Sprachexperte im Interview "Flüchtlinge werden nicht mehr als Menschen wahrgenommen"

Von Tobias Bosse

Flüchtlinge aus Afrika auf dem Mittelmeer. Foto: Emilio Morenatti/AP/dpaFlüchtlinge aus Afrika auf dem Mittelmeer. Foto: Emilio Morenatti/AP/dpa

Hamburg. Parteien wie die AfD setzen auf eine "entmenschlichende" Sprache, sagt ein Experte für Diskurstheorie. Das hat Folgen.

In der Flüchtlingsdebatte geht es längst nicht mehr nur um Fakten, sondern vor allem auch um Emotionen. Das verdeutlichte zuletzt der Asylstreit zwischen CDU und CSU, der beinahe zur Auflösung der Regierung geführt hätte, obwohl es tatsächlich um lediglich eine handvoll Flüchtlinge pro Tag ging, die die CSU gerne direkt an der Grenze abgewiesen hätte. Wie einzelne Politiker gezielt versuchen, die Haltung der Menschen in Deutschland gegenüber Flüchtlingen zu beeinflussen, und welche Folgen das hat, erklärt Jannis Androutsopoulos, Professor für Germanistik, Medien und Kommunikation an der Universität Hamburg. 

Herr Androutsopoulos, die Flüchtlingsdebatte ist geprägt von Metaphern. Begriffe wie "Flüchtlingsstrom", "Flüchtlingswelle" oder "Asyltourismus" stellen Migration oft sehr bildhaft dar. Was hat das für gesellschaftliche Folgen?

Jannis Androutsopoulos: In Vorbereitung auf das Gespräch habe ich mir im Deutschen Referenzkorpus – das weltweit größte Archiv geschriebener, deutscher Gegenwartssprache – die Häufigkeit dieser Begriffe im Sprachgebrauch angesehen. Soziale Medien sind nicht darin vertreten, nur der öffentliche, journalistische Sprachgebrauch. Anhand dieser Zahlen lässt sich feststellen, wie sich der öffentliche Diskurs verändert. 

Bezogen auf die Wörter "Flüchtlingsstrom" und "Flüchtlingswelle" kann ein Rückfall in den Sprachgebrauch der 90er-Jahre festgestellt werden. Diese Wörter kommen in den 90er-Jahren in großem Umfang vor, während der 2000er-Jahre halbiert sich diese Zahl und fächert sich wieder aus in den 2010er-Jahren. Die Verwendungshäufigkeit steigt also signifikant an und hat sich heute im Vergleich zu den 2000er-Jahren verfünffacht.

Im Gegensatz dazu ist "Asyltourismus" ein relativ neues Wort, das jetzt in Fahrt kommt. Die Häufigkeit der Verwendung nimmt allerdings rasant zu. 

Es kann ein Rückfall in den Sprachgebrauch der 90er-Jahre festgestellt werden.Jannis Androutsopoulos


Was bewirkt dieser metaphorische Sprachgebrauch in der Öffentlichkeit?

Der Fachbegriff dafür ist "Framing". Das bedeutet, diese Metaphern ziehen einen Deutungsrahmen um diese sehr komplexen Sachverhalte herum und sollen sie so vereinfachen sowie erklärbar machen. Ein anderer Begriff, den wir in der Metaphertheorie benutzen, ist die "Projektion". Die Idee dahinter ist, dass bestimmte metaphorische Begriffe wie "Strom", "Welle" oder "Tourismus" benutzt werden, um der Öffentlichkeit eine bestimmte Deutung der Thematik zu suggerieren. 

Am Beispiel des Begriffs "Asyltourismus" ist es so: Wer Tourist ist, ist das nicht erzwungen, er könnte auch anderswo sein, er ist freiwillig hier und er verfügt über eigene Ressourcen wie Geld, so dass er nicht finanziert werden muss. Durch diese Gleichstellung der Geflüchteten mit Touristen soll ihnen die Berechtigung auf Unterstützung entzogen werden. Genau solche Gedanken werden durch die Metapher "Aysltourismus" beim Rezipienten projiziert. 

Die Projektion aus diesen wasserbezogenen Metaphern, was als "Strom" oder "Welle" bezeichnet wird, sind Naturgewalten und gegen Naturgewalten muss man etwas unternehmen. Man muss sie eindämmen, bändigen oder aufhalten. Also projiziert die Metapher das Bedürfnis zu handeln. Das heißt, verteidigen oder abwehren. 



Und wie wirkt sich das auf die gesellschaftliche Wahrnehmung von Flüchtlingen aus?

Diese Metaphern kommen einer Entmenschlichung gleich. Denn dadurch wird der Mensch nicht mehr individuell wahrgenommen, sondern als Menge, Naturphänomen oder Tier. Diese Vergleiche sind auch in der Vergangenheit immer wieder benutzt worden, um bestimmte Menschen nicht als menschlich darzustellen. Gleichzeitig ist es so, dass diese Wörter in den Wortschatz übergehen und automatisiert werden. Deshalb werden sie nicht mehr so oft als Metapher wahrgenommen, wenn wir nicht ausdrücklich darauf hingewiesen werden. 

