Serie „Plastikmüll – was tun? Alternativen zu Plastik: Sind Bio-Kunststoffe wirklich umweltfreundlicher?

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Mehrweg ist besser: In vielen Supermärkten gibt es bereits mehrfach verwendbare Netze für Obst und Gemüse. Foto: dpaMehrweg ist besser: In vielen Supermärkten gibt es bereits mehrfach verwendbare Netze für Obst und Gemüse. Foto: dpa

Osnabrück. In Teil sechs unserer Serie „Plastikmüll – was tun?“ stellen wir Alternativen zu herkömmlichem Plastik vor. Doch sind essbare Essbestecke, sich nach Gebrauch selbst kompostierende Wasserflaschen oder Kunststoffe aus Schlachtabfällen geeignet, das Problem zu lösen? Was hilft wirklich gegen die Müllflut? Eine Übersicht.

Je komplexer das Problem, desto einfacher können Lösungen aussehen. Dieser Satz passt perfekt zu der Erfindung, mit der der isländische Student Ari Jónsson vor knapp zwei Jahren weltweit für Schlagzeilen sorgte: Er entwickelte eine Wasserflasche, die sich nach ihrer Leerung von selbst auflöst. Jónsson stellte sich eine schlichte Frage: „Warum benutzen wir Materialien, die Hunderte von Jahren brauchen, um sich in der Natur zu zersetzen, nur um einmal daraus zu trinken und sie dann wegzuwerfen?“ Der Designstudent experimentierte mit verschiedenen biologisch abbaubaren Materialien, am Ende stellte sich Agar-Agar, ein aus Algen hergestelltes Pulver, das mit Wasser vermischt eine Art Gel-Masse bildet, als am besten geeignet heraus. Eine Flasche aus diesem Material bleibt so lange stabil, wie sie mit Wasser gefüllt ist. Ist sie leer, kompostiert sie sich von selbst, schnell und vollständig. Doch was wie die Traumlösung des Plastikmüllproblems klingt, hat einen Haken: Algen-Flaschen sind nicht geschmacksneutral, das Wasser im Inneren kann salzig schmecken. Vielleicht ein Grund, weshalb Jónssons Idee auf Design-Festivals für Furore gesorgt hat, bisher aber noch nicht zur Marktreife gelangt ist.

Der Markt wächst

Dennoch: Plastik-Alternativen sind keine Zukunftsmusik, sondern werden tagtäglich produziert, hauptsächlich in den USA, Japan und der EU. Auch in Deutschland gibt es längst kompostierbare Tragetaschen, Mülltüten oder Obstverpackungen. Sie bestehen entweder aus nachwachsenden, organischen Stoffen wie Stärke, Cellulose, Milchsäure oder Zuckerstoffen oder auch aus Kunststoffen, die biologisch abbaubar sind. Eine einheitliche Definition, was Bioplastik oder Biokunststoff genau ist oder sein darf, gibt es nicht. Nimmt man alle Biokunststoffe zusammen, kann man jedoch sagen: Der Markt wächst. Im Jahr 2006 lag die weltweite Biokunststoffproduktion noch bei etwa 350.000 Tonnen, was einem Marktanteil von gerade mal 0,2 Prozent entsprach. Ende 2017 waren es gut zwei Millionen Tonnen. Experten schätzen, bis 2020 könnte die Marke von drei Millionen Tonnen geknackt werden, das wäre dann ein Marktanteil von etwa einem Prozent.

Je teurer das Öl, desto konkurrenzfähiger Bio-Kunststoffe

Plastik-Alternativen aus nachwachsenden Rohstoffen haben den entscheidenden Vorteil, nicht aus der endlichen Ressource Rohöl hergestellt zu werden. Interessanterweise ist jedoch auch ihre Herstellung abhängig vom Rohölpreis: Je teurer das Öl, desto konkurrenzfähiger die noch relativ kostenintensiven Bio-Kunststoffe. Und je teurer das Öl, desto höher der Druck, weiterzuforschen und noch bessere Alternativen zu entwickeln.

Abbauprozess dauert zu lange

Nachteile hat Bio-Plastik allerdings auch: Es braucht zwar nicht Hunderte Jahre, bis es sich zersetzt hat, doch für industrielle Kompostieranlagen, die einen Rhythmus von sechs bis höchstens zehn Wochen haben, dauert der Abbauprozess dennoch zu lange. So werden Bio-Tüten hierzulande aus dem Biomüll aussortiert, sollten sie darin landen, da sie aufgrund der Materialstärke zwölf Wochen oder länger brauchen, bis sie sich aufgelöst haben. Daher gilt bisher für sämtliche Verpackungen aus alternativem Plastik: Auch sie müssen bei uns in den Gelben Sack.

Besteck aus Mais und Hirse

Doch es geht auch anders, und es scheint, als arbeite die halbe Welt an neuen Lösungen: Eine österreichische Firma entwickelte Gemüsenetze aus Holz, Alternativen aus Baumwolle oder Bio-Plastik sind bereits im Handel, alle können zigfach wiederverwendet werden. Das indische Startup-Unternehmen Bakeys Edible Cutlery hat essbares Besteck auf den Markt gebracht – bestehend aus Hirse, Weizen oder Reis. Forscher aus den USA entwickelten eine für Lebensmittel geeignete Folie aus Milch, die sowohl essbar als auch biologisch abbaubar ist.

