Fast Zwei-Drittel-Mehrheit Warum besonders viele Deutsch-Türken für Erdogan stimmten

Von dpa

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Erdogan-Fans feiern das Wahlergebnis mit einem kleinen Autokorso im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Foto: dpa/Kay NietfeldErdogan-Fans feiern das Wahlergebnis mit einem kleinen Autokorso im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Foto: dpa/Kay Nietfeld

Berlin. Deutschland ist für den türkischen Präsidenten bei Wahlen eine sichere Bank. Die Ursachen liegen einige Jahre zurück.

Rund die Hälfte der 1,44 Millionen wahlberechtigten Türken in Deutschland hat bei der Präsidenten- und Parlamentswahl abgestimmt. Nach Auszählung von 100 Prozent der Stimmen ist das Ergebnis eindeutig: 64,78 Prozent votierten nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu für Amtsinhaber Recep Tayyip Erdogan von der islamisch-konservativen AKP. Seinen stärksten Konkurrenten Muharrem Ince von der linksliberalen CHP (21,88 Prozent) distanzierte er damit weitaus deutlicher als zu Hause in der Türkei. In allen 13 Wahllokalen in Deutschland erhielt Erdogan nach den von der regierungsnahen Zeitung "Sabah" veröffentlichten Einzelergebnissen die absolute Mehrheit. Hier eine Übersicht: 

  • Essen: 76,3 Prozent für Erdogan, 13,2 Prozent für Ince 
  • Düsseldorf: 70,5 für Erdogan, 18,4 für Ince 
  • Stuttgart: 68,8 für Erdogan, 18,7 für Ince 
  • Münster: 66,1 für Erdogan, 20,3 für Ince 
  • Köln: 65,9 für Erdogan, 20,8 für Ince 
  • München: 65,5 für Erdogan, 26,4 für Ince 
  • Mainz: 64,5 für Erdogan, 20,7 für Ince 
  • Karlsruhe: 63,5 für Erdogan, 22,1 für Ince 
  • Hannover: 60,1 für Erdogan, 20,6 für Ince 
  • Nürnberg: 59,7 für Erdogan, 29,3 für Ince 
  • Frankfurt am Main: 59,8 für Erdogan, 24,4 für Ince 
  • Hamburg: 59,3 für Erdogan, 24,8 für Ince 
  • Berlin: 51,5 für Erdogan, 32,7 für Ince

Bei der Wahl hat Amtsinhaber Recep Tayyip Erdogan in Deutschland damit ein deutlich besseres Ergebnis erzielt als zu Hause. Anhänger Erdogans feierten in der Nacht zum Montag auch auf Deutschlands Straßen unter anderem mit Autokorsos. 

Cem Özdemir zieht AfD-Vergleich

Der frühere Grünen-Chef Cem Özdemir kritisierte das Wahlverhalten der Deutschtürken scharf. "Die feiernden deutsch-türkischen Erdogan-Anhänger jubeln nicht nur ihrem Alleinherrscher zu, sondern drücken damit zugleich ihre Ablehnung unserer liberalen Demokratie aus. Wie die AfD eben", sagte der Bundestagsabgeordnete der Deutschen Presse-Agentur. "Das muss uns alle beschäftigen."

Erdogan hängte seine Konkurrenten bei der Wahl in Deutschland weit ab. Sein stärkster Mitbewerber Muharrem Ince von der linksliberalen Oppositionspartei CHP kam nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu nur auf 21,5 Prozent. Der Kandidat der pro-kurdischen HDP, Selahattin Demirtas, erhielt 9,5 Prozent. Die anderen drei Mitbewerber lagen zwischen 0,2 und 2,6 Prozent.

Bei der Parlamentswahl erhielt Erdogans islamisch-konservative AKP in Deutschland mit 56,3 Prozent sogar die absolute Mehrheit. Ihr Gesamtergebnis lag nach Auszählung von mehr als 99 Prozent der Stimmen bei 42,5 Prozent. Sie ist damit auf ein Bündnis mit der ultranationalistischen MHP angewiesen.

Alle Ereignisse der Türkei-Wahl zum Nachlesen.

Erdogan hatte auch schon bei früheren Abstimmungen deutlich mehr Rückhalt bei den Türken in Deutschland als bei denen zu Hause. Bei der Parlamentswahl im November 2015 kam seine AKP in Deutschland auf 59,7 Prozent. Beim Referendum über Erdogans Verfassungsreform stimmten 63,1 Prozent mit Ja. Das oppositionelle Lager der Reformgegner kam in Deutschland damals nur auf 36,9 Prozent. 

Bis zum 19. Juni konnten Türken in 13 Wahllokalen in Deutschland abstimmen. Mit 49,7 Prozent der rund 1,44 Millionen Wahlberechtigten war die Wahlbeteiligung bis zu diesem Datum so hoch wie nie zuvor. Danach gab es für Auslandstürken aber noch die Möglichkeit, bis zum Wahltag am Sonntag an den Grenzübergängen, Häfen und Flughäfen der Türkei abzustimmen.

Wie die Deutsch-Türken das Ergebnis feiern

Auf dem Berliner Kurfürstendamm feierten Anhänger von Erdogan am Sonntagabend den Wahlsieg. Sie schwenken türkische Fahnen und Banner der siegreichen Regierungspartei AKP. Währenddessen verfolgen Anhänger der größten Oppositionspartei, der linksliberalen CHP, mit zunehmend länger werdenden Gesichtern in einem Restaurant die Berichterstattung über die Wahl.