Insofern sehe ich diese Verrohung und Entmenschlichung im öffentlichen Diskurs auf zwei Ebenen, die sehr kritisch beobachtet werden müssen. Die eine ist die, die wir gerade bei der AfD und Pegida erleben. Das neue Begriffe wie "Flüchtlingsschwemme" oder "Asylschmarotzer" innerhalb dieser Metaphern erschaffen werden. Hier kann man eine Absicht unterstellen. Denn wer neue Begriffe prägt, die in dieselbe Kerbe schlagen, der tut das absichtlich und will diesen Deutungsrahmen provozieren.

Die andere Ebene ist das üblich werden, die Gewohnheit mit der diese Metaphern in den Sprachgebrauch aufgenommen werden. Was dazu führt, diese Menschen grundsätzlich nicht mehr individuell wahrzunehmen, sondern als Masse, Naturgewalten oder Tiere und so als Gesellschaft eine Ausgrenzung vorzunehmen. Beides muss kritisch bewertet werden.

Was ich sagen kann, ist, dass im Diskurs der AfD und AfD-nahen Organisationen wie Pegida diese aggressive und entmenschlichende Metaphorik Blüten treibt. Jannis Androutsopoulos

Wurde diese Dimension der Verrohung und Entmenschlichung in der Flüchtlingsdebatte bewusst von Personen herbeigeführt?

Das ist schwierig zu beantworten. Ja, es gibt Akteure, die polarisieren wollen. Die Polarisierung entsteht jedoch nicht durch den Einzelnen, sondern dadurch, dass alle auf diesen Zug mit aufspringen und weiter vorantreiben. 

Geht es in der Flüchtlingsdebatte überhaupt noch um die Sachfrage der Migration oder um eine andere Metaebene?

Bestimmten Akteuren geht es nur um Populismus, eine Abgrenzung zwischen uns und den anderen. Den Berechtigten und den nicht Berechtigten. Das ist eine Sekundärebene, die ich durchaus erkennen kann, vor allem in den sozialen Medien. Dort wird die gesamte Frage der Bewältigung von Migration auf die Abgrenzung zwischen Deutschen und den anderen reduziert. Dabei werden die Deutschen, die eine Gesellschaft haben, die durch Diversität gekennzeichnet ist, als ein homogener Block dargestellt und die Migranten ebenso.

Geschieht das auch in der Politik oder nur in sozialen Medien?

Wenn man sich den Masterplan "Migration" des Bundesinnenministeriums anschaut, erkennt man diese nicht ausreichende Differenzierung zwischen Migrant, Asylsuchenden und Geflüchteten. Dadurch werden alle Migranten ins gleiche Licht gestellt. Es wird nicht unterschieden zwischen wirtschaftlich Getriebenen und politisch Verfolgten. 


Horst Seehofer präsentiert seinen Masterplan "Migration". Foto: dpa


Wie stark schätzen sie die Auswirkung auf das Empathievermögen der Deutschen ein?

Ich sehe keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass man vom öffentlichen Sprachgebrauch einen direkten Schluss auf Empathie ziehen kann. Was man aber in der Diskursforschung erkennen kann, ist, dass der öffentliche Diskurs Auswirkungen auf die Einstellung von Menschen hat. Nicht alle, aber viele Menschen neigen dazu, Haltungen zu übernehmen, die sie von Politik oder Medien vorgesetzt bekommen.

Konkret auf das Beispiel "Asyltourismus" bezogen, kann das bedeuten, dass Menschen, die mit dem Begriff konfrontiert sind, der Meinung sind, Asylsuchende haben kein Recht auf Unterstützung. Diesen Zusammenhang kann man wissenschaftlich nachweisen. Aber nicht alle Deutschen sind gleich, das muss auch klar gestellt werden.

Wie bewerten Sie die Rolle der Medien in diesem Zusammenhang?

Die Rolle der Medien ist vielfältig. Medien sind ein Multiplikator für solche Metaphern. Dabei muss aber unterschieden werden. Manche Medien sind Verfechter solcher Metaphoriken, treiben sie also aktiv voran. Gleichwohl fungieren andere Medien wiederum als Warnsysteme, die aufzeigen, dass eine Schwelle im Sprachgebrauch überschritten wird. 

Hat dieser Diskurs den Aufschwung der AfD sowie den Rechtsruck in Deutschland begünstigt?

Das ist eine politische Frage, die ich nicht hinreichend beantworten kann. Was ich sagen kann, ist, dass im Diskurs der AfD und AfD-nahen Organisationen wie Pegida diese aggressive und entmenschlichende Metaphorik Blüten treibt. Sie wird also gezielt von den Verantwortlichen voran getrieben.