Erstes Statement des Weißen Rings NSU-Prozess: "Weitere Ermittlungen vom Staat absolut unverzichtbar"

Von Tobias Bosse

Nach dem Urteil im NSU-Prozess am vergangenen Mittwoch demonstrierten Tausende gegen ein Ende der Ermittlungen und forderten lückenlose Aufarbeitung, wie hier bereits 2011 in einem Schweigemarsch in Hamburg.  Foto: dpaNach dem Urteil im NSU-Prozess am vergangenen Mittwoch demonstrierten Tausende gegen ein Ende der Ermittlungen und forderten lückenlose Aufarbeitung, wie hier bereits 2011 in einem Schweigemarsch in Hamburg. Foto: dpa

Hamburg. Nach dem Urteil im NSU-Prozess sind viele Hinterbliebene enttäuscht. Auch der Weiße Ring fordert nun weitere Ermittlungen vom Staat.

Was vor knapp 18 Jahren mit dem Mord an Enver Şimşek, einem Blumenhändler aus Nürnberg, begann, ist durch das Urteil im NSU-Prozess am vergangenen Mittwoch noch lange nicht vorbei. Zumindest nicht für die Hinterbliebenen der Opfer wie Şimşeks Sohn Abdulkerim. Er war damals 13 Jahre alt, als sein Vater zum ersten von insgesamt zehn Todesopfern der rechtsextremen Terrorgruppe NSU wurde. Heute ist Abdulkerim Nebenkläger im Prozess gegen Beate Zschäpe und die mutmaßlichen NSU-Helfer. 

Trotz der, rein juristisch betrachtet, harten Strafe gegen Beate Zschäpe (lebenslange Haft mit besonderer Schwere der Schuld), Ralf Wohlleben (zehn Jahre Haft) sowie Haftstrafen für André Eminger, Holger Gerlach und Carsten Schultze, sind viele Angehörige der NSU-Mordopfer enttäuscht: „Wir möchten, dass ein Gericht in Deutschland feststellt, dass der Staat versagt hat“, sagte die Anwältin der Familie des ersten NSU-Opfers Enver Simsek, Seda Basay, am Donnerstag in Berlin.


Weitere Ermittlungen seitens des Staates sind absolut unverzichtbar, um die gesamten Vorgänge zu erfassen und aufzuklären. Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des Weißen Rings


Das sieht der Weiße Ring, Gemeinnütziger Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern, ähnlich: „Für Opfer und Angehörige ist es ungemein wichtig, dass eine Straftat restlos aufgeklärt wird. Dass sich der Staat mit allen Mitteln bemüht, Unrecht aufzuarbeiten und Täter zur Verantwortung zu ziehen. Nur so können Opfer und Angehörige das Geschehene richtig verarbeiten und Schritt für Schritt wieder in ein normales Leben finden", sagt Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des Weißen Rings gegenüber unserer Redaktion. 

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"Kein Schlussstrich!" Das forderten auch tausende Demonstranten in mehreren deutschen Städten am Mittwoch im Anschluss an das Urteil im NSU-Prozess. Der NSU sei nicht zu Dritt gewesen, ließen sie wissen. Auch Bianca Biwer mahnt davor, den Urteilsspruch als Ende der Aufklärung zu verstehen: "Hier sind nach wie vor Tatsachen unklar. Immer noch ist beispielsweise nicht bekannt, was es mit Hintermännern auf sich hat und welche Dimensionen das Thema NSU damit hat. Mit dieser Unklarheit zu leben, ist für die Angehörigen unerträglich."



Insbesondere die Rolle des Verfassungsschutzes müsse in diesem Zusammenhang aufgearbeitet werden, fordern auch Politiker wie Anton Hofreiter, Fraktionschef der Grünen im Bundestag: "Der Verfassungsschutz hat die Aufklärung behindert und nicht dazu beigetragen." Auch die Bundesgeschäftsführerin des Weißen Rings sieht den Staat nun in der Bringschuld: "Weitere Ermittlungen seitens des Staates sind absolut unverzichtbar, um die gesamten Vorgänge zu erfassen und aufzuklären. Das ist man Opfern und Angehörigen schuldig.“