In Hamburg haben laut eines Berichts des "Hamburger Abendblatts" mehrere Hundert Menschen  am Sonntagabend den Wahlsieg gefeiert. Demnach versammelten sich vor dem Generalkonsulat im Stadtteil Rotherbaum etwa 150 Anhänger des Amtsinhabers, sie schwenkten Fahnen und hupten mit ihren Autos. Ein zweiter Anlaufpunkt für etwa 400 Erdogan-Unterstützer war der Stübenplatz im türkisch geprägten Stadtteil Wilhelmsburg.

Hülya Morkoyun trägt eine Brosche mit dem Konterfei von Mustafa Kemal Atatürk. Als ob die Brosche am Revers verhindern soll, dass Recep Tayyip Erdogan wieder zum Staatspräsidenten gewählt wird, dass seine islamisch-konservative AKP in der Türkei an der Macht bleibt. Morkoyun gehört zu den 1,44 Millionen wahlberechtigten Türken in Deutschland. Fast die Hälfte haben diesmal in extra eingerichteten Wahllokalen ihre Stimmen abgegeben, so viele wie noch nie.

"Es gibt viele Manipulationen"

Morkoyun unterstützt die CHP-Partei, die einst von Atatürk selbst, dem Staatsgründer der Türkei, ins Leben gerufen wurde. Für die Präsidentenwahl bedeutet das: dem Hoffnungskandidaten der Opposition, Muharrem Ince, die Stimme geben. Seit über dreißig Jahren lebt Morkoyun in Deutschland, hat ihre Kinder hier großgezogen. Sie gehört zu denjenigen, die mit Frust in die alte Heimat schauen, wo Erdogan und die islamisch-konservative AKP die Geschicke der Türkei seit nunmehr 16 Jahren lenken.

Was sie im Laufe des Wahlabends hört, gefällt Morkoyun nicht – und noch weniger glaubt sie daran. Erste Teilergebnisse, veröffentlicht durch die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu, deuten auf einen klaren Sieg Erdogans hin. "Es gibt viele Manipulationen", sagt Morkoyun. Die Zahlen seien nicht richtig. Selbst wenn das Endergebnis so verkündet würde, sie würde nicht daran glauben. Um sie herum stehen viele, die das ähnlich sehen.

AKP-Wähler schotten sich ab

Anders sehen das zwei Männer, die zur in Deutschland starken Stammwählerschaft von Erdogan zählen. Hierzulande hat Erdogan bei den Wahlen prozentual deutlich mehr Stimmen bekommen als in der Türkei. Die Männer tragen Fez auf dem Kopf, die osmanische Kopfbedeckung, die Atatürk einst in der Türkei aus der Öffentlichkeit verbannen wollte. Sie betrachten begeistert Dutzende Autos, die hupen und türkische Fahnen schwenken. Um diese Zeit zeichnet sich bereits ein Sieg Erdogans ab, seine Anhänger feiern.

Die Fez-Träger erklären, was ihnen an Erdogan gefällt. "Er redet nicht, er macht", sagt Attila, Student an der TU Berlin. Und könnten sich die Zahlen nicht doch noch ändern? "Wir glauben an Allah, und der lässt uns nicht im Stich", sagt er. Mit einem provokanten Lächeln, als ob er wisse, wie ein solcher Satz bei Deutschen ankommt.

Ein anderer junger Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte, schlägt versöhnlichere Töne an. "Wir essen hier, wir trinken hier, wir arbeiten hier", sagt er. Gegen Deutschland habe er nichts. Aber er glaube eben, dass Erdogan gute Sachen für die Türkei mache.

An Erdogan spaltet sich in der Türkei die Nation. Und auch in Deutschland sind die Gräben tief. Auf der Wahlparty der CHP sorgt man sich sogar darum, wie sehr sich die AKP-Wähler hierzulande abschotten. "Die Medien greifen Erdogan an", sagt ein Mann. "Und dann kommt man nicht mehr an sie ran." Wenn das stimmt, könnte das auf lange Sicht ein Problem werden, denn auf der CHP-Wahlparty tummeln sich Menschen mittleren Alters, die AKP-Anhänger auf den Straßen Berlins wirken um Jahrzehnte jünger.

"Menschen in der Türkei brauchen Ruhe"

Die Türkische Gemeinde in Deutschland hofft nach der Wahl, dass die Spannungen zwischen den unterschiedlichen politischen Lagern nun abnehmen werden. "Seit Jahren dreht sich alles um Politik, die Menschen in der Türkei brauchen Ruhe und ein Ende des Ausnahmezustandes", sagte der Gemeinde-Vorsitzende Gökay Sofuoglu der dpa. Auch viele der in Deutschland lebenden Menschen türkischer Herkunft hätten den Wunsch, nun "zum Alltag zurückzukehren". 

Dass Erdogan bei den Türken in Deutschland deutlich besser abgeschnitten habe als in der Türkei, sei eine Folge der Art von Arbeitsmigration, wie sie die Bundesrepublik ab den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts betrieben habe. Diese Arbeitsmigranten stammten vorwiegend aus einem konservativen Milieu. Menschenrechtsfragen interessierten sie weniger, "für sie ist Erdogan derjenige, der Krankenhäuser, Autobahnen und Einkaufszentren gebaut hat", sagte Sofuoglu.

In Österreich lag die Zustimmung für Erdogan nach Auszählung von mehr als 80 Prozent der Stimmen sogar bei 72 Prozent. Hier könne die jüngste Schließung von Moscheen durch die Regierung eine Rolle gespielt haben, vermutete Sofuoglu. Es sei möglich, dass hier der Faktor "Protest" zum Tragen gekommen sei. Unter den türkischen Studierenden und Akademikern in den USA und in Kanada finden sich hingegen deutlich mehr Anhänger der oppositionellen CHP.


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