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Einer von Seehofers 69 Aus Deutschland abgeschobener Afghane erhängt sich in Kabul

Von dpa

Im Terminalbereich des Münchner Flughafens kam es vergangene Woche zu Protesten gegen den Abschiebeflug nach Kabul. Foto: Imago/Michael TrammerIm Terminalbereich des Münchner Flughafens kam es vergangene Woche zu Protesten gegen den Abschiebeflug nach Kabul. Foto: Imago/Michael Trammer

Kabul. Horst Seehofer freute sich darüber, dass an seinem Geburtstag 69 Personen abgeschoben wurden. Einer der Betroffenen nahm sich nun das Leben.

Eine Woche nach seiner Abschiebung aus Deutschland hat sich ein junger Afghane in Kabul erhängt. Dessen Abschiebung hatten zwar die Behörden in Hamburg angeordnet – trotzdem erhöht sich durch den Suizid des 23-Jährigen der Druck auf Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). 

Seehofer äußerte sich am Mittwoch betroffen über den Tod des Mannes. "Das ist zutiefst bedauerlich, und wir sollten damit auch sachlich und rücksichtsvoll umgehen", sagte Seehofer am Mittwochabend in Innsbruck. Der Flüchtling sei dem Innenministerium von der Stadt Hamburg für die Abschiebung gemeldet worden. "Die Bundesländer führen uns diese Personen zu, und wir unterstützen die Bundesländer bei diesen Abschiebungen." Man müsse die Hamburger Behörden fragen, "warum sie diese Person vorgeschlagen haben".

Am Mittwoch war bekannt geworden, dass sich einer der 69 afghanischen Asylbewerber des jüngsten Abschiebeflugs aus Deutschland in der afghanischen Hauptstadt Kabul das Leben genommen hat. Einen Tag zuvor hatte Seehofer mit verschmitztem Gesicht und einem launigen Spruch zu den Abschiebungen gesagt: "Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 – das war von mir nicht so bestellt – Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden. Das liegt weit über dem, was bisher üblich war." Mehrere Politiker forderten den Rücktritt Seehofers als Innenminister.

Seinen Tonfall bedauerte Seehofer am Mittwoch nicht: "Das wusste ich gestern nicht. Das ist heute in der Früh bekannt geworden", sagte er über den Selbstmord des Asylbewerbers. Er, Seehofer, habe am Dienstag gesagt: "Wie das Leben oft so spielt. Hab sogar noch dazu gesagt: Nicht organisiert. Und dann wird da etwas draus gemacht."

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Toter Afghane war ein Einzelgänger

Der tote Afghane wurde am Dienstag in einer von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zur Verfügung gestellten vorübergehenden Unterkunft in Kabul aufgefunden, sagte ein hochrangiger Mitarbeiter des Flüchtlingsministeriums in Kabul der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch. Der Mann aus der nordafghanischen Provinz Balkh sei 23 Jahre alt gewesen und habe acht Jahre lang in Deutschland gelebt, bevor er abgeschoben worden sei.

Eine Quelle aus dem Kabuler Büro der IOM bestätigte die Darstellung. Man untersuche den Vorfall noch. Der Mann sei im Spinsar-Hotel gefunden worden, wo die IOM rückkehrenden Flüchtlingen, die nicht wissen wohin, für einige Tage Unterkunft gewährt.

Nach Angaben des Bundesinnenministeriums (BMI) und aus dem Flüchtlingsministerium in Kabul hatte der junge Mann in Hamburg gelebt. Ein BMI-Sprecher sagte, er sei wegen Diebstahls und Körperverletzung mehrfach rechtskräftig verurteilt worden. Afghanische Behörden hätten dem BMI am Mittwoch bestätigt, dass es sich um Suizid handele. Die geschilderten Umstände deuteten stark darauf hin.

Ein Foto, das angeblich aus dem Hotelzimmer stammt, zeigte einen Toten mit bloßem Oberkörper an einem Seil hängend, am Boden ein Haufen Kleider. Der Zustand der Leiche könnte darauf schließen lassen, dass der Mann schon vor Dienstag gestorben war. Die Herkunft des Bildes konnte nicht unmittelbar unabhängig verifiziert werden.

