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Verena Bentele im Interview VdK verlangt Pflegegeld ähnlich wie Elterngeld

Von Uwe Westdörp


Osnabrück. Mehr Stellen und bessere Arbeitsbedingungen in der professionellen Pflege, aber auch mehr Anerkennung und Unterstützung für pflegende Angehörige: Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, drängt im Interview auf schnelle Verbesserungen. „Jeder Tag zählt“.

Mit Blick auf Angehörige, die sich um Pflegebedürftige kümmern, sagte Bentele, Pflege müsse endlich denselben Stellenwert bekommen wie Kindererziehung. Sie forderte: „Eine Lohnersatzleistung wie das Elterngeld brauchen wir auch in der Pflege.“

Mit dem Elterngeld unterstützt der Staat junge Väter und Mütter. Einkommen zwischen 1.000 und 1.200 Euro werden vorübergehend zu 67 Prozent ersetzt, Einkommen von 1.220 Euro zu 66 Prozent und Einkommen von 1.240 Euro und mehr zu 65 Prozent. Der Höchstbetrag liegt bei 1.800 Euro im Monat.

Das Interview im Wortlaut:

Frau Bentele, seit Jahren wird in Deutschland über einen Pflegenotstand geklagt. Jetzt soll es ein Sofortprogramm zur Schaffung neuer Stellen geben, das allerdings erst Anfang 2019 in Kraft tritt. Hat die Bundesregierung die Dringlichkeit der Situation immer noch nicht voll erkannt?

Die Bundesregierung hat die Dringlichkeit zwar erkannt. Das hat aber nicht dazu geführt, dass auch schnell und konsequent gehandelt wird. Es ist seit Jahren bekannt, dass wir einen riesigen Pflegenotstand haben. Der Sozialverband VdK geht davon aus, dass wir 60.000 zusätzliche Stellen in der Alten- und Krankenpflege benötigen. Da wünsche ich mir, dass die Gesundheitsminister sofort reagieren und nicht erst 2019. Wir haben jetzt die Probleme, dass in vielen Einrichtungen die Pfleger fehlen, dass es zu wenig ambulante Angebote gibt und zu wenig Kurzzeit-Pflegeplätze. Jeder Tag zählt.

Sie fordern 60.000 neue Stellen in der Pflege, andere Experten sogar 100.000. Die Bundesregierung will mit ihrem Sofortprogramm aber zunächst nur 13.000 zusätzliche Stellen schaffen - nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Das Sofortprogramm ist tatsächlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Es müssen dringend weitere Schritte folgen. Zwar weiß niemand ganz genau, wie viele Stellen wirklich fehlen. Vielleicht sind es sogar 100.000. Es fehlen aber auf jeden Fall viele Stellen. Das ist ein dringendes Signal, endlich mehr zu tun bei den Pflegekräften und damit natürlich auch für die Pflegebedürftigen.

Wenn man sich das Sofortprogramm im Detail anschaut: Was ändert sich für die einzelne Pflegekraft, wenn es bei 40 Bewohnern in Altenpflegeheimen eine halbe zusätzliche Stelle gibt und bei 81 bis 120 Bewohnern 1,5 zusätzliche Stellen?

Es ändert sich, dass man im Einzelfall ein paar Minuten mehr Zeit hat für die zu Pflegenden. Eine echte Verbesserung ist das noch lange nicht. Die Arbeitsbedingungen müssen grundlegend verbessert werden – auch damit Pflegerinnen und Pfleger ihren Job länger ausüben können und nicht vorzeitig aus dem Job ausscheiden.

Wie lange bleiben Pflegekräfte denn in der Regel im Job?

Die Verweildauer im Beruf in der Alten¬pflege ist mit etwa 12,7 Jahren niedrig. Auch das zeigt: Der Job ist extrem anstrengend, sowohl körperlich als auch psychisch.

Wie schlimm ist die Situation für die ganz alten Menschen? Diakonie-Präsident Ulrich Lilie mahnt schon, der assistierte Suizid könnte für viele zur „Alternative“ werden. Klingt dramatisch…

Die Lage ist in jedem Fall sehr ernst, gerade bei den sehr alten Menschen. Das muss sich dringend ändern. Eine Gesellschaft wie unsere muss in jeder Phase eine gute Teilhabe und ein Leben in Würde ermöglichen. Wir alle haben ein Recht auf ein gutes Leben, das ist nicht verhandelbar. Es kann nicht sein, dass man Menschen, die einen großen Beitrag geleistet haben für unseren Wohlstand, die einen großen Beitrag geleistet haben durch die Erziehung von Kindern, am Ende im Stich lässt.

Was halten Sie davon, Pflegerinnen und Pfleger mit Prämien zu locken? Der Pflegebeauftragte Westerfellhaus schlägt 5000 Euro für Berufsrückkehrer vor und 3000 Euro für Berufseinsteiger.

Das könnte eine Maßnahme sein, allerdings nur eine von vielen. Mir fehlt dabei aber der Hinweis, dass die Kosten für die Prämien nicht die zu Pflegenden zahlen müssen. Die Anwerbung zusätzlicher Pflegekräfte muss über Steuern finanziert werden.

Was muss außerdem geschehen, damit mehr Menschen den Beruf der Pflegerin/des Pflegers ergreifen?

Dringend notwendig ist, dass die Ausbildung endlich überall kostenlos wird; Schulgeld hat viele junge Menschen abgeschreckt. Zweitens muss es eine deutlich bessere Bezahlung geben, und zwar bei allen Arbeitgebern. Drittens brauchen die Pflegerinnen und Pfleger mehr Zeit, sich um die Menschen zu kümmern. Wir müssen ihnen das Gefühl nehmen, der Aufgabe nicht gerecht zu werden. Viertens muss es Entlastungsangebote für die Pflegekräfte geben. Ich denke da unter anderem an Gesundheitsförderprogramme. Und schließlich sollten Pflegekräfte ihr Berufsbild mitbestimmen können und wir sollten ihnen mehr Kompetenzen geben, Dinge zu tun, die sie gelernt haben.

Wie steht es um das gesellschaftliche Verständnis für das Thema Pflege?

Pflege findet meist noch im Verborgenen statt und genießt nicht die Anerkennung, die die immens fordernde und wichtige Tätigkeit verdient. Das spiegelt sich auch im Gehalt der Pflegekräfte wider. Eine ganz wichtige Gruppe sind die pflegenden Angehörigen. Ohne ihren Einsatz würde die Pflege in Deutschland zusammenbrechen. Die Angehörigenpflege ist zwar für den Steuer- und Beitragszahler kostengünstig. Den Preis dafür zahlen oft die pflegenden Angehörigen, sie sind hoch belastet, geben ihren Beruf auf, verzichten auf Einkommen und müssen mit niedrigen Renten auskommen. Deshalb brauchen wir dringend mehr Unterstützung und Entlastungsangebote für pflegende Angehörige. Außerdem muss Pflege endlich denselben Stellenwert bekommen wie Kindererziehung. Eine Lohnersatzleistung wie das Elterngeld brauchen wir auch in der Pflege.