Strohhalme aus – wie erstaunlich! – Stroh

Auch Trinkhalme, von denen allen in Deutschland 40 Millionen Stück im Jahr produziert werden, können ein Problem sein – sofern sie aus herkömmlichen Plastik bestehen. Die EU hat bereits reagiert und die Plastikhalme auf den Index gestellt. Für Marie-Luise Dobler aus Lübeck eine gute Nachricht: Seit 20 fast Jahren produziert ihre „Strohmi“ GmbH Trinkhalme – aus Stroh. Auch Verpackungen aus Stroh oder Mais setzen sich mehr und mehr durch und ersetzen Packmaterial aus Plastik.

Nicht zu vergessen, dass auch Plastik selbst natürlich recycelt wird (in Deutschland sind es rund 50 Prozent der im gelben Sack gesammelten Verpackungen) und als Blumenkübel, Sportshirt, Tüte oder Granulat weitere, nützliche Runden dreht.

Bio-Kunststoffe aus Schlachtabfällen

Doch was wäre, wenn weder fossile Brennstoffe noch Lebensmittel für die Herstellung von Bio-Plastik verwendet werden müssten, sondern Dinge, die eh entsorgt werden, sprich Abfälle? Diese Idee trieb Diplom-Ingenieur Martin Koller mit seinem Team an der Technischen Universität Graz um. In dem, von der EU geförderten Projekt „Animpol“ versuchte Koller, Schlachtabfälle beziehungsweise die Fette daraus als Rohstoff für biologisch abbaubare Kunststoffe und sogar Biotreibstoffe zu verwenden. Die Idee klingt einleuchtend: Jahr für Jahr fallen allein in der EU-Schlachtindustrie etwa eine halbe Million Tonnen sogenannter Lipide an. Aus diesem Stoff ließe sich vergleichsweise preiswert Kunststoff herstellen, der in der Medizin Verwendung finden könnte, etwa sich selbst auflösendes Garn zum Nähen von Wunden oder stabilisierende Einsätze bei Knochenbrüchen. Diese bestehen heute meist aus Titan und müssen später wieder herausoperiert werden, was beim Lipid-Kunststoff nicht nötig wäre, da er vom Körper abgebaut werden würde. Ein weiterer Vorteil: Lipide stehen als Grundstoff zur Verfügung und müssen nicht wie Mais, Zucker und Co. extra für die Verwendung als Grundstoff für Bio-Plastik angebaut werden, womit sie in Konkurrenz zu Nahrungsmitteln stehen. Doch die EU stellte das Projekt ein. Vielleicht, war die Vorstellung, aus Tier-Abfällen Kunststoffe herzustellen, zu unappetitlich?

Wenn die Chipstüte zu laut knistert

Leider erweisen sich auch gute Ideen manchmal als nicht alltagstauglich und scheitern. So war die „Sunchips“-Tüte des US-Snack-Herstellers Frito-Lay zwar biologisch abbaubar, knisterte aber leider extrem laut. Mit bis zu 90 Dezibel lärmte die Bio-Tüte etwa so wie ein Rasenmäher. Die Verbraucher gingen auf die Barrikaden, der Chips-Umsatz brach ein – und eineinhalb Jahre später war die Öko-Tüte aus den Supermärkten verschwunden.

Auch Bio-Plastik belastet die Umwelt

Und was folgt daraus? Die Ansätze, biologisch abbaubare Verpackungen und Alltagsgegenstände herzustellen, sind vielversprechend, doch noch müssen viele Probleme gelöst werden, um ihre Gesamt-Öko-Bilanz zu steigern. Denn auch wenn die Bio-Kunststoffe sich deutlich schneller auflösen als normales Plastik, belastet ihre Herstellung die Umwelt, weil sie Ressourcen und Energie verbraucht oder Gewässer verschmutzt, indem die Felder, auf denen die Grundstoffe wie Weizen oder Mais heranwachsen, gedüngt werden. „Unterm Strich muss man deshalb derzeit sagen: Biobasierte Kunststoffe sind noch längst nicht umweltfreundlicher als herkömmliche Kunststoffe“, heißt es dazu vom Bundesumweltamt. Das Bild wandelt sich, je nachhaltiger und ressourcenschonender die Produktion der Bio-Kunststoffe wird und je häufiger sie anschließend wiederverwertet werden.

Verpackungen vermeiden

Doch das ist ein Prozess, und der dauert. Wer die Umwelt sofort schützen will, denkt in Kreisläufen und vermeidet grundsätzlich Verpackungen, wo immer es geht. Auch Supermärkte beugen sich dem Druck und entwickeln Ideen, um Verpackungen zu reduzieren. So weitet beispielsweise Netto derzeit seinen „Smart Labeling“-Ansatz aus, bei dem die Kennzeichnung von Obst und Gemüse nicht mehr auf eine Folie oder einen Aufkleber gedruckt wird, sondern per Laser direkt auf die Gemüse- oder Fruchtschale. So einfach, so gut. „Allein bei unserem Bio-Ingwer und unseren Bio-Gurken können wir mit ‚Smart Labeling‘ pro Jahr mehr als 50 Tonnen Verpackungen einsparen“, heißt es dazu. Weitere Früchte und Gemüsesorten sollen folgen. Wenn das Schule macht und einhergeht mit einem insgesamt gestiegenen Interesse der Verbraucher an der Vermeidung von Müll, dann heißt es irgendwann doc noch mal: Adieu, Plastikmüll.


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