Der Afghane war offensichtlich ein Einzelgänger. Ein anderer am 3. Juli zurückgebrachter Mann, der in derselben Übergangsunterkunft in Kabul lebt, sagte der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch: "Er hat mit niemandem gesprochen und war am liebsten mit sich alleine." Nach der Ankunft in Kabul habe er einmal um eine Zigarette gebeten, aber auch da habe er nicht reden wollen und sei nur unruhig herumgelaufen.

Im Spinsar-Hotel, in dem die Internationale Organisation für Migration (IOM) Abgeschobene unterbringt, die nicht wissen wohin, leben viele zu zweit in einem Zimmer. Er aber habe alleine gewohnt. "Ich habe Traurigkeit gesehen in den Augen von den Menschen hier nach seinem Tod", sagte der Bekannte des Toten. "Wir alle hier haben sowieso kein Glück. Aber er war ein Mensch, und er muss Träume gehabt haben, und dann hat nichts geklappt."

"Wer nach Afghanistan abschiebt, tötet" 

Mit dem jüngsten Abschiebeflug aus Deutschland hatten Bund und Länder mit 69 Passagieren ungewöhnlich viele abgelehnte Asylbewerber abgeschoben. Allein Bayern hatte 51 Menschen zurückgeschickt. 

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt mahnte: "Abschiebungen eignen sich nicht für Scherze." Bei Seehofer seien Entscheidungen über Menschenleben deshalb "in schlechten Händen". Unabhängig von den genauen Umständen dieses Falles sei die Verzweiflungstat eines jungen Menschen zu bedauern. "Es ist verantwortungslos, dass immer mehr Menschen nach Afghanistan in eine ungewisse Zukunft geschickt werden.»"

Flüchtlingsaktivisten von Pro Asyl und Bayerischem Flüchtlingsrat hatten kritisiert, dass die seit einem schweren Anschlag vor der deutschen Botschaft in Kabul geltende Selbstverpflichtung, nur Straftäter, terroristische Gefährder und sogenannte Identitätstäuscher abzuschieben, weggefallen sei.

Verschlechterte Sicherheitslage

Dem Bayerische Flüchtlingsrat zufolge standen beim jüngsten Flug auch Auszubildende, darunter ein Bäcker-Azubi, Berufsschüler und ein Mann in einem festen Arbeitsverhältnis auf der Abschiebeliste. Bei der Ankunft in Kabul hatte Ahmed Hussain, 28, aus der unsicheren Provinz Wardak der dpa erzählt, er habe sechs Jahre lang in Deutschland als Wächter und in Pizzarestaurants gearbeitet und Steuern gezahlt.

Die Organisation Pro Asyl ließ verlauten, der Tod des Mannes werfe "ein Schlaglicht auf die Brutalität" der Abschiebungspraxis. "Durch die Abschiebung in eine perspektivlose Lage und in ein Land, dessen Realität er kaum noch kennt, wurde der junge Mann offenbar in eine Lage getrieben, in der er keinen Ausweg mehr sah."

Die Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke forderte ein Ende der Abschiebungen nach Afghanistan. "Die Lage dort wird immer schlimmer, aber Deutschland weitet die Abschiebungen aus. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das tödliche Folgen hat", sagte die Innenpolitikerin der Linkspartei der dpa.

Die Abschiebungen sind wegen der sich rasant verschlechternden Sicherheitslage in Afghanistan umstritten. Die radikalislamischen Taliban lehnen Friedens- und Waffenstillstandsangebote ab und verschärfen ihre Angriffe auf Regierung, Sicherheitskräfte, Bezirks- und Provinzzentren. Sie kontrollieren nach Militärangaben mehr als 14 Prozent des Landes und kämpfen um weitere 30 Prozent. Die Terrormiliz Islamischer Staat verübt schwere Anschläge in urbanen Zentren.


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