Pro Asyl und FDP fordern Erfassung Mehr als 110 Suizidversuche von Flüchtlingen in Norddeutschland

Von Dirk Fisser und Marion Trimborn

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Trauer nach dem Tod eines Flüchtlings in Osnabrück. Foto: Jörn MartensTrauer nach dem Tod eines Flüchtlings in Osnabrück. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. In Hamburg springt ein 26-Jähriger vor eine S-Bahn, in Osnabrück erhängt sich ein Jugendlicher in einem Park: zwei Selbstmorde von Flüchtlingen aus den vergangenen Jahren. Zwei von wie vielen? Das weiß niemand, Behörden in Deutschland erfassen die Zahl der Suizide und Suizidversuche nicht. Mit voller Absicht, sagen Kritiker. So bleibe das Leid der Asylbewerber im Verborgenen.

Das Innenministerium in Mecklenburg-Vorpommern winkt auf Anfrage ab. Daten zu Selbstmorden oder Versuchen von Flüchtlingen würden in dem Bundesland nicht zentral erfasst, heißt es. Auch die Landesregierung in Schleswig-Holstein hat keinen Überblick, weiß aber von einem Versuch und einem vollendeten Selbstmord im laufenden Jahr.

50 Versuche in Niedersachsen

Die beiden Bundesländer sind keine Einzelfälle. Auch andere Landesregierungen können gar nicht oder nur fragmentarisch Auskunft geben. Ein wenig Licht ins Dunkel bringen die Antworten der Regierungen in Niedersachsen und Hamburg auf Anfragen der Opposition. So verzeichnete die Hansestadt vergangenes Jahr mehr als 60 Suizidversuche, in Niedersachsen waren es 50.

Mindestens. Denn nur ein Teil der 47 angefragten Landkreise und kreisfreien Städte in dem Flächenland antwortete auf eine Umfrage des Innenministeriums: Von 47 angefragten Kommunen meldeten 26 zurück, dass sie Kenntnis von insgesamt 39 Suizidversuchen im vergangenen Jahr hätten. Hinzu kamen 11 Versuche in den Erstaufnahmeeinrichtungen, die das Land betreibt. Von hier aus werden die Asylbewerber auf die Städte und Gemeinden verteilt. Insgesamt 50 Versuche also, zwei Menschen starben.

So viele wie auch schon in diesem Jahr. Auffällig dabei: Die Zahl der Selbstmordversuche von Flüchtlingen in den Landeseinrichtungen überstieg bereits im Mai mit zwölf den Wert aus dem Vorjahr. Das Innenministerium verweist angesichts der Entwicklung auf Anfrage unserer Redaktion auf umfangreiche psychologische Hilfsmaßnahmen, die in den Erstaufnahmeeinrichtungen bestünden.

Verzweiflung über Rückführungen

Aus informierten Kreisen heißt es, in dem einen oder anderen Fall sei der angedrohte Suizid möglicherweise eher Druckmittel gewesen, um in Deutschland bleiben zu dürfen. Viel häufiger habe es sich aber um Verzweiflungstaten gehandelt angesichts der Perspektivlosigkeit oder einer drohenden Abschiebung – nicht nur in das jeweilige Heimatland, sondern auch bei Überstellungen in andere europäische Länder. Die seien wie etwa Italien oder Griechenland für schlechte Lebensbedingungen für Flüchtlinge oder aber wie Dänemark für eine harte Abschiebepolitik bekannt.

FDP-Innenpolitiker Jan-Christoph Oetjen hatte sich nach den Zahlen erkundigt. Für ihn steht fest, dass Suizide und Versuche zentral auf Landes- und Bundesebene erfasst werden müssen. Unterstützung erhält er von Pro-Asyl-Geschäftsführer Günter Burkhardt. Der sagte unserer Redaktion: „Eine bundesweite Meldepflicht würde das Problem der Verzweiflungstaten von Flüchtlingen sichtbar machen.“ Im Moment versuche die Politik hingegen die Not der Flüchtlinge unsichtbar zu machen.

Regierung plant keine Erfassung

Das Bundesinnenministerium erklärte kürzlich auf Anfrage der „Frankfurter Rundschau“ mit, sie halte eine zentrale Erfassung der Suizide „nicht für sinnvoll oder zielführend“. Warum nicht, teilte die Behörde nicht mit. Auch das Innenministerium in Hannover erklärt, eine Meldepflicht sei „nicht vorgesehen“. FDP-Politiker Oetjen ist der Meinung, nur wer Überblick über die Dimension eines Problems habe, könne es auch effektiv angehen.

Günter Burkhardt warnt indes vor der Einrichtung der von der Bundesregierung geplanten sogenannten Ankerzentren. Hier sollen Flüchtlinge bis zum Abschluss ihres Asylverfahrens künftig zentral untergebracht werden und nicht länger über Deutschland verteilt werden. „Sollten die von Innenminister Horst Seehofer vorgeschlagenen Ankerzentren Realität werden, würde dies die Zahl der Verzweiflungstaten nach oben treiben“, sagt Burkhardt.


Bitte holen Sie sich rechtzeitig Hilfe, wenn Sie Selbstmordgedanken plagen, und kontaktieren Sie die Telefonseelsorge. Dort wird Ihnen kostenlose Hilfe angeboten. Hier geht es zu der Homepage der Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de). Unter der Telefonnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 können Sie dort auch kostenlos dort anrufen. Auf der Webseite von [U25] können sich Jugendliche jederzeit anonym beraten lassen. Eine Übersicht über weitere Beratungsstellen gibt es auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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