Appell an Hausärzte Patientenschützer warnt vor Medikamenten-Cocktails

Von Marion Trimborn

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, warnt vor gefährlichen Medikamenten-Cocktails. Foto: Friso Gentsch/dpaDer Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, warnt vor gefährlichen Medikamenten-Cocktails. Foto: Friso Gentsch/dpa

Osnabrück. Jedes Jahr müssen 250 000 Menschen in Deutschland ins Krankenhaus, weil sie mit zu vielen oder falschen Medikamenten behandelt wurden, 50 000 Patienten sterben daran. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, appelliert an Hausärzte und Apotheker.

Hausärzte sollten beim Verschreiben mehrerer Medikamente besonders vorsichtig sein und riskante Medikamentenkombinationen vermeiden, sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, unserer Redaktion. „Die Hausärzte sind gefordert, damit Medikamente für Patienten nicht zu gefährlichen Cocktails werden“, warnte Brysch und fügte hinzu: „Auch Apotheker und Pflegekräfte sollten den Umgang mit Medikamentenkombinationen kritisch hinterfragen.“ In Pflegeheimen und Krankenhäusern, wo der Medikationsplan vorliege, sei es an der Tagesordnung, dass Patienten eine Vielzahl an Medikamenten erhielten.

50 000 Todesfälle jedes Jahr

Nach Angaben des Patientenschützers müssen rund 250 000 Menschen pro Jahr ins Krankenhaus, weil es Fehler bei der Medikation gab, 50 000 Patienten würden daran sterben. Besonders chronisch kranke und ältere Menschen nähmen häufig viele Medikamente ein, deren Kombination sie nicht vertragen würden. Fast zwei Drittel der Pflegebedürftigen erhielten dauerhaft fünf oder mehr Medikamente (sogenannte Polypharmazie). „Das sind über 1,72 Millionen Betroffene, für die ihre Medikamente zu einem gefährlichen Cocktail werden“, sagte Brysch. „Falsch kombinierte und zu viele Medikamente haben schlimme Folgen für Patienten und Pflegebedürftige. “ Dazu gehörten Blutdruckschwankungen, Erbrechen, Verwirrtheit, Schwindel oder sogar schwere Stürze.

Heimbewohner leiden oft unter Behandlungsfehlern

Studien belegten, dass sich das Sturzrisiko bei Heimbewohnern um das Vierfache erhöht, wenn sie fünf oder mehr Arzneimittel einnähmen. Brysch sagte: „Dabei wären diese zehntausende Behandlungsfehler leicht abzustellen.“ Selbst jeder Pflegeheimbewohner habe einen Hausarzt, der eine genaue Übersicht über die verschriebenen Medikamente hat. „Ihm müssen also die schädlichen Wechselwirkungen und für den Patienten ungeeignete Medikamente bekannt sein.“

Barmer stellt Arzneimittelreport vor

Am Donnerstag stellt die Barmer Ersatzkasse in Berlin den Barmer-Arzneimittelreport 2018 vor. Darin geht es um die Frage, wie sicher die Arzneimitteltherapie in Deutschland ist. Millionen Menschen nehmen täglich Medikamente ein, viele davon mehrere, weil sie unter mehreren Erkrankungen leiden. Mit jedem zusätzlichen Medikament steigt allerdings das Risiko für einen gefährlichen Cocktail, der im schlimmsten Fall tödlich sein kann. Die Kasse beklagt Sicherheitslücken, weil der Medikamentenmarkt sehr groß und unübersichtlich sei und den Patienten häufig wichtige Informationen fehlten, um riskante Wechselwirkungen abschätzen zu können.

Hunderte Todesfälle in Großbritannien

Vor wenigen Wochen war der Fall eines britischen Krankenhauses (War Memorial Hospitals in der südenglischen Grafschaft Hampshire) bekannt geworden, in dem innerhalb von zehn Jahren bis zu 650 Patienten starben, weil sie laut einer Untersuchung Medikamente (Opioide) ohne medizinische Rechtfertigung und in zu hohen Dosen erhalten hatten.

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