindern, deren Eltern sie meistens aus mehreren Gründen Richtung Europa schmuggeln ließen. "Wir hofften, dass Dschamal eine Ausbildung in Deutschland macht oder studiert", sagte der Vater dem "Spiegel". Eigentlich hätte er nach Norwegen weiterreisen sollen, weil dort Verwandte leben, doch als er sich in München registrierte, habe ihm der Vater geraten, in Deutschland zu bleiben.

Die Hamburger Jahre von Dschamal M. liegen noch weitgehend im Dunkeln, aber irgendwann fing er an, sich von seiner Familie zu distanzieren. 2014 muss er Sozialstunden ableisten wegen Schwarzfahrens und Diebstahl. Nach einem mutmaßlichen Raub entschieden die Behörden ihn abzuschieben. 

Dschamal habe unter psychischen Problemen gelitten. Ehemalige Mitbewohner sagten dem "Spiegel", dass Dschamal M. "depressiv und verwirrt" gewirkt habe. Im Frühjahr 2018 sei er in psychologischer Behandlung gewesen. Nach rund acht Jahren in Deutschland war Dschamal M. dann am 3. Juli aus Hamburg abgeschoben worden. Kurz nach der Ankunft in einem Hotel in Kabul hat er sich erhängt. Zehn Tage später hat seine Familie den jungen Mann in Nordafghanistan beerdigt.


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